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24. SCHWESTERHERZSCHMERZ

Rudi saß in der Filmdose und klammerte sich an ihren heißen Orangensaft mit Ingwer. Hannes lächelte sie schuldbewusst an. Seine Augen waren gerötet.
„Ich versteh ja, dass du sauer bist, Rudi. Sorry. Ich war noch bei …“, er suchte nach Worten, fand offensichtlich keine und löffelte stattdessen stumm Zucker in seinen Milchkaffee.
Rudi nickte, ebenfalls wortlos. Sie hatte keine Lust, sich mit Hannes zu streiten. Er würde eh nicht verstehen, was ihr Problem war. Und auf einmal wusste sie, bei wem er die Nacht verbracht hatte. Die Erkenntnis stach ihr wie ein Stachel ins Herz.
„Du warst bei Lale, stimmt‘s?“
Hannes hob den Blick. Seine schwarzen Augen wirkten kühl, distanziert. Der Einsatz in Afghanistan hatte ihn verändert.
„Ich hab‘s lang nicht wahrhaben wollen“, nickte er nach einer Weile, „aber heute weiß ich, Lale hat zu Recht Schluss gemacht. Das musste ich ihr sagen.“
„Und dafür hast du den ganzen Abend und die ganze Nacht gebraucht?“ Rudi ballte eifersüchtig die Fäuste in ihrem Schoß. Wie konnte ihm seine Ex wichtiger sein als seine Schwester?
„Wir … ich …“, stotterte er. „Weißt du, als ich Lale …“
„Schon gut“, winkte Rudi ab. „Ich kann‘s mir denken: Revival-Sex mit der Ex. Übertrieben überflüssig, wenn du mich fragst.“
„Hast ja recht“, gab er zu. „Jetzt weiß ich das auch.“ Er hob seine Tasse hoch und pustete hinein. „Wir hatten Riesenzoff heute Morgen.“
Der Kellner, ein Glatzkopf mit zwei verschiedenfarbigen Augen, den Rudi flüchtig aus der Uni kannte, brachte das Frühstück.
„Und wie seid ihr jetzt auseinandergegangen?“, fragte sie so beiläufig wie möglich, während sie etwas von ihrem Rührei auf eine Scheibe Schwarzbrot schaufelte. Hannes sollte bloß nicht merken, dass sie ihn am liebsten in der Luft zerfetzt hätte.
„Keine Ahnung“, schüttelte er den Kopf. „Eigentlich dachte ich, Lale wär cool mit der Trennung. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.“
Rudi zwang sich, ruhig zu bleiben. Hannes kapierte anscheinend immer noch nicht, wie sehr Lale ihn geliebt hatte. Und vermutlich hatte sich daran bis heute nichts geändert. Aber das war nicht mehr Rudis Problem. Sie hielt sich da besser raus.
„Warum habt ihr zwei eigentlich keinen Kontakt mehr?“ Hannes biss in sein Honig-Brötchen. „Ihr wart doch die besten Freundinnen.“
„Als sie sich von dir getrennt hat, hat sie mich gleich mit abserviert.“
„Das tut mir leid, Schwesterherz.“
Rudi schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Orangensaft, der inzwischen leider lauwarm war.
„Vergiss es. Lass uns nicht von Lale reden. Wie ist es in Afghanistan? Und was für einen Film hast du in Bonn gedreht?“
Jetzt war es Hannes, der abwinkte.
„Ne Image-Geschichte. Die Bundeswehr braucht Soldaten für Auslandseinsätze. Bevorzugt Migranten, die sich vor Ort mit der einheimischen Bevölkerung verständigen können. Das soll zu mehr Akzeptanz und Sicherheit führen.“
„Und wofür brauchten die dich?“
„Ich bin der einzige aus meiner Einheit, der nicht wie ein Deutscher aussieht“, antwortete Hannes und biss seelenruhig in sein Brötchen. Rudi leerte ihr Glas und kaute missmutig auf einer Ingwerscheibe herum.
„Find ich total scheiße“, sagte sie dann. „Die machen dich zur Kokosnuss. Wir sind Schwarze Deutsche, das ist auch unser Land. Aber die Leute kapieren das nie, wenn du ihnen den Ausländer vorspielst.“
Hannes nickte abwesend und sah auf seine Uhr. Grundsatzgespräche über derartige Themen verabscheute er wie Gremlins das Wasser.
„Ich weiß. Aber lass uns jetzt nicht darüber streiten. Ich hab nicht mehr viel Zeit, und ich weiß noch gar nichts von dir. Wie geht‘s dir denn hier in Köln?“
„Alles bestens“, log Rudi. Was sollte sie ihm auch erzählen? Rührseliges aus ihrem tristen Single-Leben? Die neuesten Stories aus ihrer Horror-WG? Oder dass sie den Job in der Kneipe würde kündigen müssen, weil er sie von guten Leistungen in der Uni abhielt? Hannes war ihr großer Bruder, sie liebte ihn über alles. Aber etwas zwischen ihnen hatte sich verändert. Er war so distanziert. Total fremd irgendwie. Besser, wenn sie ihre Probleme in Zukunft allein anging. Sie zwang sich zu lächeln und sah in sein Pokerface.
Fühlte sich so Erwachsenwerden an?

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
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