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07. DIE SOLDATENBRAUT

Lucky saß im Mampf und genoss die Wintersonne mit geschlossenen Lidern. Seine Gedanken kauten unablässig auf dem Hundsthaler-Dilemma. Wie konnte er eine erotische Biographie schreiben, ohne Mandys Persönlichkeit so nachhaltig zu zerstören, dass ihr als Jobs nur noch Betriebsfeste und Parkplatz-Eröffnungen blieben?
Lucky hatte sich erhellende Ideen von Lale versprochen. Die war jedoch damit beschäftigt, ihre Gäste mit Frühstück zu versorgen. Irgendwas stimmte heute sowieso nicht mit ihr: Innerhalb von sechs Minuten hatte sie viermal seinen Tisch abgewischt, seine Bestellung aufgenommen, nach der Joblage im Allgemeinen und nach Mandy Hundsthaler im Speziellen gefragt. Und ihm dann den falschen Kaffee und das falsche Frühstück hingestellt. Allerdings mit einem grundehrlichen Verzweiflungs-Lachen.
Der Käuzchenruf, Lales dezente Türklingel, kündigte einen neuen Gast an. Lucky hob träge den Kopf, sah im gleißenden Sonnenlicht aber nur einen gut gebauten Schatten in fleckigem Anzug. Er wartete, bis seine Augen sich an die grelle Spätherbstsonne gewöhnt hatten. Langsam schälte sich ein unfassbar attraktiver Kontrast aus dem Licht. Der fast 1,90 große Schwarze in der Kampfuniform der Panzergrenadiere passte in den Morgen wie ein strahlendweißes Atomkraftwerk auf den Neptunplatz. Der Soldat ließ ein charmantes Strahlen durchs Café wandern, das plötzlich ins Wanken geriet, als Lale hinter dem Tresen erschien. Sofort fühlte Lucky sich wie der Regisseur einer Telenovela.
Der Soldat ließ langsam seinen Rucksack sinken und suchte Lales Augen, in denen von jetzt auf gleich zwei Kubikmeter Tränen gegen das Überlaufen kämpften. Sie versuchte, die Fassung zu wahren, schob sich ohne ein Lächeln am Soldaten vorbei, servierte dampfende Rühr- und Spiegeleier an Tisch 3, stellte Salz und Pfeffer vom Nebentisch dazu, schwenkte ihren wachen Dienstleistungsblick durchs Café, fand keine bittenden Augenpaare, ging zurück zum Tresen, zog im Vorbeigehen den Soldaten mit sich in die Küche – und schloss das erste Mal, seit Lucky das Mampf besuchte, die Tür hinter sich!
Hatte Lucky die Bilder bis jetzt auf Zeitlupe gedehnt und mit „I am calling you“ von Jeff Buckley unterschnitten, endete der Soundtrack plötzlich mit dem Zuschlagen der Küchentür.
Wie hypnotisiert starrte Lucky vor sich hin. Seine eine Hirnhälfte stellte sich vor, was Lale und der Soldat gerade machten – Reden, Knutschen, Streiten. Seine andere Hirnhälfte vollbrachte das für Männer unfassbare Kunststück, zwei weitere Gedankenketten parallel zu verfolgen. Gedankenkette 1 führte in seine Vergangenheit, genauer: in die Region um seinen 19. Geburtstag. Damals lebte Lucky noch in Düsseldorf, absolvierte im Wäschefachgeschäft seiner Eltern eine Kaufmannslehre und verliebte sich unsterblich in einen Samoa-stämmigen US-Soldaten. Aus dieser kurzen Liaison hatten sich leider nur eine übertrieben peinliche Anekdote und eine gewisse Affinität für Uniformen erhalten.
Gedankenkette 2 führte dagegen in die Zukunft. Denn plötzlich hatte Lucky die Lösung des Hundsthaler-Dilemmas umrissen: Wenn schon er und Lale ein Soldatentrauma teilten, wieso nicht auch Mandy? Er könnte sie als eine Frau erzählen, die sich unsterblich in einen Soldaten verliebt hatte, der quasi direkt aus dem Bett an die Front verbracht wurde und nie wieder etwas von sich hören ließ. Eine einsame Soldatenbraut, die fortan niemanden mehr lieben konnte. Die in jeder Affäre immer nur auf der Suche nach ihrem Helden in Uniform war. Und ihn nie fand. Vor diesem (zugegeben erlogenen) Lili-Marleen-Hintergrund konnte er Mandy Hundsthaler jedes erotische Abenteuer erleben lassen. Und sie würde trotzdem nicht als billige Schlampe abgestempelt werden. Ihr Herz war ja vergeben an eine Erinnerung, eine Hoffnung.
Plötzlich kam der ersehnte Flow: Lucky verbrachte die nächsten Stunden mit hochroten Wangen in einem Schreibtunnel. Ein komplett erfundenes Leben voller Tiefschläge und Neuanfänge floss aus ihm heraus. Lale und der Soldat in der Küche hatten seine erotische Phantasie so beflügelt, dass die Tastatur schon im Rhythmus quietschender Federkernmatratzen, Küchentische und Etagenbetten klapperte. Nichts konnte Luckys Phantasie-Finger-Connection unterbrechen. Erst das nervige Ping des Skype-Accounts riss ihn aus seiner Konzentration. Er warf einen Blick auf den Thumbnail: das breite Grinsen von Mandy. Sofort ging Lucky auf Empfang.
„Mandy, grüss dich. Super, dass du dich meldest. Ich hab‘ gerade den Schreibflow meines Lebens. Seit heute Morgen klopp ich mir die Gicht aus den Fingern.“ Luckys Enthusiasmus bremste mit dem Blick auf Mandys tränenüberströmtes Gesicht abrupt ab. „Was ist los?“
„Die Bio“, schniefte Mandy in die Webcam, „ist Geschichte. Der Vertrag mit dem Verlag ist geplatzt.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
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