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11. WALLAS WALLFAHRT

Walla war eine Naturgewalt. Ein Tsunami der Verzweiflung. Eine Massenkarambolage am Kamener Kreuz: Mark litt mit ihm. Doch er konnte einfach nicht wegsehen.
Walla war nicht zum Trinken gekommen. Er war nicht zum Reden gekommen. Er riss sich gleich das Herz aus der Brust und legte es puckernd auf den Tresen, direkt vor Katze, die seinem bewegenden Schauspiel nicht eine sichtbare Gefühlsregung spendierte.
Walla sprach zu Mark oder Kowalski, ließ Katze dabei aber keine Sekunde aus den Augen. Er begann seinen flehenden Vortrag mit einem Exkurs in die wilden 80er.
„Eine Zeit, in der das Blue Shell die rechte und linke Herzkammer des Kwartier Latäng war. Schwarzweiß-karierte Fliesen, Froschfotzenbleche, dazu der kühle Mix von Cowboystiefeln und Rangerboots, Karottenjeans und Bomberjacken, wasserstoffblonden Flats, Elvistollen und polierten Glatzen. Die Wahl zwischen Speed und schlechtem Speed. Und auf der Bühne die Shades, die Local Heros Kölns. Ein schwuler Bassist und drei Riotgirls. Und am Mikro eine kampferprobte Amazone, deren Puls auch im krassesten Pogo-Pit nie über 60 ging. Eine Frau wie zwei Kerle. Eine Göttin. Katze.“
Walla war so in seinem Element, dass sich kleine Spuckeflöckchen von seinen Lippen lösten und im Kamikazeeinsatz Richtung Bar flogen. Er lebte gerade die 80er nach, war auf dem Zenit seines Lebens – und liebte. Voller Inbrunst. Kompromisslos. Eine Unerreichbare. Aus Millionen Legionen hatte sie ihn auserkoren. Wallas Blick schien sich in der Zeit wieder zurückzuschrauben.
„Nur für eine Nacht.“
Mark zeigte nach außen natürlich nicht mehr als das diskrete Nicken, das die Barmänner weltweit eint, wenn jemand an ihrem Tresen sein Herz ausschüttet. Innerlich war er jedoch zum Zerreißen gespannt. Katze redete nicht gern über ihre wilden Zeiten. Und so, wie sie gerade aussah, hasste sie es auch, dass Walla darüber sprach. Der holte gerade zum großen Finale aus.
„Sie war heiß wie ein Harleyauspuff, verstehst du? Zerstörerisch. Aber keine schwarze Witwe. Sie ließ mir das Leben. Leider.“
Wallas letzte Worte versandeten in Selbstmitleid. Er trank sein Bier in einem Stoß aus.
„Deine Chefin ist Heroin, mein Junge. Damals wie heute. Und ab und zu brauch ich einen Schuss.“
Plötzlich, ohne ein Wort, verschwand Katze im Büro. Walla, völlig in sich zusammengesunken, räumte seinen Hocker und wankte in Richtung Tür wie ein entseelter Golem. Kaum fiel die Tür zu, stand Katze wieder hinter Mark.
„Genau das mein ich, Mark. Diese Alkoholaufrisse sind gefährlich. Dabei fängst du dir leicht einen Stalker ein.“
„Hat er oder hat er nicht?“, grinste Mark.
„Was?!“
„Na vom Heroin gekostet. Hat er die Göttin ins Bett gekriegt?“
Katze sah fast verlegen aus.
„Ehrlich? Keine Ahnung. Er behauptet es. Und ich hab‘n Filmriss.“
Für einen Moment sah Katze so alt aus, wie sie wirklich war.
„War ‘ne abgefahrene Zeit damals.“
Sie flippte sich eine Kippe zwischen die Lippen, zündete sie an und ließ sie aufglühen. Zwei dicke Kondensstreifen schossen aus ihren Nasenlöchern. Marks Augenbraue erinnerte an den staatlich verordneten Gesundheitszwang. Katze nahm einen Extrazug und zerdrückte die Zigarette in dem Aschenbecher, den er ihr hinhielt.
„Manchmal vergess ich sogar das Gesetz, das mir den Umsatz ruiniert. Pass auf, Mark. Wenn Wallas Besuch überhaupt irgendeinen Sinn hatte, dann den: Fang dir keinen Stalker ein. Mir ist egal, was du in deiner Freizeit machst. Wo du nach Dienstschluss deinen Absacker trinkst. Wen du da triffst. Warum du ihn knatterst.“
„Sie!“
„Oder sie, mir völlig egal. Aber das Glamrock ist kein Kontakthof, verstanden? Ein Walla alle paar Monate reicht. Ich hab keinen Bock auf noch mehr Stress.“
Dieser Walla schien ihr wirklich zuzusetzen. Und das seit Jahren. Jahrzehnten. Ausgerechnet ein Barstalker bescherte Katze immer wieder Höllenmomente. Und nun wollte sie Mark davor bewahren, denselben Fehler zu machen. Sich eine weibliche Version von Walla ins Leben zu holen. Und in die Bar. Mark nickte. Er hatte die Botschaft verstanden. Doch dann meldete sich das Schicksal mit zwei in ihrer Parallelität eher unschönen Ereignissen zurück: Marks Handy empfing eine weitere SMS von Kussi-Eva. Und die Tür des Glamrock schwang auf und ließ einen neuen Gast herein: Carmen…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
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