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18. DER MORGEN DANACH

Lale blinzelte verschlafen. Draußen kreisten die Raben, irgendwo entfernt kläffte ein Hund. Sie reckte sich. Schön, vor dem Wecker aufzuwachen. Noch schöner, dass Adnan den Laden heute allein schmeißen würde.
Erst jetzt bemerkte sie Hannes‘ Hand auf ihrer Hüfte. Er schlief hinter ihr. Im Löffel. Sie schloss die Augen, hörte auf seinen Atem und dachte an letzte Nacht. Der Sex war wunderschön. Vertraut, eingespielt – und doch anders als sonst. Langsam, um ihn nicht zu wecken, drehte sie sich um. Wenn er schlief, sah er so anders aus. Viel sinnlicher, verletzlicher, nicht so cool. Am Tag versteckte er seine Gefühle meist hinter einem stahlharten Pokerface. Aber im Schlaf und beim Sex konnte sie sehen, wie er wirklich war: sensibel und zärtlich. Der Mann ihrer Träume.
Ob sie es doch nochmal versuchen sollten? Vielleicht gab es ja einen Weg, mit dieser kranken Form von Fernbeziehung fertig zu werden.
Sie hob seine Hand an, löste sich vorsichtig aus der Umklammerung und stand auf. In der Küche kochte sie sich einen Tee. Dann ging sie ins Bad und ließ Wasser in die Wanne.
„Was wird das denn?“ Hannes stand hinter ihr im Türrahmen und beobachtete sie lächelnd.
„Ich dachte, wir baden zum Abschied. Ist doch viel schöner, als über ner Tasse Tee am Küchentisch zu hocken.“

Wenig später saßen sie einander in der Wanne gegenüber. Ihre Füße lagen auf seinem Brustkorb, er knabberte an ihren Zehen und hatte seine Beine zu beiden Seiten um ihren Körper gelegt.
„Warum bist du eigentlich hier?“, fragte sie.
„Die haben mich interviewt. Für einen Image-Film. Und dann gab‘s noch ein Fotoshooting mit Bundespräsident und Verteidigungsminister.“ Er knabberte weiter an ihren Zehenspitzen.
„Nein, das mein‘ ich nicht“, sagte Lale. „Ich mein, warum du hier bist. Bei mir. In dieser Wanne.“ Sie grinste unsicher. Warum hatte sie überhaupt damit angefangen? Es lief doch alles gut bisher. Warum jetzt ein Grundsatzgespräch vom Zaun brechen?
„Hör zu, Lale“, sagte Hannes reserviert und umschloss ihre Füße mit seinen Beschützerhänden. „Ich hab da unten was über mich gelernt. Ich bin kein guter Mensch. Und ich mache Fehler. Ein Fehler war, dass ich nicht von Anfang an kapiert habe, dass ich nicht gut bin für dich.“
Seine Worte trafen Lale direkt ins Herz. Auf einmal wusste sie, dass er es nicht noch mal probieren wollte.
„Bist du deshalb hergekommen? Um mir das zu sagen?“
Hannes nickte. Lale zog ihre Füße zurück und setzte sich auf. Ihre Haare, die sie zu einem Knoten hochgebunden hatte, lösten sich und fielen ins Wasser.
„Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr“, sagte er. In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen. Totales Pokerface. Manchmal hasste sie diese „Lonesome-Cowboy“-Attitüde. Und diese kalten Augen, die ihm der Scheiß-Krieg verpasst hatte, die hasste sie erst recht.
„Du bedeutest mir mehr als mein Leben, Lale“, sagte er. „Ich will, dass du glücklich bist. Deswegen müssen wir Abstand halten. Ich bin nicht gut für dich.“
Lale kämpfte gegen ihren aufkommenden Zorn. Jetzt musste er nur noch sagen „Du verdienst was besseres“, dann hätte er alle Trennungs-Platitüden in einem Atemzug benutzt.
„Danke. Ich weiß selbst, was gut für mich ist.“
Er nickte und klatschte mit der flachen Hand aufs Wasser. Die Bewegung verursachte eine unruhige Wellenflut. Das Wasser war schon fast kalt. Oder kam die Kälte aus ihrem Inneren?
„Ich weiß, Lale. Das meine ich doch. Als du Schluss gemacht hast, hast du dich geschützt vor mir. Und das war richtig. Du bist anders als ich. Du verschmilzt in einer Beziehung. Ich kann das nicht. Ich brauch meinen Freiraum.“
„Soll das heißen, du bist deswegen Soldat? Weil ich dich in den Krieg getrieben habe?“
„Quatsch. Ich mein’, du hattest Recht mit der Trennung. Wir tun uns beide keinen Gefallen, wenn wir das vergessen.“
Das Wasser war tatsächlich eiskalt. Lale beugte sich vor und ließ heißes nachlaufen.
„Wie kannst du das nur so sehen“, sagte sie zitternd. Ihre Stimme verriet hoffentlich nicht, wie verletzt sie war, „du kommst nach Köln, erzählst mir, dass du mich liebst, schläfst mit mir. Und dabei geht‘s dir die ganze Zeit nur um Sex?“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
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