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19. KÜSSER-QUALITÄTEN

Das eigentlich Absurde an der Situation waren nicht Will oder seine Piercings, sondern seine Kusstechnik.
Lucky war kein Kind von Traurigkeit. Wie jeder Mann liebte er Sex. Aber er war anspruchsvoll geworden in den letzten Jahren. Was die Optik und den Intellekt seiner Partner anging, vor allem aber ihre Küsser-Qualitäten. War ein Kuss früher eher so etwas wie eine Eintrittskarte oder ein kurzes Vorspiel, war diese Kunstform mehr und mehr zu einem Dealbreaker geworden. Ein Mann, der nicht küssen konnte, würde nur noch in absoluten Dürreperioden einen Weg in Luckys Hose finden. Zum erweiterten Kuss-No-go gehörten Zungenakrobaten, Schnäuzerträger – besonders die Kölsche Spezialität mit Kurbelspitzen – Raucher, Zahnarztverweigerer und natürlich Zungengepiercte.
Jetzt hing Lucky Will bereits seit mehr als vier Drinks zwischen den Lippen – und war begeistert. Nicht vom Piercing, soweit verzauberte Will ihn dann doch nicht. Aber von seiner Technik, von seiner beharrlichen Weichheit, seinem unaufdringlichen Knabberstyle, der Lucky völlig vergessen ließ, was da alles an Metallveredelung zwischen Ohren und Mundwinkeln baumelte und vor allem die sensible Zungenspitze zierte.
Zu Beginn hatte Lucky fast die Fäuste geballt vor Angst, dass Will ihm mit seiner Abrisskugel einen Schneidezahn aushebelte. Doch mehr und mehr war er dahingeflossen. Bis er schließlich völlig vergessen hatte, wie Will aussah, wie der Laden aussah, in dem sie knutschten, und wohin das alles überhaupt führen sollte.
Bis Will plötzlich abbrach, ihn anlächelte, sich dann zum Barmann wandte und bezahlte. Lucky war irritiert. Hormonell verstrahlt, aber irritiert.
„Will? Was machst du?“
„Einer Anzeige als Zechpreller entgehen?“ Will grinste Lucky offen an und bestellte beim Barmann ein Taxi. „Wir fahren zu dir.“
Dominante Männer waren in Luckys Welt ein weiterer Njet-Faktor.
„Vergiss es“, setzte er sich wieder demonstrativ auf seinen Barhocker. „Bei mir sind die Wände aus Pressspan. Und ich will meinen Nachbarn auch morgen noch in die Augen sehen.“
„Dann gehen wir zum Aachener Weiher.“
„Ja klar, morgen zum Schwäne füttert – falls die bei den Temperaturen nicht fest mit der Eisdecke verwachsen sind. Vielleicht hast du‘s nicht mitbekommen, Will, aber jenseits deiner Sonnenbank ist so gut wie Winter.“
Will schenkte Lucky den Blick eines Hundes mit Scherbe in der Pfote. Lucky schüttelte entschlossen den Kopf.
„Wenn das überhaupt was gibt mit uns, dann nur mit Stil. Warum gehen wir nicht zu dir. Hast du keinen Stil?“
Will grinste Lucky unschuldig an.
„Ich hab so viel Stil, du würdest meine Wohnung nur noch unter Protest verlassen.“
„Na dann …“ Lucky versuchte es mit einem aufmunternden Grinsen.
„Na ja … in meinem Bett liegt jemand, der in etwa zwei Stunden aufstehen und auf den Großmarkt fahren muss.“
„Jemand?“ Lucky war froh, dass der Barhocker unter ihm nicht die gleiche wabbelige Konsistenz annahm, die seine Knie plötzlich hatten.
„Sein Mann“, grinste der immer noch knackige Barmann und stellte zwei neue Drinks vor die beiden.
„Mein Mann“, bestätigte Will. Und immer noch glänzte dieses unschuldige Jungengrinsen zwischen seinen Piercings hervor…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
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