hier einzelner artikel

13. SEX-DEFRAGMENTIERUNG

Lucky lag auf seinem Kingsize-Bett und balancierte den Laptop auf seinem Schoß. Das Selbstmitleid hatte ordentlich an seinem ohnehin schon winterlichen Teint gefressen, und er fühlte sich so ausgepowert wie nach einem Marathon durch die Polarwüste.
Die letzten Tage hatte er sich in diesen Job verbissen, hatte erotische Szenarien durchdacht und schließlich sogar durchträumt. Doch dann hatte Mandy Hundsthaler diesen grausigen und doch unersetzlichen letzten Job, der seine Moral noch über Normalnull gehalten hatte, gecancelt. Das einzig Positive war, dass er den Vorschuss des Verlags behalten durfte – auch wenn die meiste Kohle schon längst für Miete, Strom und eine Kühlschrankfüllung draufgegangen war.
Lustlos kämpfte Lucky sich durchs Fernsehprogramm. Wo immer er landete: nur Wiederholungen, das typische Jahresendzeit-Szenario von Doku-Trash, in dem normale Menschen für mickrige Tagesgagen auf ihrer Würde rumtrampeln ließen. Dazu unsägliche Titten-Quizshows und Kerner-Talks. Kein Wunder, dass Lucky keine Jobs mehr hatte. Seine Auftraggeber hatten einfach alle Budgets für echtes Fernsehen zusammengestrichen, um von dem Geld opulente Weihnachtsfeiern zu veranstalten, auf denen die Jobs fürs nächste Jahr verdealt wurden.
Er klappte den Laptop zu und genoss die plötzliche Schwärze des Zimmers. Seine verzweifelten Versuche der letzen Tage, sich heterosexuelle Erotikgeschichten aus Frauenperspektive aus dem Hirn zu schrauben, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Er war hirnwund und damit anfällig für jegliche Vorstellung lüsterner Eskapaden. Bärtige Bärchen, Ledertransen, Teekännchenschwuppen – in diesem Moment war alles denkbar. Und gleichzeitig unerwünscht. Lucky war keiner von diesen „Ich bin gerne Single“-Heuchlern. Und er hasste jegliche Form von hastigem Klappen-, Darkroom- oder Fummelpartysex. Zumindest in einem Dorf wie Köln, wo er diesen Menschen dann immer wieder begegnen würde. Er wusste, dass Sex keine Probleme löste. Und doch … konnte er keine Sekunde lang nicht an Sex denken.
Wie ferngesteuert griff er zum Telefon und wählte Marks Nummer. Sein Nachbar war ein echtes Schnittchen, und er hatte dazu drei ganz entscheidende Vorteile: Er war ansteckend gutlaunig, unbelehrbar heterosexuell und als Barmann quasi ein Profi im Seelentrösten.
„Mark? Ich bin’s.“ Lucky stellte auf laut, denn sogar zum Telefonhalten fehlte ihm die Kraft. „Ich brauch dringend ne Druckbetankung.“
Marks Lachen schepperte durch den überforderten Telefonlautsprecher.
„Komm vorbei. Kardinal Katze hält gerade Heilige Inquisition. Da könntest du auf dem Rückweg gleich meine sterblichen Überreste verscharren.“
Das klang genau nach der Portion Drama, die Lucky davon abhalten würde, weiter an der Sorgenpfeife zu saugen. Oder schlimmer: sich in irgendwelche unverbindlichen Sexkapaden zu stürzen, für die er sich die nächsten Tage wieder durchschämen und verdammen würde.
Lucky wollte gerade seinen Rechner runterfahren, als sich, sekundengenau getimet, einmal mehr ein Chatfenster öffnete – Giorgio94.
„Bin im Eckig. Bock auf ein Bier?“
Das Eckig. Seit über einem Jahrzehnt der Schlager-Leuchtturm im schwulen Bermudadreieck Kölns. Zum Feiern und Abgehen perfekt, für ein Blinddate mit Gesprächsanteilen aber definitiv zu laut und quirlig. Überhaupt: Was sollte Lucky mit einem 18jährigen Dating-Junkie besprechen? Ob Lady Gaga jetzt einen Pimmel hatte oder nicht? Ob Dieter Bohlen ein schwulenfeindlicher Rassist war oder hohl? Oder beides?
Oder war Lucky selbst der Depp? Hatte er bloß Angst, sein festgefahrenes Leben in einem volljährigen Frischling gespiegelt zu sehen, der lebte, was er liebte? Ohne Kompromisse. Warum sollte ein 18jähriger nicht genausoviel zu geben haben wie ein Endzwanziger? Gab es eine Altersgrenze für Spaß? Und wann hatte Lucky sie überschritten? Und warum? Und warum hatte er davon so gar nichts mitbekommen?
Lucky klickte das Chat-Fenster weg, doch es poppte direkt wieder auf.
„Oder wenigstens eine rauschende Nacht?“, schob Giorgio94 hinterher.
Lucky fuhr den Rechner runter. Und versuchte dasselbe mit seiner Spontan-Erektion. Ohne Erfolg.

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

You need to login to post comments!