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04. MEISTER PROPER-ALARM

Scheiße.
Mit einem Ruck setzte Rudi sich auf. Obwohl es stockdunkel in ihrem Zimmer war, wusste sie, dass sie mal wieder verpennt hatte. Rudi tastete nach dem Wecker – und richtig: Das verdammte Ding war stehen geblieben. Die Leuchtzeiger deuteten auf halb fünf, was in etwa die Zeit gewesen sein musste, zu der sie vorhin ins Bett gefallen war. Ein Blick auf ihre Handyuhr bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen: Es war schon kurz nach elf. Damit hatte sie nicht nur die Chance verpasst, vor ihren zwei verschlampten Mitbewohnern das Bad zu besetzen – es war auch definitiv zu spät für die Uni. Shit. Der Tag war jetzt schon gelaufen, dabei hatte er noch nicht mal richtig angefangen.
Genervt strampelte Rudi die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf. Es musste sich was ändern. Der Job in der Kneipe brachte zwar das dringend benötigte Geld, aber die Uni schaffte sie so nie.
Rudi tastete sich zum Fenster und zog das Rollo hoch, der einzige Gegenstand, der in dieser Chaos-WG seinen Zweck zu einhundert Prozent erfüllte. Eigentlich hasste sie es, in totaler Dunkelheit zu schlafen, doch das rot pulsierende Licht der Falaffel-Leuchtreklame neben ihrem Fenster hatte ihr in den ersten WG-Nächten Alpträume in Clockwork-Orange-Qualität beschert.
Draußen auf der Straße war es grau und ungemütlich. Zwei zähe Schlangen hupender Autos rollten aneinander vorbei, eskortiert von verzweifelten Radfahrern, deren hektisches Geklingel nicht einmal die verfetteten Tauben aufschrecken konnte, die in Massen die Bürgersteige bevölkerten. Rudi schüttelte sich. Sie liebte Tiere. Aber Tauben …
Im Gegensatz zum Trubel auf der Straße war es in der WG totenstill. Ihre Mitbewohner schienen ausgeflogen zu sein. Vermutlich unterwegs, um neues Dope zu besorgen. Was für Honks. Wenn die so weiterkifften, würden sie bald Schablonen für ihre eigene Unterschrift brauchen.
Rudi wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den einzigen Lichtblick in ihrem schuhkartongroßen Zimmer: ein Poster von Worf, dem stolzen Klingonen des Star-Trek-Universums. Er war der Held ihrer Kindheit, denn er war schwarz wie Rudi und dazu so mutig und stark, wie sie immer hatte sein wollen. Hannes, ihr großer Bruder, hatte ihr das Poster geschenkt, bevor er in diesen verdammten Afghanistan-Krieg gezogen war.
Rudi warf sich ihren Bademantel über und huschte ins Bad. Die Holzdielen im Flur klebten unter ihren nackten braunen Füßen und erinnerten sie daran, dass es mal wieder Zeit für einen WG-Putz war.
Im Bad herrschte das übliche Chaos. Die Klobrille war hochgeklappt, die Jungs pinkelten also immer noch nicht im Sitzen. Wäre auch zu schön gewesen. In der Badewanne, die gleichzeitig als Dusche fungierte, lag ein rotblonder Teppich aus abrasierten Bartstoppeln. Der Duschvorhang hing inzwischen nur noch an einem Haken und war damit praktisch so nutzlos wie Rudis alltägliche Versuche, wenigstens das Waschbecken sauber zu halten. Wie immer war es übersät mit betonharten Zahnpasta-Spritzern und den langen, farblosen Kopfhaaren ihrer Mitbewohner. Aber sich darüber aufzuregen war zwecklos. Die zwei waren Jungs, dazu Studenten und Singles. Also gleich dreimal nicht in der Lage, Rudis Ansprüche in Sachen Sauberkeit und Ordnung zu erfüllen.
Routiniert schloss sie die Tür ab, hängte ihren Bademantel hinter die Türklinke und griff, jetzt nur noch in ihr altes Schlaf-Shirt mit dem Konterfei von Prince gehüllt, zu Eimer, Schwamm, Putzhandschuhen und Zitronenreiniger. Gut eine halbe Stunde später war das Bad so sauber, dass Meister Proper sich vor Ehrfurcht verbeugt hätte und Rudi beruhigt unter die Dusche springen konnte.
Zehn Minuten, eine Haarkur und eine penible Achselrasur später riss der Zapfenstreich sie abrupt aus der inneren Versenkung. Der militärische Klingelton meldete eine SMS von ihrem Vater, den sie und Hannes seit jeher nur „den Major“ nannten.
„Hannes in Deutschland eingetroffen. Quelle inoffiziell, bewahre  vorerst Stillschweigen. Dein Vater.“
Oh Gott, bitte nicht.
Von jetzt auf gleich wurde Rudi kotzübel. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und der Boden zog ihren zitternden Körper bleischwer in die Tiefe. Was bedeutete das? War Hannes verwundet? Hatte es einen weiteren Terror-Anschlag auf Deutsche Soldaten gegeben? War er … tot? Nein. Das konnte nicht sein. Dann hätte der Major sofort angerufen. Aber vielleicht war Hannes schwer verletzt und musste in ein deutsches Spezialkrankenhaus transportiert werden. Sollte sie den Major anrufen, um mehr zu erfahren? Besser nicht. Er hatte ja Stillschweigen angeordnet. Sie würde warten müssen. Warten und hoffen, dass Hannes nichts Schlimmes passiert war …

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
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