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05. BALZRUF DES LANDADELS

Mark stierte über seine Espressotasse hinweg in Carmens beeindruckende Grünaugen, die ihn an eine fleischfressende Pflanze erinnerten und jedes einzelne ihrer Worte unterstrichen. Er war fasziniert von diesem 5-Sterne-deluxe-Gesicht.
Die Wort-Fluten, die Carmen dabei ausstieß, überforderten seinen Arbeitsspeicher allerdings zu dieser Uhrzeit. Marks Hirn leitete nur etwa jedes fünfte Wort an sein Bewusstsein weiter – den Rest löschte es gleich wieder.
Dabei hatte Carmen eine Stimme, die jedem Hörfunkredakteur eine Gänsehaut aufs Trommelfell getrieben hätte. Und sie hatte Feuer. Außerdem sah sie aus wie die kleine Schwester von Collien Fernandes, und dieses Paket weckte Marks unmittelbaren Beutetrieb.
Er grinste. Doch irgendein verirrtes „Aber“ schwirrte Mark durchs Bewusstsein, taumelte mal hier und mal da gegen seine Aufmerksamkeitsfilter, fiel hin, stand wieder auf, klopfte gegen seinen Verstand und hielt ein riesiges Warnschild mit einem Venuszeichen hoch.
Plötzlich formulierte sich ein irritierender Parallelgedanke in seinem Bewusstsein …
Hallo?! Bist du eigentlich total zernagelt? Du flirtest hier mit der Mitbewohnerin einer Frau, die du gestern gegen deinen Willen flachgelegt hast! Oder zumindest ohne dein Zutun. Die kann jede Sekunde reinkommen und Stress machen!! Flieh, kleiner Hobbit, flieh!!!‘
Aus irgendeinem Grund sprach Carmen gerade von der SpoHo. Mark nutzte die Chance, nahm das Stichwort auf und leitete zum direkten Ausstieg über.
„Du studierst auch an der Sporthochschule?! Dann lass uns mal in der Auszeit treffen.“
Mark war seit Monaten weder im Spoho-Café noch an der Sporthochschule selbst gewesen. Aber Carmen schien ein Spitzengrund, das zu ändern.
„Du bist an der Spoho?“ Sie stieß ein ansteckendes Aschenbecherlachen aus, „ich fass es nicht. Echt?“
Mark verband sein Nicken mit einem möglichst sportlichen Blick. Carmen geierte.
„Dann versteh ich auch die Bodenturn-WM von heute Nacht.“
Mark verschluckte sich an einem Milchschaumatom – Carmen hatte heute nacht mitgehört? Verdammt. Natürlich! Doch sie wirkte null abgeschreckt. Vielleicht sogar interessiert?
„Das unsterbliche SpoHo-Barmann-Klischee …“, Carmen schenkte Mark einen weiteren Stoß ihres Aschenbecherlachens. „Ich dachte, du bist Teilhaber im Glamrock. Zumindest hat Eva sowas gesagt.“
„Na ja“, er ließ diese beiden Unverbindlichkeits-Joker kurz im Raum stehen und verzichtete auf weitere Klarstellung. Wenn Katze, seine Chefin im Glamrock, den Satz samt „Na ja“ gehört hätte, sie hätte seine Augäpfel gekocht und an die Ratten verfüttert.
Carmen grinste ihn jetzt an wie Ka den kleinen Mogli.
„Dann komm ich doch lieber in deinen Laden. Ist doch eh viel netter. Wir wollen ja nicht übers Studium quatschen. Hoffe ich.“
Mark genoss Carmens Balz. Doch plötzlich poppte das „Aber“ wieder auf. Und zwar in Gestalt von Eva, die verschlafen die Tür zur WG-Küche aufschob, zum Kühlschrank taumelte, eine Plastikflasche Sprudel rauszog, ansetzte und mit gewaltigen Kehlkopf-Situps vernichtete. Sie saugte und saugte, verbiss sich fast im Flaschenrand. Dann riss sie die leere Flasche von den Lippen, warf sie in die Spüle und schickte einen kohlensauren Rülps Richtung Zimmerdecke.
„Hmmm“, schwärmte Carmen ironisch, „der Balzruf des Landadels.“
„Kauf halt Wasser ohne Blubber“, blaffte Eva. Dann sah sie Mark. Carmen?? Mark!! Ihr Gesichtsausdruck rochierte von Liebe zu Hass zu Liebe.
„Ach, du bist ja noch da“, in einem mädchenhaften Reflex schob sie ihre Hand vor den Mund. „Sorry.“
Mark verdrängte die fauligen Höhlen-Bilder aus seinem Alptraum und versuchte ein unschuldiges „Wir … haben übers Studium gequatscht.“ Er tauchte zum Abschied kurz in den Nektar von Carmens Augenkelchen, versuchte dann einen Blick knapp an Eva vorbei auf die Küchenuhr.
„So, ihr beiden, ich muss jetzt aber wirklich.“
Damit sprang er auf, griff nach seinem Mantel, zwinkerte Carmen zu, ignorierte Evas „Kussi!“ und verschwand.
Raus aus diesem Duell. Zurück in sein eigenes Leben.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
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