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03. JAGDUNFALL

Der höllische Dunst, der Mark aus der dunklen, sanft vibrierenden Höhle entgegenwaberte, war kaum auszuhalten.
Er riss riesige Palmblätter aus dem Dickicht neben sich und wedelte gegen den Gestank an. Unmöglich, die faulige Brise blies ihm direkt ins Gesicht. Erbarmungslos. Legte sich wie ein wochenalter Leichenduft auf seinen Geruchssinn.
Mark zwang sich, seine Blauaugen bis zum Vollausschlag aufzureißen – und starrte wieder in die vibrierende Höhle. Doch diesmal gehörte zur Höhle ein Zimmer, ein Bett, ein Mund, eine Nase, zwei Augen, eine – Frau?
Mark strampelte das verschwitze Plumeau von sich und suchte Halt an der Zimmerdecke. Ein Alptraum. Er presste beide Fäuste an die Schläfen, doch das ließ seinen hämmernden Kopfschmerz kalt. Hatte er gestern noch an irgendeinem bewusstseinserweiternden Frosch geleckt? Oder war das der Geschmack von Absinth auf seiner Zunge?
Auf der Suche nach der Wasserflasche tastete seine Hand am Bettrand entlang. Da war keine Flasche. Nichts. Mark erhoffte sich Aufschluss über ihren Verbleib, indem er einen Blick auf den Spiegel über seinem Bett warf. Da war auch kein Spiegel. Nichts. Er tastete nach links – wo waren seine Kippen? Sein Aschenbecher? Sein Nachttisch? Wo war… er?!?!
Der erbärmliche Gestank, der ihn durch seinen Traum gejagt hatte, strömte weiterhin aus der Mundhöhle dieser Frau. Gin. Döner. Mit Zwiebel. Ein paar Joints. Eine Schachtel Gauloises. Darüber der dünne Schimmer Mentholduft vom Alibikaugummi. Wenn er wenigstens wüsste, wie sie hieß!
Auf dem Boden vor dem Bett lagen Marks Klamotten. In einer Spur der Anklage von der Zimmertür (Pulli, Hose) bis zum Bettrand (Socken, Shirt, Boxershorts). Mit einiger Erleichterung entdeckte er auch eine leere Packung Präser. Nichts wie raus hier.
Jede große Flucht begann mit dem ersten Schritt. Er spannte seine Bauchmuskeln an, richtete sich auf. Und zuckte sofort wieder zusammen, als sich eine Hand in seine Schulter krallte.
„Was‘n los? Ich dachte, wir schlafen aus … und vögeln den Rest des Nachmittags.“
Ihre Hände spielten mit Marks dunklen Locken, strichen über die für die Jahreszeit grotesk gebräunte Haut seiner Wasserballer-Schultern. Ihr begleitendes Gurren sollte vermutlich sexy klingen, hörte sich aber eher nach rösiger Taube an. Er schüttelte ihre Hand so sanft wie möglich und so entschieden wie nötig ab, glitt mit dem linken Fuß elegant in die Boxershorts, schob auch den Rechten rein und sprang auf, während er die Shorts in einer für diese Uhrzeit nahezu artistischen Bewegung von den Knöcheln über die Backen zog.
„Sorry, Schneckchen. Ich muss los.“
„Sehen wir uns heute Abend im Glamrock?“
„Ich, äh, hab frei.“
„Oh cool, dann können wir ja ins Kino.“
„Nee, ich … muss noch Anatomie lernen.“
Sie versuchte ein laszives Grinsen und rekelte sich unter dem Laken, was wiederum sexy aussehen sollte, Marks Galle aber einen gemeinen Leberhaken verpasste.
„Ich bin das perfekte Studienobjekt.“
„Sorry, ein anderes mal. Ich ruf dich an.“
Mark war auch in die restlichen Klamotten gesprungen und gerade auf dem Weg zur Tür, als ihr kaserniges „Halt!“ ihm in den Nacken knallte. Er wandte sich um, gebannt von ihrem Zeigefinger, der ihn auf eine Art zu sich winkte, wie es in den 70ern wohl mal für sexy gehalten worden war. Widerwillig fügte er sich und sah zu, wie sie einen Kuli vom Nachttisch nahm, eine Mobilnummer sowie die erlösenden Buchstaben E –V – A auf seinen Unterarm schrieb und ihm dann mit einem „Kussi!“ ihre gespitzen Lippen entgegenstreckte.
Mark kniff ihr in die Wange wie einem freundlichen Hundewelpen, murmelte ein „Sorry, Eva, ich muss!“ und leitete den Rückzug ein. Draußen im Flur atmete er die überwältigende Süße der Freiheit.
Was war er bloß für ein Kanisterkopf?! Wieso zur Hölle konnte er nach Dienstschluss nicht einfach mal nach Hause gehen? Eigentlich hasste er es, in fremden Betten, fremden Wohnungen, fremden Leben aufzuwachen. Wieso passierte ihm das trotzdem ständig?
Ein Geräusch veranlasste ihn, die Erörterung dieses Problems auf den Nachmittag zu verschieben. Er musste hier so schnell wie möglich raus. Doch gerade, als er die Klinke in die Hand nahm, schallte eine unfassbar verlockende Altstimme durch den Flur.
„Du haust ja wohl nicht ohne Kaffee ab, Fremder.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
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