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20. DUELL IM MORGENGRAUEN

Lale war traurig. Und wütend. Und frustriert. Sie saß mit dem Mann ihrer Träume in der Badewanne – und stritt sich. Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hatte. Eigentlich war vom ersten Moment an klar gewesen, dass die ganze Sache früher oder später im Streit enden würde. Die wunderbare Zeit dazwischen – der Sex, die Zärtlichkeiten, die vertraute Nähe zwischen ihnen –, das war alles nur das Vorspiel gewesen.
„Wie kannst du nur glauben, dass du mir nicht wichtig bist“, warf er ihr gerade vor. Ihre Füße lagen wieder auf seinem durchtrainierten Brustkorb, und seine Beine schlängelten sich noch immer zu beiden Seiten um ihren Körper herum. Das Wasser duftete schwach nach Rosen und schwappte in kleinen Wellen auf und ab. Die aufgehende Sonne glomm durch das viel zu kleine Fenster und ließ das Wasser in der Wanne wild und ungeduldig glitzern.
Sie stritten jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Richtig in Fahrt gekommen war das Ganze durch ihren Vorwurf, es sei ihm bei seinem Besuch nur um Sex gegangen.
„Tja, wieso komm‘ ich wohl drauf, dass ich dir nicht wichtig bin?“ Lale merkte, wie sich ihr Hals immer mehr zuzog, das passierte ihr immer, wenn sie zornig wurde. „Vielleicht, weil du wichtige Entscheidungen lieber ohne mich triffst?“
Hannes seufzte, nahm eine Hand von ihren Füßen und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen die Augen.
„Lale“, begann er. „Ich habe schon mal gesagt, es tut mir leid. Sehr leid. Aber ich kann‘s nicht mehr ändern. Ich hab‘ da unten was angefangen, das ich auch zu Ende bringen muss.“
Bla, bla, bla. Diese Platte kannte sie schon. Und sie wurde nicht besser durch diese nervtötenden Wiederholungen.
„Darum geht‘s mir ausnahmsweise nicht.“ Ihre Stimme war jetzt ganz kratzig. „Es geht darum, dass du schon wieder eine Entscheidung für uns beide triffst.“
„Das tue ich nicht.“
„Tust du doch!“, beharrte sie. „Du entscheidest, dass es gut ist, getrennt zu sein. Und ich soll damit klarkommen!“
Er atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf, die Lippen fest aufeinandergepresst. Draußen krächzten immer noch die Raben.
„Diese Entscheidung hast du auch schon mal für uns beide getroffen. Erinnerst du dich?“, sagte er schließlich.
„Dann bestrafst du mich jetzt dafür, oder was?“ Wieder schwappte diese unendliche Traurigkeit in ihr hoch. „Ich hab damals keinen anderen Weg gesehen. Aber heute …“, sie stockte und suchte nach Worten, „ich bin mir nicht mehr sicher. Es hat sich nicht viel geändert, seit wir getrennt sind. Ich krieg dich nicht aus meinem Kopf. Meine Gefühle sind immer noch da.“ Sie zögerte. „Vielleicht kann ich es ja doch irgendwie aushalten.“
Er schüttelte den Kopf. Seine Augen sahen jetzt fast traurig aus.
„Lale, nein. Es tut mir so leid. Ich hätte nicht herkommen dürfen. Das Ganze war ein Fehler. Ich hab kein Recht, dich nochmal in mein beschissenes Leben hineinzuziehen.“
„Du ziehst mich in nichts rein!“, brauste sie auf. „Ich bin alt genug, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich kann jederzeit nein sagen. Damals wie heute.“
Er schüttelte wieder den Kopf.
„Das stimmt nicht, Lale. Ich allein weiß, wie ich ticke. Ich bin nicht gemacht für eine Beziehung. Das wusste ich auch schon damals. Ich hätte dich von Anfang an in Ruhe lassen müssen. Alles was ich dazu sagen kann ist, dass es mir leid tut. Ich hab es wirklich versucht. Ich wollte wirklich der Mann sein, den du verdienst.“
„Hör auf, so zu reden. Ich hab niemanden verdient. Ich liebe dich.“ Eine Träne rollte ihr aus dem Auge. Trotzig wischte sie sie weg.
„Ich liebe dich auch“, sagte er. „So sehr, dass es wehtut. Aber manchmal reicht das eben nicht.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
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