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08. ZITTERNDE KNIE

Lale konnte es kaum fassen, dass Hannes jetzt Hand in Hand mit ihr durch Nippes marschierte. Bald würde sie mit ihm allein sein. In ihrer Wohnung. Aber was dann? Was erwartete sie eigentlich?
Als er vorhin so plötzlich im Mampf gestanden hatte, in seiner Uniform und mit diesem unverschämten Lächeln, da waren all ihre Gefühle für ihn auf einen Schlag wieder aufgepoppt: die Liebe, die Angst, die Eifersucht, der Kummer, die Wut – und das fast schmerzhafte Verlangen, von ihm berührt zu werden.
Erst jetzt kapierte sie, dass sie sich die ganze Zeit was vorgemacht hatte. Sie hatte immer noch Gefühle für Hannes, sie war keinen Millimeter über ihn hinweg. Kein Wunder, dass aus ihr und Tim nichts geworden war.
„Hast du eigentlich ne neue Beziehung?“ fragte Hannes in einem viel zu beiläufigen Tonfall. Lale merkte, wie sich ihre Stirn krauste, und bemühte sich um ein Pokerface. Hannes sollte bloß nicht sehen, was in ihr vorging.
„Ich würd‘ mich für dich freuen. Ehrlich“, log er. Er log doch? Oder nicht? Lale räusperte sich.
„Ich bin immer noch solo.“ Obwohl das stimmte, fühlte es sich an wie eine Lüge. Wahrscheinlich, weil ihr letztes Mal mit Großkotz-Tim noch nicht so wirklich lang zurücklag.
Plötzlich blieb Hannes stehen und drehte sich zu ihr. Die Sonnenstrahlen, die zwischen der dichten Wolkendecke hervorbrachen, ließen seine tiefbraune Haut wie Samt schimmern.
„Ich hab dich vermisst“, sagte er und sah so verdammt gut dabei aus. „Dein Lachen, deine Wärme. Deinen Körper.“
Er zog sie an sich. Ganz eng. So eng, dass ihr fast die Luft wegblieb. Seine schwarzen Augen, die braune Haut, sein runder, rasierter Schädel, seine starken Arme … er brachte sie total aus dem Konzept.

Etwas später saßen sie an ihrem Küchentisch. Lale beobachtete, wie er nach Worten rang. Der Tee in ihren Tassen dampfte und verströmte einen beruhigenden Salbeigeruch. Draußen regnete es in Strömen.
„Damals, als du dich getrennt hast“, begann er, brach aber sofort wieder ab. Er lachte verlegen. „Sorry. Du bringst mich völlig durcheinander.“
Er griff zu seiner Tasse, blies hinein und trank einen Schluck. Sein Jackett lag in ihrem Schlafzimmer über dem Bett. Wann hatte sie das Bett eigentlich das letzte Mal neu bezogen?
„Warum bist du in Deutschland?“ Eigentlich wollte sie wissen, warum er in ihrer Küche saß. Aber sie hatte Angst vor der Antwort. Er schwieg.
„Es war richtig, dass du dich getrennt hast“, sagte er dann unvermittelt und stellte seine Tasse ab. „Einige meiner Kameraden haben Frauen. Manche sogar Kinder. Für die ist es der Horror. Die leben jeden Tag in Angst.“
Sie nickte wortlos. Glaubte er etwa, dass es ihr anders ging? Sie lebte auch jeden Tag mit der Angst, ihn für immer zu verlieren. Dass sie sich von ihm getrennt hatte, spielte dabei keine Rolle. Ihre Gefühle für ihn scherten sich nicht um den Beziehungsstatus.
„Trotzdem“, seine Stimme klang jetzt ganz weich. „Ich wünschte, du hättest uns eine Chance gegeben. Du fehlst mir. Das, was wir hatten, fehlt mir. Der Sex mit dir fehlt mir.“
Seine Worte tropften Lale direkt ins Herz. Und mit einem Mal spielten all ihre Bedenken keine Rolle mehr.
„Du fehlst mir auch“, hörte sie sich antworten. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Hände zitterten. Sie spürte, was gleich passieren würde. Sie wollte, was gleich passieren würde. Scheiß auf die Konsequenzen.
„Ich will dich nicht ausnutzen“, flüsterte er.
„Tust du nicht.“
„Bist du sicher?“
Sie nickte. Noch konnte sie es verhindern. Sie könnte ihn aus der Wohnung schmeißen. Oder einen Streit vom Zaun brechen. Darüber, dass er die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, ohne sie getroffen hatte. Aber sie wollte nicht streiten. Sie wollte das Gegenteil.
Hannes nahm ihre Hand und küsste sie. Seine Lippen auf ihrer Haut, auf ihren Handflächen, brizzelten wie feine elektrische Schläge. Sie liebte ihn. Sie wollte ihn. Deswegen stand sie auf und zog ihn hinter sich her ins Schlafzimmer…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
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