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06. BUNDESWEHR-PR

Ihre Ängste und Sorgen wegen der SMS des Majors hatte Rudi in den letzten zwei Stunden im Bree-Van-De-Kamp-Modus weggeputzt, weggesaugt und poliert. Bad, Küche und Flur waren jetzt blitzblank, sogar die Fenster hatte sie geputzt. Okay, die Fenster der Jungs hatte sie ausgespart, aber dafür hatte sie sich das Wohnzimmer vorgenommen – in dem neuerdings das Sofa fehlte, seit irgendeine Tussi es mit einem THC-beschleunigten Trampolinsprung in Dutzende Kleinteile zerlegt hatte.
Geschafft saß Rudi in der erstaunlich gemütlichen Küche auf einem erstaunlich stabilen Stuhl und beobachtete den dampfenden Wasserkocher. Sie hatte gute Arbeit geleistet, die Wohnung konnte sich sehen lassen. Selbst der Major wäre zufrieden. Der Kocher begann zu brodeln, und wie durch Zauberhand floss durch ein unsichtbares Loch in der Nähe des Griffs ein Rinnsal kochend heißes Wasser. Rudi stand auf, hob den Kocher vorsichtig an und goss einen Schwall Wasser über den Beutel Schwarztee in ihrer Worf-Tasse. Die hatte Hannes ihr vor Jahren aus New York mitgebracht.
Hannes.
Oh Gott.
Hoffentlich war er unverletzt.
Ohne lange nachzudenken, griff Rudi zum Handy.
„Rudi-Schatz!“
„Hi, Mama.“
„Dass du dich mal meldest!“
Rudi atmete erleichtert auf. Ihre Mutter klang völlig normal, im Hintergrund summte der Staubsauger, es konnte also nichts Schlimmes mit Hannes passiert sein.
„Stör ich?“
„Ich saug grad. Was gibt es denn?“
„Ich ruf an wegen Hannes.“ Rudi tunkte einen Löffel in das Glas Thymianhonig, das neben ihrer Tasse auf dem Tisch stand. Am anderen Ende verstummte der Staubsauger.
„Weißt du schon, wann er ankommt? Dass er bei dir übernachten kann, hat deinen Vater einige Mühe gekostet. Gut, dass er seine Kontakte ins Ministerium …“
„Hä?“ Rudi pfefferte den Löffel mit Honig unsanft in ihre Tasse.„Hannes kommt? Zu mir? Ich dachte, ihm ist was passiert!“
„Nein, Schatz“, flötete ihre Mutter besänftigend, „Hannes geht es gut!“
„Und woher soll ich das wissen? Kannst du mich mal aufklären?“
„Ach Kind … die Bundeswehr dreht einen Image-Film. Mit Soldaten, die im Auslandseinsatz sind. Und dein Bruder spielt mit! Ist das nicht toll?“
Abgesehen davon, dass die Bundeswehr und Werbung für die Bundeswehr ganz und gar nicht toll waren, störte Rudi etwas anderes.
„Und wieso Hannes?“
„Sie wollen zeigen, dass die Truppe auch Ausländer nimmt, wenn sie die Deutschen Werte verinnerlicht haben. Und weil dein Bruder nun mal nicht typisch Deutsch aussieht …“
„Typisch Deutsch?“ Wütend rührte Rudi ihren Löffel durch den Tee. „Wie muss man denn so aussehen als typisch Deutscher? Blond und blauäugig, mit SS-Runen am Hals?“
„Gertrud Hansen“, schimpfte ihre Mutter, „du redest Unsinn.“
„Tu ich nicht, Mama! Überleg doch mal: Dass ein Schwarzer ganz normal Deutsch sein kann, geht in die Köpfe der Leute nicht rein. Und Hannes sorgt auch noch dafür, dass das so bleibt, wenn er den Quoten-Exoten spielt.“
„Kind,“ jetzt klang auch ihre Mutter verärgert, „ich frag mich, was du in letzter Zeit hast. Du bist so aggressiv.“
„Bin ich nicht! Ich hab nur keinen Bock mehr, den Mund zu halten, wenn mir was nicht passt.“ Rudi stoppte den Löffel und beobachtete den Wirbel, der sich um den Stiel herumdrehte.
„Schatz“, probierte ihre Mutter es in einem versöhnlichen Tonfall, „freu dich doch, dass du Hannes endlich wieder siehst! Ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele.“
Rudi zog den Löffel aus der Tasse und hob sie auf Augenhöhe. Worf sah ihr mit seinem unbestechlichen Blick direkt ins Herz.
Irgendwie hatte ihre Mutter ja recht. Hannes kam. Gesund.
Vielleicht war das wirklich das einzige, was zählte.

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
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