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23. SPRACHLOS IN NIPPES

Mit einem „Mach‘s gut, Lale“ hatte Hannes ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Dann war er in seiner Uniform aus ihrer Wohnung gestürmt und im Treppenhaus verschwunden. Seitdem hockte Lale in ihrem Flur, den Rücken an die Wohnungstür gelehnt, und weinte.
Wie konnte sie nur so blöd sein?! Sie hatte selbst Schuld, dass sie jetzt wie ein Häuflein Elend Rotz und Wasser heulte und sich vorkam wie die letzte Idiotin. Hannes war nicht gut für sie! Warum hatte sie das nur vergessen?!
An der Tür klopfte es. Sie stand auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah durch den Spion. Hannes. Was wollte der schon wieder? Sie öffnete die Tür nur einen Spalt weit.
„Was willst du“, fragte sie schroff und hoffte, dass sie nicht allzu verheult aussah. Dann fiel ihr auf, dass auch seine Augen verräterisch glänzten.
„Ich … “, stammelte er und verstummte. Im Treppenhaus hoch über ihnen entstand Tumult. Jemand polterte eilig die Stufen herunter. Lale zog ihre Tür auf und winkte Hannes in die Wohnung. Ihr Trennungsgespräch ging niemanden etwas an, schon gar nicht ihre ätzenden Nachbarn.

In der Küche setzten sie sich. Diesmal gab es keinen Tee. Der Himmel vor dem Fenster war stumpf und grau. Ebenso grau wie das Gefühl, das ihr Herz im Griff hielt.
Hannes sah sie an und suchte nach Worten. Genau so hatte gestern alles angefangen. Hier in dieser Küche. Warum hatte sie sich bloß nochmal auf ihn eingelassen? Sie wusste doch, dass er nicht für eine Beziehung taugte. Dass er immer dann die Flucht ergriff, wenn es ernst wurde. Und dass er sich immer dann ein wenig öffnete, wenn sie sich von ihm zurückzog. Wie sie dieses ewige Katz und Maus-Spiel hasste!
„Lass uns nicht im Streit auseinandergehen“, sagte er und studierte seine Hände. „Es kann so viel passieren … Ich will nicht, dass du denkst, mir fällt das leicht, dich loszulassen.“
In Lales Augen sammelte sich die nächste Tränenflut.
„Hannes, ich versteh einfach nicht, was dein Problem ist.“
Er hob den Kopf und sah sie an. Auf einmal wirkte er total verloren.
„Ich weiß es doch auch nicht, Lale. Ich weiß nur, dass du mir unendlich wichtig bist. Werd glücklich. Versprich mir das.“
„Wie denn?“, flüsterte sie. „Wie denn ohne dich?“
Doch darauf antwortete er nicht. Er saß einfach nur da, sprachlos, und starrte auf seine Beschützer-Hände.
„Ich hoffe, wir bleiben Freunde“, sagte er dann und stand auf.
Freunde, dachte Lale bitter. Was für ein schwacher Trost.
„Sicher, bleiben wir“, antwortete sie mechanisch und erhob sich ebenfalls. Er sollte bloß nicht merken, wie schlecht es ihr mit diesem schlappen Deal ging.
„Lale, es tut mir …“
„Schon okay“, unterbrach sie ihn. Dass es ihm leid tat, hatte er in den letzten Stunden oft genug gesagt. „Es ist nicht allein deine Schuld, dass das mit uns nicht funktioniert.“
Es tat weh, sich das einzugestehen, aber es stimmte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie von dem Moment, in dem sie sich kennengelernt hatten, gewusst, dass Hannes nicht der Mann war, mit dem sie alt werden würde.
Er nickte erleichtert. Und machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich muss dann mal.“ Er nahm sie in den Arm und zog sie fest an sich.
„Klar.“ Sie löste sich von ihm und ging vor ihm her in den Flur. Die Hand auf der Klinke drehte sie sich zu ihm um.
„Pass auf dich auf da unten. Versprochen? Ich will nicht irgendwann an deinem Sarg stehen müssen.“ Sie versuchte ein Lächeln.
„Keine Sorge. Ich bin immer der erste, der in Deckung geht, wenn‘s ernst wird“, lächelte er zurück. Doch seine Augen lachten nicht mit.
An der Tür fanden sie beide keine Worte mehr. Ein letzter, inniger Kuss – und dann war er weg.
Diesmal endgültig, das spürte Lale.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
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