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15. TRESENTALK

Der-Bernd hatte den Film über kein Sterbenswörtchen mehr gesagt. Als das Licht den Kinosaal erhellte und die wenigen Besucher sich von ihren Sitzen erhoben, war sein Platz gottseidank verwaist.
Rudi blieb sitzen und las den Abspann. Irgendwann würde auch ihr Name auf einer Leinwand zu lesen sein. Sie verließ den Saal als letzte. Draußen vor dem Kino herrschte geschäftiges Treiben. Kein Vergleich mit Bielefeld, wo um diese Uhrzeit schon großflächig die Bürgersteige hochgeklappt wurden. Rudi sah auf ihr Handy. Keine neue Nachricht von Hannes. Also genug Zeit für einen Absacker. Vielleicht würde sie ein paar Unileute treffen. Mit denen hatte sie bisher nicht viel Kontakt. An den Wochenenden fuhr sie immer noch viel zu oft nach Hause, und unter der Woche verbrachte sie ihre Zeit entweder in der Unibibliothek oder im Kino.
Noch geflasht von Joaquin Phoenix‘ Optik und Performance, fuhr Rudi auf ihrem Rad Richtung Belgisches Viertel, direkt ins Hallmackenreuther.
Der Laden war gut gefüllt mit den üblichen Verdächtigen: Kreative, die gebannt in ihre Laptops starrten, frisch Verliebte, die einander zum Glück unverständliche Liebeserklärungen zuraunten, und Styler, die auf geübt nebensächliche Art ihre Blicke schweifen ließen. Hier wurde gelacht, da diskutiert und dort sogar gestritten.
Rudi ging einmal ganz durch den Laden und sog die Atmosphäre in sich auf. Leider entdeckte sie dabei kein bekanntes Gesicht. Aber deswegen würde sie nicht unterkriegen lassen. Jetzt, wo sie einmal hier war, wollte sie auch bleiben.
„Na, wenn das kein Zufall ist.“
Der-Bernd. Der Stetson-Behütete aus dem Kino. Er stand vor ihr, lässig an den Tresen gelehnt. Heute war irgendwie der Wurm drin.
„Auch ein Kölsch?“, fragte er und hob zwei Finger in die Luft. Prompt bekam er zwei Gläser in die Hand gedrückt. „Hier.“ Er hielt Rudi ein Glas hin. „Und jetzt verrätst du mir hoffentlich deinen Namen.“
„Rudi.“ Irgendwas in seinem Gesicht stimmte nicht.
„Rudi? Wie Rudolf?“
„Wie Gertrud.“
Plötzlich wusste sie, was sie schon die ganze Zeit irritiert hatte: Der-Bernd hatte entweder keinen Bartwuchs, oder er epilierte sich sein Gesicht. Seine Haut war glatt wie ein Babypopo. Und der ganze Typ sowieso absolut nicht ihr Fall.
„Ah. Na dann Prost, Rudi.“
„Prost, der-Bernd.“ Rudi nahm einen Schluck und überlegte, wie lange er wohl an seinem Outfit herumgebastelt hatte. Zu Hut und Hornbrille trug er einen schwarzen, knielangen Ledermantel. Darunter blitzen Jeans und ein rosafarbenes Hemd hervor.
„Jetzt mal im Ernst“, fragte der-Bernd mit gespielter Entrüstung, „warum hast du dir bloß Signs angesehen? Du studierst Film, oder? Bei mir an der KHM? Du kommst mir bekannt vor.“
„Nee, ich studier Medienwissenschaft. An der Uni.“
„Oh Gott. Wirklich? Dann kennst du bestimmt Katinka. Obwohl – die bricht gerade ab und geht nach München. Hat Blut geleckt in meinem Abschlussfilm. Großes Schauspieltalent.“
Rudi schüttelte wortlos den Kopf und nuckelte an ihrer Flasche. Der-Bernd schien sich ziemlich geil zu finden. Hinterm Tresen warf ihr ein großer, schlanker Typ einen aufmunternden Blick zu. Vermutlich sah er ihr an, wie sehr sie sich gerade langweilte.
„Aber noch mal zurück zum Film“, schob sich der-Bernd wieder in ihren Fokus, „den kannst du nicht ernsthaft gut finden. Hast du dir dieses CGI-Monster am Schluss mal genauer angesehen? Wie im Legoland! Und diese inszenierte Langeweile! Jeder Rosamunde-Pilcher-Sonntag hat mehr Pep!“
„Seh ich total anders,“ trotzte Rudi. Sie hatte zwar noch keinen Schimmer von Film-Theorie. Aber von so einem Stetson-Poser würde sie sich Joaquins zweitbesten Film nicht kaputtreden lassen.
„Ich finde Signs spielt mit der Isolation und der Bedrohung, die von außen einbricht. Das ist ein brandaktuelles Thema, kuck dir nur Japan an. Und ob ein Alien echt aussieht, soll meinetwegen Erich von Däniken entscheiden, da halte ich mich raus.“
Der-Bernd musterte Rudi, als hätte sie ihm soeben ins Gesicht gerotzt. „Schätze, du studierst noch nicht so lang“, presste er herablassend hervor. Dann exte er sein Kölsch und knallte es eine Spur zu laut auf den Tresen. „Ich muss mal weiter. War nett, mit dir zu diskutieren, kleine Rudi.“
„Gleichfalls, der-Bernd“, gab Rudi lächelnd zurück.
Der-Bernd tippte sich an seinen Hut und suchte das Weite.
Zurück blieb Rudi. Mit dem Gefühl, eine große Schlacht gegen einen übertrieben selbstbewussten Goliath gewonnen zu haben.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
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