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09. VIERTEL VOR KÜNDIGUNG

Mark stieß zwei Strohhalme in den Mule, drapierte eine Gurken- und eine Limettenscheibe auf dem Glasrand und schob Kowalski, der wie immer an der Westkurve der Bar kauerte, den Drink rüber.
„Hey Barmann, was soll diese schwule Scheiße an meinem Drink? Habt ihr Sarah-Wiener-Wochen?“ Kowalski lachte dreckig. Routiniert tauchte Mark unter den fliegenden Gurken- und Limettenscheiben weg, die klatschend in der Spüle landeten. Niemand war berechenbarer als Kowalski.
Plötzlich piepste Marks Handy, das irgendwo neben der Kasse lag. Er griff danach, kriegte aber nur Katzes Hand zu fassen, die sich plötzlich neben ihm materialisiert, sein Handy gegriffen, die Tastatursperre gelöst und die SMS gelesen hatte. Niemand war unberechenbarer als Katze.
„Wer ist Eva?“
Mark zögerte drei Sekunden zu lang für eine coole Antwort. Katze wiederholte die Frage, nur dass sich diesmal ihre Nasenspitze an Marks schmiegte. Katze war groß. Und sehnig. Ein stolzes Relikt aus den 80ern. Und sie wusste sich Gehör zu verschaffen.
„Wer?! Ist?! Eva?! Mark?!“
„Du musst nicht eifersüchtig sein“, endlich hatte Mark wieder Zugriff auf seine Sprüche-Datenbank, „das war nur was zum Kuscheln.“
„Kuscheln?!“ ging Kowalski angeekelt dazwischen, „sprich Männerdeutsch!“
Katze holte kurz Luft und wandte sich zu Kowalski.
„Wann hast du in meinem Laden Rederecht?“
„In Monaten ohne R und I“, stammelte Kowalski kleinlaut.
„Und was haben wir?“
„November. Sorry, Katze.“
Damit verschob Katze ihren Fokus wieder auf Mark. „Du wolltest mir gerade erzählen, woher ihr euch kennt, du und Kussi-Eva.“
Mark lauschte tief in sich hinein. Was gab es zu erzählen über Eva? Es war einer dieser mauen Glamrock-Abende gewesen, an denen sogar Kowalski schon um Elf in den Sack gehauen hatte. Mark wollte früh dichtmachen, und plötzlich stand Eva vor ihm. Besoffen kichernd, um einen Absacker bettelnd. Mit schwarz-roten Augen und einem Haaransatz, der sich seit Monaten nach Blondierung sehnte. Mit schmalen Lippen über scharfen Eckzähnen. Einer Halstätowierung, die nach Laser schrie. Zu laut, zu voll, zu unschön. Doch der Blick auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale ließen ihn jeden Zweifel vergessen. Er gewährte ihr den Absacker. Und den ganzen Rest. Und jetzt stalkte sie ihn. Woher hatte sie überhaupt seine Nummer?!
„Von der Uni, Katze. Wir … kennen uns aus dem Seminar.“
Katze schien beruhigt. Da brummte sein Handy erneut. Direkt in ihrer Hand.
„Wenn du Anatomie doch lieber mit einem richtigen Körper lernen willst“, las Katze vor, „ich müsste gar nichts ausziehen. Kussi, Eva.“
Katze warf das Handy zurück neben die Kasse.
„Mir ist egal, wer diese Kussi-Eva-Tussi ist. Aber krieg ich irgendwie spitz, dass du die Kleine in meinem Laden parat gemacht hast … Deine Stechuhr steht auf Viertel vor Kündigung, kapiert?“
„Du tust gerade so, als würde ich hier ständig Frauen abchecken.“
Katze lachte. „Es ist dein Job, hier die Frauen abzuchecken. Aber nur, wenn‘s um Cocktail-Wünsche geht, nicht um deinen Besamungskalender. Das hier ist eine Bar ohne Bordell-Betrieb.“
„Ich versteh nicht, wo das Problem ist, wenn ich ab und zu mal …“
Weiter kam Mark nicht. In seinem Rücken öffnete sich die Tür, und Katzes Miene schaltete augenblicklich von Chef auf Wachhund.
„Ich geb dir einen guten Tipp, Mark. In diesem Job können wir uns Stalker nicht leisten. Die sind bloß gut für Kopfschmerzen. Und schlecht für die Kasse.“
Damit wandte sie sich ab und zapfte ein Kölsch. Mark warf einen Blick auf den neuen Glamrock-Gast: Er musste früher mal ausgesehen haben wie Zappa, doch heute trug er sein dünnes graues Resthaar zu einer weichlichen Kordel im Stiernacken geknüpft. Die Augen hinter der Dreifachverglasung waren riesig und fast Nivea-blau. Wie die feinen Äderchen auf seinem Trinkerzinken. In Kombination mit der parmesanfarbenen Gesichtshaut erinnerte sein Kopf farblich an das Ehrenfelder Stadtwappen. Katze verhehlte ihren Ekel nicht.
„Walla! Warum müssen sich meine Augen von deinem Anblick beleidigen lassen?“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
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