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12. DATE MIT JOAQUIN

Rudi griff in die riesige Tüte, die zwischen ihren Knien klemmte, und warf sich eine Handvoll salziges Popcorn in den Mund. Weiter links von ihr knutschte ein älteres Paar, und zwei Reihen vor ihr versuchte eine Horde balzender Teenie-Jungs, eine Gruppe Mädels zu beeindrucken. So, wie es aussah, mit Erfolg.
Rudi kuschelte sich tiefer in den lädierten Kinosessel und grinste innerlich. Ihr stand ein Film mit Joaquin Phoenix bevor und danach ein Wiedersehen mit ihrem großen Bruder, den sie seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Abgesehen von den paar Skype-Dates, aber die zählten nicht. Dabei hatte sie Hannes zwar sehen können, aber gefühlsmäßig waren sie Galaxien voneinander entfernt geblieben.
Der Saal wurde dunkel, und der rote, mottenzerfressene Vorhang öffnete sich. Hier gab es keine Werbung, der Film würde sofort beginnen – dem 1-Euro-Kino sei Dank!
„Hier ist doch bestimmt noch frei, oder??“
Rechts neben Rudi stand ein Typ und deutete auf den Platz neben ihr. Auf den sie extra ihre Jacke gelegt hatte.
Der Typ war allein, da stand keine Gruppe von Menschen hinter ihm, für die Rudi hätte einen Platz weiter rücken können. Der wollte doch nicht wirklich direkt neben ihr sitzen? Bei schätzungsweise zwanzig freien Plätzen im Raum?
„Kommt noch jemand. Sorry“, log Rudi.
„Oh, okay. Nehm ich halt den daneben. Dann können wir deine Begleitung von zwei Seiten wärmen.“
Der Typ ließ den Platz neben Rudi frei und setzte sich. Er trug Stetson-Hut und Hornbrille und einen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen FDP und CDU. Rudi fischte nach der Flasche Kölsch, die sie unter ihrem Sitz geparkt hatte. Na toll. Für ihren Geschmack hätte er sich ruhig ein paar Reihen weiter weg setzen können.
„Salute“, prostete er und hielt ihr sein Tuborg entgegen. „Mal sehen, ob Signs uns heute überzeugen kann!“
Rudi rang sich ein nicht zu freundliches Lächeln ab und prostete zurück. Dänisches Bier. Wer trank denn sowas? Sie tippte auf Filmstudent. Einer von der Sorte, die jeden Film hassten, der nicht von einem Regisseur stammte, der entweder mit Minderjährigen schlief oder seine Frau für seine Adoptivtochter verließ.
Plötzlich blinkte auf ihrer Jacke das lautlos gestellte Handy.
Eine SMS von Hannes: „Hey Sis, 10 klappt auch nicht. Wird eher 12. Freu mich auf später. Pommes & Döner? Oder Bier & Chips?“
Rudi starrte auf das Display. Das war jetzt schon die dritte SMS in Folge, in der Hannes die Uhrzeit nach hinten schob. Was machte er bloß? Der Bundeswehr-Dreh musste doch längst beendet sein.
„Freu mich auch. Ruf an, falls es früher klappt. Bin noch in der Stadt. Kölsch & Salzbretzeln!“, tippte sie und drückte auf Senden. So langsam kamen ihr Zweifel, ob sie Hannes tatsächlich zu Gesicht kriegen würde.
Sie warf sich eine neue Ladung Popcorn in den Mund und spülte mit Kölsch nach. Endlich begann der Film.
„Du kennst den Streifen auch schon, oder?“, fragte der peinliche Stetson von der Seite und stippte dabei seinen Hut aus der Stirn. Als hätte er seinen Abschluss am Clint-Eastwood-Kolleg gemacht.
„Hmmm“, murmelte Rudi. Bloß nicht zu freundlich sein, sonst fühlte er sich noch aufgefordert, weiter zu texten.
„Kein Hollywood-Highlight, oder?“, dozierte er. „Ziemlich vorhersehbare Story. Und der Twist im dritten Akt – gute Güte! Viel zu platt.“ Er lachte plötzlich. „Sorry, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin der Bernd.“
Rudi hob wortlos die Flasche. „Der-Bernd“ war ja wohl völlig schmerzfrei. Warum setzte ein Mann einen männlichen Artikel vor seinen Namen? Aus Angst, dass man ihn sonst für ein Mädchen hielt?
„Und hast du auch einen Namen? Oder soll ich einfach Prinzessin sagen?“
„Sorry, der-Bernd“, flüsterte Rudi, drückte sich dabei tief in ihren Sessel und nickte auch für Hörgeschädigte verständlich Richtung Leinwand, „ich hab ein Date mit Joaquin Phoenix.“
Das schien gesessen zu haben. Er lehnte sich wortlos zurück und zog seinen Hut tief über die Augen. Es sah nicht wirklich so aus, als ob er überhaupt noch etwas von der Leinwand sehen konnte, aber darüber konnte und wollte Rudi sich keine Gedanken machen.
Jetzt war Joaquin-Phoenix-Zeit, und dieses Date ließ sie sich von niemandem versauen.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
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