hier einzelner artikel

10. BETTGEFLÜSTER

Knutschen hatte Hannes im Krieg definitiv nicht verlernt. Lale lag in ihrem Bett, nackt bis auf den Slip, und wartete darauf, dass er wieder zu ihr unter die Bettdecke kroch. Die letzten Stunden hatten sie sich geküsst und gestreichelt, und Hannes hatte ihr wieder und wieder zugeflüstert, wie sehr er sie vermisste. Aber Anstalten, mit ihr zu schlafen, hatte er keine gemacht. Lales Blick fiel auf seine Uniform, die ordentlich auf einem Bügel an der Tür hing. Der Krieg hatte ihn verändert. Er war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Doch irgendwas da unten hatte dafür gesorgt, dass er sich jetzt noch mehr in sich selbst zurückzog.
Im Bad ging die Toilettenspülung. Lale setzte sich auf, strich sich mit den Fingern durch die Haare und zog die Bettdecke über ihren Busen. Vielleicht war es Zeit, endlich miteinander zu reden.
„Hey“, sagte er, als er zurück zu ihr ins Bett schlüpfte.
„Hey.“
Er küsste ihren Hals, ihre Schulter, ihr Dekolletee. Sein Geruch war atemberaubend.
„Wie lange kannst du eigentlich bleiben?“
Er hielt inne, sah sie an.
„So lang ich will“. Er strich ihr mit seiner braunen Hand über das Kinn. Seine Handinnenfläche war so rosig wie eine Chamäleonzunge. „Spätestens morgen früh um neun muss ich los.“
Lale nickte. Hieß das, er würde bei ihr übernachten?
„Und Rudi?“
Hannes schüttelte den Kopf und rückte von ihr ab.
„Was meinst du?“
„Die wohnt doch jetzt auch hier in Köln. Seht ihr euch gar nicht?“
„Lale, was willst du eigentlich? Suchst du Streit?“
Er lehnte sich rücklings gegen die Wand und sah sie mit kalten Augen an.
„Wieso Streit? Ich hab nach deiner Schwester gefragt. Muss ich das Thema jetzt auch noch vermeiden?“ Auf einmal war sie unglaublich wütend auf Hannes.
„Es geht doch gar nicht um Rudi“, sagte er genervt. „Es geht um dich! Du willst mich doch gar nicht hier haben!“
„Blödsinn“, konterte Lale, „aber war ja klar, dass du mir wieder den Schwarzen Peter zuschiebst. Kapierst du es nicht? Es ist genau andersrum. Es geht immer nur um dich! Wir sind zusammen, und plötzlich gehst du als Soldat in den Krieg! Hast du dabei einmal an mich gedacht? Und wenn ich drüber reden will, dann machst du zu!“ Damit war ihre Wut auch schon wieder verraucht. Übrig blieb nur die Trauer. „Es ist so schwer ohne dich“, flüsterte sie weinend. „Ich mach mir Sorgen um dich. Jede Sekunde.“
„Schschsch“, machte Hannes und zog sie an sich. „Ich weiß. Es tut mir leid. Ich hab mich falsch verhalten. Es ist richtig, dort unten zu sein. Aber ich hätte dir das nicht antun dürfen.“
Lale nickte. Er küsste ihr die Tränen aus dem Gesicht und strich ihr zärtlich übers Haar.
„Ich liebe dich, Lale. Ich bin traurig, dass es mit uns nicht geklappt hat. Aber ich verstehe, dass es so besser für dich ist.“
„Ich liebe dich auch“, flüsterte Lale.
Und dann lagen sie plötzlich wieder nebeneinander, ihr Bein zwischen seinen, sein Arm auf ihrem Bauch, ihre Lippe zwischen seinen Zähnen. Sie spürte seinen Herzschlag, seinen Atem, seine Liebe.
„Willst du mit mir schlafen?“
Lale nickte. „Aber nur mit Kondom“, hörte sie sich sagen. Sie fühlte, dass sie rot wurde. „Sorry. Aber Single sein heißt Safer Sex“, schob sie hinterher.
Hannes lächelte.
„Dann mal her damit. Als emanzipierte Frau hast du doch garantiert ne Packung Kondome unterm Bett.“
Ein Kondom fand sich weder unterm Bett noch im Bad. Soviel zum Thema emanzipiert, dachte Lale. Sie stand in der Küche und durchwühlte ihre Tasche zum dritten Mal. Und richtig. Da war doch noch eins. Sie hatte es vor Jahren auf einem Festival als Werbegeschenk bekommen.
„Wie sieht‘s aus? Soll ich schnell zur Nachtapotheke?“, rief Hannes ihr aus dem Schlafzimmer entgegen, wo er, auf der Bettkante sitzend, auf seinem Handy herumtippte. Lale hielt das Kondom hoch über ihren Kopf wie den WM-Gürtel eines Box-Weltmeisters.
„Nicht nötig“, grinste sie. Sie schlüpfte zu ihm ins Bett und schmiegte sich an ihn. „Let‘s get ready to rumble!“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

You need to login to post comments!