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17. WILLIG & DANKBAR

Ordentlich vorgeglüht und mit Barmann-Tipps von Mark versorgt, schaukelte Lucky vor der Tür des Glamrock zwischen zwei Zielen hin und her: seinem Zuhause und den Verlockungen der Nacht. Da es keinen schlechteren Ratgeber als Alkohol gab, entschied er sich für die Nacht und torkelte Richtung schwules Bermudadreieck.
Mark war einfach unglaublich. Er dachte keine Sekunde nach und machte einfach, was er für richtig hielt. Dass das im Zweifel immer falsch war und grundsätzlich mit Frauen zu tun hatte, machte ihn dennoch nicht unglücklich.
Lucky dagegen dachte jede Sekunde seines Lebens nach, über Fehler der Vergangenheit oder Gefahren der Zukunft. Dass sich dazwischen auch so etwas wie Gegenwart versteckte, die es zu genießen galt, merkte er selten. Und meist erst dann, wenn er vor Mark am Glamrock-Tresen saß und sich dessen Liebesdramen anhörte.
Es war irgendetwas Undefinierbares zwischen spät und früh, und so wankte Lucky über einen fast verlassenen Rudolfplatz Richtung Eckig. Dabei ließ er seine Gedanken frei galoppieren. Er hatte keine Beziehung. Keinen Sex. Und er war horny wie ein Stier beim Almauftrieb. Die letzten Wochen, in denen er sich ausschließlich mit heterosexueller Erotik hatte herumschlagen müssen, brauchten ein klares Ende. Ein Signal der Entschlossenheit. Oder verführte ihn bloß der bunte Cocktailmix, den er gerade standhaft durchgetestet hatte?
Er blieb für einen Moment an der roten Ampel stehen, versuchte sich zu sammeln, fand nichts, das des Sammelns würdig war, und stieß schließlich mit einem gemurmelten „Nur Kucken, nicht anfassen“-Vorsatz die Tür zum Eckig auf.
Warmes Licht legte sich auf seine promillegeschwängerte Netzhaut – der Laden war noch gut besucht, und von allen Seiten schossen interessierte Blicke auf ihn ein. Lucky probierte ein selbstbewusst wirkendes 360-Gradlächeln, brach nach 180 Grade schwindelbedingt ab und ging straight zum Tresen durch, dessen Gelsenkirchener-Barock-Anmutung ihn magisch anzog.
Mit dem zungenmotorisch einwandfrei vorgebrachten Zweisilber „Gin Fizz“ und zwei Fingern, die „doppelstöckig“, „Peace“ oder „Fick dich“ bedeuten konnten, schraubte er sich verhältnismäßig elegant auf einen Barhocker und grinste stumpf in das bunte Flaschenregal.
„Was weht die Nacht denn da für eine Sünde ins Paradies?“ gluckste es in sein linkes Ohr. Lucky drehte sich langsam um und sah in die stahlblauen Scheinwerfer eines Kalendermodells, das man sich überhaupt nicht mehr schönzutrinken brauchte. Reflexhaft schloss Lucky die Augen, atmete tief ein und aus, hob die Liddeckel wieder. Was er jetzt sah, hatte nur noch wenig mit dem ersten Eindruck zu tun, machte ihm aber auch nicht mehr so viel Angst: ein etwa 1,80 großer, braungebrannter Fitnessfreak im knallengen Muskelshirt, Glatze, leicht vernarbte Wangen, neugierige Augen, einladendes Lächeln ohne schadhafte Zähne. Es gab auf den zweiten Blick nur etwa 42 Gründe, die gegen ihn sprachen: je 20 durchbohrten seine Ohren, die restlichen zwei waren durch seine Mundwinkel geschossen. Ein Piercingfreak. Süß. Aber ein Piercingfreak.
Der knackige Barmann stellte zwei Gin Fizz vor Lucky.
„Zum Wohl.“
Lucky drehte sich zu den Drinks, nahm einen, überlegte einen Moment mit geschlossenen Augen, reichte dem Piercingfreak schließlich den anderen Drink, stieß mit ihm an und stürzte den Gin gegen sein Zäpfchen.
„Ich bin Will.“
„Will? Wie in willig und dankbar?“
Will schien diesen Spruch mehrmals täglich zu kassieren, also schnitt Lucky die unangenehme Pause mit einem „Lucky“ ab, legte aber gleich den Finger auf die Lippen, als er Wills Lächeln sah.
„Nein, Will, heute ist nicht dein lucky day.“
Damit war die Stimmung für Luckys Einschätzung ausreichend abgelöscht. Er war Single. Er war einsam. Er war horny. Aber ein Piercingfreak? Da musste er nicht mal kucken, geschweige denn anfassen. Gottseidank!
Will wandte sich ab und tuschelte mit dem knackigen Barmann. Lucky bereitete sich auf einen doofen Spruch, einen Rausschmiss oder beides vor. Statt dessen stand ein paar Sekunden später ein weiterer Gin Fizz vor ihm. Und einige Platitüden, Gags, Lacher und Tuscheleien später spürte Lucky zwischen seinen Lippen die erste gepiercte Zunge seines Lebens…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
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