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16. EVA VS. CARMEN – LIVE

Nichts rettet ein Wasserschweinferkel vor einer Anaconda.
Außer einer zweiten Anaconda.
Mark fühlte sich unwohl.
Er hatte sich ganz auf seinen Job konzentriert. Hatte Carmen einen zweiten Mai Thai gemacht und ein Kölsch und einen Wodka vor Eva gestellt. Katze hatte gar nichts trinken wollen. Sie wollte nicht abgelenkt werden, keine Sekunde dieser peinlichen Schlammschlacht verpassen. Das, was sich gerade live vor dem Tresen abspielte, war das krasseste Verbal-Sparring in der Geschichte des nationalen Damen-Debattiersports.
Als das Gezicke zwischen Eva und Carmen irgendwann zu unübersichtlich wurde, begann Katze Fragen zu stellen. Und mit jeder Frage schickte sie Mark ein Lächeln mit der Fußnote ‚Hör dir genau an, was die beiden Mädels für Probleme haben, Mark. Dann nimm es hoch Zehn. Und das sind dann die Probleme, die du mit mir bekommst, wenn du noch ein einziges Mal zulässt, dass sich so ein würdeloses Schauspiel in meinem Laden abspielt‘.
Mark verstand. Er wusste, dass Katze Recht hatte, und versuchte, irgendwas von dem zu verstehen, was Carmen und Eva sich an den Kopf schmissen. Vorwürfe vorwiegend, aber unverständlich. Beleidigungen. Derbe. Konkrete Attacken. Darin häufig Männernamen und Begriffe wie „Schlampe“, gelegentlich in der Kombination mit „dreckig“, „untreu“ und „pimmelsüchtig“.
Carmen und Eva, begriff sogar Mark mit der Zeit, teilten nicht nur eine Wohnung. Sie teilten auch ihre Männer, indem sie sie einander munter ausspannten. Um Männer oder Liebe ging es dabei allerdings so wenig wie um Sex. Es ging nur darum, die andere zu verletzen, aus der Wohnung zu treiben. Zu siegen.
Frauen.
Carmen grinste plötzlich dämonisch.
„Weiter so, Eva. Warum heulst du noch nicht? Keine Tränchen heute?“
Carmen lächelte. Magnetisch. Fast hätte Mark zurückgelächelt. Doch mit einem Blick auf Katze fing er sich gleich wieder.
„Eva, eins muss man dir lassen“, Carmen musterte Mark, „süß ist er.“
„Hast du ihn deshalb gleich angebaggert, als er aus meinem Schlafzimmer kam?“, keifte Eva, „der war noch bettwarm!“
Carmen lachte.
„Dass deine Männer einen guten Geschmack haben und früher oder später in meinem Bett landen, ist ja nicht mein Problem. Das ist Evolution, Eva. Kapier das endlich.“
Carmen stand auf, pulte einen 20-Euro-Schein aus ihrer Hose und reichte ihn Mark.
„Der Rest ist für dich.“ Sie nickte Richtung Katze, ließ Mark aber nicht aus den Augen. „Vielleicht kaufst du deinem Sidekick ein paar Aspirin. Die sieht nach Kopfschmerz aus.“
Damit packte sie ihren Mantel und ging zur Tür, wo sie sich, schon eine Kippe zwischen den Lippen, nochmal umdrehte und Marks Augen fixierte.
„Besuch mich, Torero. Du weißt ja, wo ich wohne.“ Ihr Feuerzeug flammte auf, und mitsamt ihrer Rauchschwade verschwand Carmen nach draußen in die Spätherbst-Nacht. Mark sah ihr nach, ebenso Katze und Eva.
„Besuch mich, Torero“, äffte Eva abfällig nach.
„Hör zu, Eva, es tut mir leid.“ Mark lächelte ermutigend. „Das mit uns beiden wird nix. Und keine Sorge. Das gleiche gilt für deine Busenfreundin. Die Getränke heute gehen aufs Haus. Und ihr würdet mir eine große Freude machen, wenn ihr euch für diese kranken Psychospielchen eine andere Bar sucht.“
Mark sah auf der Suche nach Bestätigung zu Katze. Ihr zufriedenes Nicken kam seinem Blick entgegen.
Eva nahm sich einen 10-Euro-Schein, wickelte ihn langsam um ihren Mittelfinger und tauchte ihn in ihr halbvolles Kölsch. Dann verschwand auch sie aus der Bar.
Es dauerte eine Weile, bis Mark sich traute, Katze in die Augen zu sehen.
„Sorry, Katze, kommt nicht wieder vor. Lektion gelernt.“
Katze musterte Mark mit einem Nagel-Blick. Plötzlich rissen ihre Lachfalten auf.
„Respekt, Mark. Du schleppst nicht einfach irgendwelche Frauen ab. Du nimmst immer die Psychopathinnen.“
Sie grölte hustend. Mark lachte nur Playback mit. Er fühlte sich keineswegs befreit. Nicht von Eva, nicht von Carmen. Vor allem nicht von Carmen.
Er hatte seine Lektion gelernt, sicher. Aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass ihm das in seinem Leben nicht zum ersten Mal passiert war. Und nicht zum letzten.
Frauen, Mann, Frauen.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
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