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22. FICKLICHTHUSSEN

Nackt auf einer Eisscholle hätte Lucky sich nicht schlechter fühlen können.
Will … er war diesem Piercing-Monster tatsächlich gefolgt. Einem Mann, dessen Mundhöhle ihm vertrauter war als seine Stimme. Er hatte sich mit ihm in ein Taxi gesetzt, war Richtung Nippes gefahren, irgendwo vor einem dunklen Restaurant an der Agneskirche ausgestiegen.
Er hatte sich die Eingangstür aufhalten lassen. War von einer Staffordshire-Bullterrier-Hündin mit dem ebenso schlüssigen wie absurden Namen Steffi angeglotzt worden. War dem Mann und der Hündin durchs Restaurant, dann die Treppe runter in den Weinkeller gefolgt. Dort hatte Will ein Regal mühelos zur Seite geschoben, um eine dahinter versteckte Tür aufzuschließen, hinter der sich wiederum eine karge, fensterlose Einzimmerwohnung mit Bad und Bett auftat.
Auf dem Bett, genauer: auf der kunstseidenen Tagesdecke mit Goldzotteln, saß er nun und drehte einen Plastikbecher mit Gin in der Hand, während Will „sich frisch machte“ – was der Fernsehmann Lucky eigentlich nur als Synonym fürs Koksen kannte.
In diesem Fall aber hatte es tatsächlich mit Körperpflege zu tun. Das Prasseln der Dusche mischte sich mit dem Grummeln in Luckys Magen und wurde zum Soundtrack seines Zweifels. Einen ihm völlig Unbekannten mit einem ihm fast unbekannten Mann zu betrügen, das fühlte sich in so vielerlei Hinsicht grundfalsch an, dass Lucky seine Dummheit fast schmecken konnte. Oder stammte dieser penetrante Rostgeschmack auf seiner Zunge gar nicht vom Scham-Adrenalin, sondern von Wills metallenen Piercings?
Die Hündin, die vor Lucky saß und ihn anstarrte, schien exakt das gleiche zu denken: Was zur Hölle machst du hier?! Steffi gähnte und entblößte dabei eine dentale Landschaft, die Lucky bislang nur vom Alien-Monster kannte. Mit diesen Zähnen konnte Steffi vermutlich eine Marmorfliese zu Staub pürieren. Er hielt ihr den Becher Gin hin, doch sie hatte darauf genausowenig Lust wie er selbst. Steffi erhob sich, rückte ein Stück zu ihm hin und stellte ihre Vorderläufe selbstbewusst auf seine Schuhe. Er hatte keine Ahnung von Hunden, aber er wusste, dass das keine Kuschelgeste war. Steffi machte ihr Revier klar. Und das einzige, was ihm blieb, war wegzukucken, um ihr jegliche Hoffnung auf eine Konfrontation zu nehmen.
Lucky ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern, blieb für ein paar Sekunden an einem grotesk kitschigen ‚Delphin im Mondschein‘-Poster hängen, das so blau war wie das grausige Röntgenlicht der beiden Energiesparbirnen, die in schlichten Fassungen rechts und links vom Bett an der Wand hingen. Sie beleuchteten einen groben Nachttisch in 70er-Jahre-Nussholzfunier, auf dem die unvermeidliche Küchenrolle neben zwei verranzten Push-Fläschchen und einer Familienpackung Gummis thronte.
Der Sound des Duschstrahls versiegte, und keine Minute später stand Will im Raum, tropfnass und auf eine so obszöne Art nackt, dass Lucky gar nicht wusste, wohin er überall nicht kucken wollte. Nippelringe, Bauchnabelpiercing und – als Tiefpunkt der nach unten offenen Intimschmuckskala – ein gigantischer Prinz Albert, der Wills Eichel krönte wie ein Enterhaken.
„Ihr habt euch schon angefreundet?“ Will nickte Richtung Steffi, die immer noch auf Luckys Füßen stand und ihn anstarrte.
„Ich glaube, ihre drei Hirnzellen überlegen eher, welchen Teil von mir sie zuerst frisst.“
„Mal sehen, was übrigbleibt, wenn ich dich vernascht habe“, grinste Will. Damit zog er die Schublade des Nachttischchens auf und holte zwei rote Brokatlappen heraus, die er mit einiger Sorgfalt über die Energiesparbirnen an der Wand stülpte. Das Blaulicht bekam sofort einen Stich ins Ultraviolette, was einen sanften Schimmer auf Wills beängstigendes Eichelpiercing warf.
„Ficklichthussen?“, keuchte Lucky angewidert.
„Hat meine Mutter mir genäht. Süß, oder?“
„Weiß sie, dass du in diesem Licht ihren Schwiegersohn betrügst?“
„Sei kein Spießer, Lucky. Ist doch nur Sex.“
Damit schlug Will die kunstseidene Tagesdecke zurück, was zur Folge hatte, dass Lucky vor Entsetzen aufsprang, den Inhalt des Ginbechers auf eine bogenförmige Reise Richtung Billiglaminat schickte, dabei fast über Steffi stolperte, beim Anblick ihrer Zähne doch noch die Balance behielt und schließlich mit dem Rücken zur Wand seine Restsinne sammelte: In Bettwäsche-Optik grinste ihm eine gigantische Diddelmaus entgegen.
15 Minuten später lag Lucky stocknüchtern und glücklich zuhause. In jungfräulich weißer Leinenbettwäsche genoss er das großartige Gefühl eines würdigen Neins zur rechten Zeit.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
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