01. AUS HEITEREM HIMMEL

Lale stand in ihrer Küche und zog einen leeren Tablettenstreifen aus dem Stapel alter Zeitungen hervor. Bis vor kurzem hatte sie wegen einer Magendarmgeschichte Antibiotika nehmen müssen und deshalb noch heute einen ekligen Geschmack im Mund. Widerliches Zeug. Etwas, das so scheiße schmeckte, konnte nicht gesund sein. Aber leider hatten Globuli und Kräutertee allein diesmal nicht geholfen.
Lale stopfte das Plastik in den gelben Sack und klaubte den kurz vor dem Umkippen stehenden Haufen Altpapier vom Küchentisch, um wieder Platz für Laptop und Teller zu schaffen. Die Zeitungen schmiss sie in einen Pappkarton, das restliche Papier landete in einem umfunktionierten Din-A4-Umschlag. Auf dem Weg in ihr Café würde sie beides ins Altpapier schmeißen.
Irgendwo im Bad piepste ihr Handy. Eine SMS. Um diese Zeit konnte das eigentlich nur Adnan sein, ihr Koch im Mampf. Wahrscheinlich schikanierten sie ihn mal wieder in der Ausländerbehörde. Lale setzte sich mit ihrem Eisenkrauttee an den Tisch und klappte ihren Laptop auf. Zeit für Frühstück und Wohnungssuche. Das Handy klingelte ein zweites Mal. Egal. Für wichtige Dinge gab‘s ja die Mobilbox.
Facebook vermeldete nichts neues – abgesehen davon, dass Shrimp, ein alter Freund aus Detmolder Zeiten, sich mit ihr befreunden wollte. Lale zögerte. Was tun? Adden? Nein! Sie hatte keinen Bock mehr auf ihr altes Leben, die alten Freunde und die alten Sorgen. Westfalen war Geschichte, ihre Zukunft lag in Köln.
Die Wohnungssuche verlief so frustrierend wie immer: zu teuer, kein Balkon, kein Fenster im Bad. Enttäuscht klappte sie den Rechner zu. Und schon wieder nervte das Handy.

Adnan hatte sein Bike etwas entfernt vom Café Mampf an eine der Laternen auf dem Neptunplatz gekettet. Lale schob ihr Rad von der anderen Seite dazu und schloss ab. Das Mampf mit seinen beiden riesigen Fenstern war an diesem neblig düsteren Spätherbstmorgen schon hell erleuchtet. Durch den Durchgang hinter der Theke sah sie Adnan in der Küche wirbeln. Von den vier Tischen im Café war einer besetzt. Vorn links, auf dem zur Bank umfunktionierten Fensterbrett, also mit dem Rücken nach draußen, saß eine der Omis aus der Nordic-Walking-Gruppe. Die Omi, deren Perücke einen Tick zu blond war.
Lale schob gerade die Tür zum Mampf auf, als schon wieder das Handy klingelte. Das Display zeigte dieselbe unbekannte Nummer, die schon den ganzen Morgen nervte. Irgendwann würde sie rangehen müssen. Aber nicht jetzt. Nicht vor dem Frühstück. Zumal Lale jetzt der Duft von Kaffee, Speck und Zwiebeln in die Nase stieg. Sie scannte den Gastraum: alles sauber und an seinem Platz. Die Flohmarktmöbel, die bunten Holzrahmen an den Wänden, die alte Registrierkasse und das zusammengewürfelte Porzellan – alles perfekt. Und genau so, wie sie es sich während ihrer Ausbildung immer erträumt hatte, wenn sie Betten bezog, Klos schrubbte oder Minibars auffüllte.
„Guten Morgen, Fräulein Lale“, grüßte die Perücken-Omi und winkte aufgeregt mit einem Zettel. Das grelle Make-Up auf ihrem sehr faltigen Gesicht wirkte irritierend. „Haben Sie gleich mal ne Minute für mich?“
Lale nickte freundlich und ging an ihr vorbei Richtung Tresen. Dahinter, an der Wand neben dem Eingang zur Küche, lehnte Adnan. Die Arme vor der Brust gekreuzt, mit Schürze und Käppi.
„Ihr Sittich ist weggeflogen“, erklärte er. „Sie will ihren Suchaufruf aufhängen“.
„Oh Gott“, Lale schob Adnan vor sich her in die Küche, „ist das der Vogel, von dem sie ihre Schminktipps kriegt? Blauer Lidschatten und orangefarbener Lippenstift – das traut sich nicht mal Lady Gaga.“
Adnan lachte mit blitzend weißen Zähnen und einer sympathischen Zahnlücke. Dann wandte er sich wieder den Pfannen auf dem Herd zu. Lale schielte raus in den Gastraum.
„Wie lief es eigentlich beim Ausländer …“, begann sie, aber schon wieder störte das Handy. „Jetzt reicht‘s“, entschied sie und kramte es aus ihrer Tasche. „Lale Ogün?“
Erst sagte er nichts. Aber sie hörte ihn atmen.
„Hi Lale. Ich bin‘s. Können wir uns sehen? … Lale? Hörst du mich?“
Allein seine raue Stimme degradierte den Idioten, mit dem sie bis vor kurzem noch geknutscht hatte, zu einem überflüssigen Statisten. Hannes war in der Stadt.
Das war das, was sie sich immer gewünscht hatte.
Und das schlimmste, was passieren konnte…

08. ZITTERNDE KNIE

Lale konnte es kaum fassen, dass Hannes jetzt Hand in Hand mit ihr durch Nippes marschierte. Bald würde sie mit ihm allein sein. In ihrer Wohnung. Aber was dann? Was erwartete sie eigentlich?
Als er vorhin so plötzlich im Mampf gestanden hatte, in seiner Uniform und mit diesem unverschämten Lächeln, da waren all ihre Gefühle für ihn auf einen Schlag wieder aufgepoppt: die Liebe, die Angst, die Eifersucht, der Kummer, die Wut – und das fast schmerzhafte Verlangen, von ihm berührt zu werden.
Erst jetzt kapierte sie, dass sie sich die ganze Zeit was vorgemacht hatte. Sie hatte immer noch Gefühle für Hannes, sie war keinen Millimeter über ihn hinweg. Kein Wunder, dass aus ihr und Tim nichts geworden war.
„Hast du eigentlich ne neue Beziehung?“ fragte Hannes in einem viel zu beiläufigen Tonfall. Lale merkte, wie sich ihre Stirn krauste, und bemühte sich um ein Pokerface. Hannes sollte bloß nicht sehen, was in ihr vorging.
„Ich würd‘ mich für dich freuen. Ehrlich“, log er. Er log doch? Oder nicht? Lale räusperte sich.
„Ich bin immer noch solo.“ Obwohl das stimmte, fühlte es sich an wie eine Lüge. Wahrscheinlich, weil ihr letztes Mal mit Großkotz-Tim noch nicht so wirklich lang zurücklag.
Plötzlich blieb Hannes stehen und drehte sich zu ihr. Die Sonnenstrahlen, die zwischen der dichten Wolkendecke hervorbrachen, ließen seine tiefbraune Haut wie Samt schimmern.
„Ich hab dich vermisst“, sagte er und sah so verdammt gut dabei aus. „Dein Lachen, deine Wärme. Deinen Körper.“
Er zog sie an sich. Ganz eng. So eng, dass ihr fast die Luft wegblieb. Seine schwarzen Augen, die braune Haut, sein runder, rasierter Schädel, seine starken Arme … er brachte sie total aus dem Konzept.

Etwas später saßen sie an ihrem Küchentisch. Lale beobachtete, wie er nach Worten rang. Der Tee in ihren Tassen dampfte und verströmte einen beruhigenden Salbeigeruch. Draußen regnete es in Strömen.
„Damals, als du dich getrennt hast“, begann er, brach aber sofort wieder ab. Er lachte verlegen. „Sorry. Du bringst mich völlig durcheinander.“
Er griff zu seiner Tasse, blies hinein und trank einen Schluck. Sein Jackett lag in ihrem Schlafzimmer über dem Bett. Wann hatte sie das Bett eigentlich das letzte Mal neu bezogen?
„Warum bist du in Deutschland?“ Eigentlich wollte sie wissen, warum er in ihrer Küche saß. Aber sie hatte Angst vor der Antwort. Er schwieg.
„Es war richtig, dass du dich getrennt hast“, sagte er dann unvermittelt und stellte seine Tasse ab. „Einige meiner Kameraden haben Frauen. Manche sogar Kinder. Für die ist es der Horror. Die leben jeden Tag in Angst.“
Sie nickte wortlos. Glaubte er etwa, dass es ihr anders ging? Sie lebte auch jeden Tag mit der Angst, ihn für immer zu verlieren. Dass sie sich von ihm getrennt hatte, spielte dabei keine Rolle. Ihre Gefühle für ihn scherten sich nicht um den Beziehungsstatus.
„Trotzdem“, seine Stimme klang jetzt ganz weich. „Ich wünschte, du hättest uns eine Chance gegeben. Du fehlst mir. Das, was wir hatten, fehlt mir. Der Sex mit dir fehlt mir.“
Seine Worte tropften Lale direkt ins Herz. Und mit einem Mal spielten all ihre Bedenken keine Rolle mehr.
„Du fehlst mir auch“, hörte sie sich antworten. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Hände zitterten. Sie spürte, was gleich passieren würde. Sie wollte, was gleich passieren würde. Scheiß auf die Konsequenzen.
„Ich will dich nicht ausnutzen“, flüsterte er.
„Tust du nicht.“
„Bist du sicher?“
Sie nickte. Noch konnte sie es verhindern. Sie könnte ihn aus der Wohnung schmeißen. Oder einen Streit vom Zaun brechen. Darüber, dass er die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, ohne sie getroffen hatte. Aber sie wollte nicht streiten. Sie wollte das Gegenteil.
Hannes nahm ihre Hand und küsste sie. Seine Lippen auf ihrer Haut, auf ihren Handflächen, brizzelten wie feine elektrische Schläge. Sie liebte ihn. Sie wollte ihn. Deswegen stand sie auf und zog ihn hinter sich her ins Schlafzimmer…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

10. BETTGEFLÜSTER

Knutschen hatte Hannes im Krieg definitiv nicht verlernt. Lale lag in ihrem Bett, nackt bis auf den Slip, und wartete darauf, dass er wieder zu ihr unter die Bettdecke kroch. Die letzten Stunden hatten sie sich geküsst und gestreichelt, und Hannes hatte ihr wieder und wieder zugeflüstert, wie sehr er sie vermisste. Aber Anstalten, mit ihr zu schlafen, hatte er keine gemacht. Lales Blick fiel auf seine Uniform, die ordentlich auf einem Bügel an der Tür hing. Der Krieg hatte ihn verändert. Er war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Doch irgendwas da unten hatte dafür gesorgt, dass er sich jetzt noch mehr in sich selbst zurückzog.
Im Bad ging die Toilettenspülung. Lale setzte sich auf, strich sich mit den Fingern durch die Haare und zog die Bettdecke über ihren Busen. Vielleicht war es Zeit, endlich miteinander zu reden.
„Hey“, sagte er, als er zurück zu ihr ins Bett schlüpfte.
„Hey.“
Er küsste ihren Hals, ihre Schulter, ihr Dekolletee. Sein Geruch war atemberaubend.
„Wie lange kannst du eigentlich bleiben?“
Er hielt inne, sah sie an.
„So lang ich will“. Er strich ihr mit seiner braunen Hand über das Kinn. Seine Handinnenfläche war so rosig wie eine Chamäleonzunge. „Spätestens morgen früh um neun muss ich los.“
Lale nickte. Hieß das, er würde bei ihr übernachten?
„Und Rudi?“
Hannes schüttelte den Kopf und rückte von ihr ab.
„Was meinst du?“
„Die wohnt doch jetzt auch hier in Köln. Seht ihr euch gar nicht?“
„Lale, was willst du eigentlich? Suchst du Streit?“
Er lehnte sich rücklings gegen die Wand und sah sie mit kalten Augen an.
„Wieso Streit? Ich hab nach deiner Schwester gefragt. Muss ich das Thema jetzt auch noch vermeiden?“ Auf einmal war sie unglaublich wütend auf Hannes.
„Es geht doch gar nicht um Rudi“, sagte er genervt. „Es geht um dich! Du willst mich doch gar nicht hier haben!“
„Blödsinn“, konterte Lale, „aber war ja klar, dass du mir wieder den Schwarzen Peter zuschiebst. Kapierst du es nicht? Es ist genau andersrum. Es geht immer nur um dich! Wir sind zusammen, und plötzlich gehst du als Soldat in den Krieg! Hast du dabei einmal an mich gedacht? Und wenn ich drüber reden will, dann machst du zu!“ Damit war ihre Wut auch schon wieder verraucht. Übrig blieb nur die Trauer. „Es ist so schwer ohne dich“, flüsterte sie weinend. „Ich mach mir Sorgen um dich. Jede Sekunde.“
„Schschsch“, machte Hannes und zog sie an sich. „Ich weiß. Es tut mir leid. Ich hab mich falsch verhalten. Es ist richtig, dort unten zu sein. Aber ich hätte dir das nicht antun dürfen.“
Lale nickte. Er küsste ihr die Tränen aus dem Gesicht und strich ihr zärtlich übers Haar.
„Ich liebe dich, Lale. Ich bin traurig, dass es mit uns nicht geklappt hat. Aber ich verstehe, dass es so besser für dich ist.“
„Ich liebe dich auch“, flüsterte Lale.
Und dann lagen sie plötzlich wieder nebeneinander, ihr Bein zwischen seinen, sein Arm auf ihrem Bauch, ihre Lippe zwischen seinen Zähnen. Sie spürte seinen Herzschlag, seinen Atem, seine Liebe.
„Willst du mit mir schlafen?“
Lale nickte. „Aber nur mit Kondom“, hörte sie sich sagen. Sie fühlte, dass sie rot wurde. „Sorry. Aber Single sein heißt Safer Sex“, schob sie hinterher.
Hannes lächelte.
„Dann mal her damit. Als emanzipierte Frau hast du doch garantiert ne Packung Kondome unterm Bett.“
Ein Kondom fand sich weder unterm Bett noch im Bad. Soviel zum Thema emanzipiert, dachte Lale. Sie stand in der Küche und durchwühlte ihre Tasche zum dritten Mal. Und richtig. Da war doch noch eins. Sie hatte es vor Jahren auf einem Festival als Werbegeschenk bekommen.
„Wie sieht‘s aus? Soll ich schnell zur Nachtapotheke?“, rief Hannes ihr aus dem Schlafzimmer entgegen, wo er, auf der Bettkante sitzend, auf seinem Handy herumtippte. Lale hielt das Kondom hoch über ihren Kopf wie den WM-Gürtel eines Box-Weltmeisters.
„Nicht nötig“, grinste sie. Sie schlüpfte zu ihm ins Bett und schmiegte sich an ihn. „Let‘s get ready to rumble!“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

18. DER MORGEN DANACH

Lale blinzelte verschlafen. Draußen kreisten die Raben, irgendwo entfernt kläffte ein Hund. Sie reckte sich. Schön, vor dem Wecker aufzuwachen. Noch schöner, dass Adnan den Laden heute allein schmeißen würde.
Erst jetzt bemerkte sie Hannes‘ Hand auf ihrer Hüfte. Er schlief hinter ihr. Im Löffel. Sie schloss die Augen, hörte auf seinen Atem und dachte an letzte Nacht. Der Sex war wunderschön. Vertraut, eingespielt – und doch anders als sonst. Langsam, um ihn nicht zu wecken, drehte sie sich um. Wenn er schlief, sah er so anders aus. Viel sinnlicher, verletzlicher, nicht so cool. Am Tag versteckte er seine Gefühle meist hinter einem stahlharten Pokerface. Aber im Schlaf und beim Sex konnte sie sehen, wie er wirklich war: sensibel und zärtlich. Der Mann ihrer Träume.
Ob sie es doch nochmal versuchen sollten? Vielleicht gab es ja einen Weg, mit dieser kranken Form von Fernbeziehung fertig zu werden.
Sie hob seine Hand an, löste sich vorsichtig aus der Umklammerung und stand auf. In der Küche kochte sie sich einen Tee. Dann ging sie ins Bad und ließ Wasser in die Wanne.
„Was wird das denn?“ Hannes stand hinter ihr im Türrahmen und beobachtete sie lächelnd.
„Ich dachte, wir baden zum Abschied. Ist doch viel schöner, als über ner Tasse Tee am Küchentisch zu hocken.“

Wenig später saßen sie einander in der Wanne gegenüber. Ihre Füße lagen auf seinem Brustkorb, er knabberte an ihren Zehen und hatte seine Beine zu beiden Seiten um ihren Körper gelegt.
„Warum bist du eigentlich hier?“, fragte sie.
„Die haben mich interviewt. Für einen Image-Film. Und dann gab‘s noch ein Fotoshooting mit Bundespräsident und Verteidigungsminister.“ Er knabberte weiter an ihren Zehenspitzen.
„Nein, das mein‘ ich nicht“, sagte Lale. „Ich mein, warum du hier bist. Bei mir. In dieser Wanne.“ Sie grinste unsicher. Warum hatte sie überhaupt damit angefangen? Es lief doch alles gut bisher. Warum jetzt ein Grundsatzgespräch vom Zaun brechen?
„Hör zu, Lale“, sagte Hannes reserviert und umschloss ihre Füße mit seinen Beschützerhänden. „Ich hab da unten was über mich gelernt. Ich bin kein guter Mensch. Und ich mache Fehler. Ein Fehler war, dass ich nicht von Anfang an kapiert habe, dass ich nicht gut bin für dich.“
Seine Worte trafen Lale direkt ins Herz. Auf einmal wusste sie, dass er es nicht noch mal probieren wollte.
„Bist du deshalb hergekommen? Um mir das zu sagen?“
Hannes nickte. Lale zog ihre Füße zurück und setzte sich auf. Ihre Haare, die sie zu einem Knoten hochgebunden hatte, lösten sich und fielen ins Wasser.
„Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr“, sagte er. In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen. Totales Pokerface. Manchmal hasste sie diese „Lonesome-Cowboy“-Attitüde. Und diese kalten Augen, die ihm der Scheiß-Krieg verpasst hatte, die hasste sie erst recht.
„Du bedeutest mir mehr als mein Leben, Lale“, sagte er. „Ich will, dass du glücklich bist. Deswegen müssen wir Abstand halten. Ich bin nicht gut für dich.“
Lale kämpfte gegen ihren aufkommenden Zorn. Jetzt musste er nur noch sagen „Du verdienst was besseres“, dann hätte er alle Trennungs-Platitüden in einem Atemzug benutzt.
„Danke. Ich weiß selbst, was gut für mich ist.“
Er nickte und klatschte mit der flachen Hand aufs Wasser. Die Bewegung verursachte eine unruhige Wellenflut. Das Wasser war schon fast kalt. Oder kam die Kälte aus ihrem Inneren?
„Ich weiß, Lale. Das meine ich doch. Als du Schluss gemacht hast, hast du dich geschützt vor mir. Und das war richtig. Du bist anders als ich. Du verschmilzt in einer Beziehung. Ich kann das nicht. Ich brauch meinen Freiraum.“
„Soll das heißen, du bist deswegen Soldat? Weil ich dich in den Krieg getrieben habe?“
„Quatsch. Ich mein’, du hattest Recht mit der Trennung. Wir tun uns beide keinen Gefallen, wenn wir das vergessen.“
Das Wasser war tatsächlich eiskalt. Lale beugte sich vor und ließ heißes nachlaufen.
„Wie kannst du das nur so sehen“, sagte sie zitternd. Ihre Stimme verriet hoffentlich nicht, wie verletzt sie war, „du kommst nach Köln, erzählst mir, dass du mich liebst, schläfst mit mir. Und dabei geht‘s dir die ganze Zeit nur um Sex?“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

20. DUELL IM MORGENGRAUEN

Lale war traurig. Und wütend. Und frustriert. Sie saß mit dem Mann ihrer Träume in der Badewanne – und stritt sich. Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hatte. Eigentlich war vom ersten Moment an klar gewesen, dass die ganze Sache früher oder später im Streit enden würde. Die wunderbare Zeit dazwischen – der Sex, die Zärtlichkeiten, die vertraute Nähe zwischen ihnen –, das war alles nur das Vorspiel gewesen.
„Wie kannst du nur glauben, dass du mir nicht wichtig bist“, warf er ihr gerade vor. Ihre Füße lagen wieder auf seinem durchtrainierten Brustkorb, und seine Beine schlängelten sich noch immer zu beiden Seiten um ihren Körper herum. Das Wasser duftete schwach nach Rosen und schwappte in kleinen Wellen auf und ab. Die aufgehende Sonne glomm durch das viel zu kleine Fenster und ließ das Wasser in der Wanne wild und ungeduldig glitzern.
Sie stritten jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Richtig in Fahrt gekommen war das Ganze durch ihren Vorwurf, es sei ihm bei seinem Besuch nur um Sex gegangen.
„Tja, wieso komm‘ ich wohl drauf, dass ich dir nicht wichtig bin?“ Lale merkte, wie sich ihr Hals immer mehr zuzog, das passierte ihr immer, wenn sie zornig wurde. „Vielleicht, weil du wichtige Entscheidungen lieber ohne mich triffst?“
Hannes seufzte, nahm eine Hand von ihren Füßen und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen die Augen.
„Lale“, begann er. „Ich habe schon mal gesagt, es tut mir leid. Sehr leid. Aber ich kann‘s nicht mehr ändern. Ich hab‘ da unten was angefangen, das ich auch zu Ende bringen muss.“
Bla, bla, bla. Diese Platte kannte sie schon. Und sie wurde nicht besser durch diese nervtötenden Wiederholungen.
„Darum geht‘s mir ausnahmsweise nicht.“ Ihre Stimme war jetzt ganz kratzig. „Es geht darum, dass du schon wieder eine Entscheidung für uns beide triffst.“
„Das tue ich nicht.“
„Tust du doch!“, beharrte sie. „Du entscheidest, dass es gut ist, getrennt zu sein. Und ich soll damit klarkommen!“
Er atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf, die Lippen fest aufeinandergepresst. Draußen krächzten immer noch die Raben.
„Diese Entscheidung hast du auch schon mal für uns beide getroffen. Erinnerst du dich?“, sagte er schließlich.
„Dann bestrafst du mich jetzt dafür, oder was?“ Wieder schwappte diese unendliche Traurigkeit in ihr hoch. „Ich hab damals keinen anderen Weg gesehen. Aber heute …“, sie stockte und suchte nach Worten, „ich bin mir nicht mehr sicher. Es hat sich nicht viel geändert, seit wir getrennt sind. Ich krieg dich nicht aus meinem Kopf. Meine Gefühle sind immer noch da.“ Sie zögerte. „Vielleicht kann ich es ja doch irgendwie aushalten.“
Er schüttelte den Kopf. Seine Augen sahen jetzt fast traurig aus.
„Lale, nein. Es tut mir so leid. Ich hätte nicht herkommen dürfen. Das Ganze war ein Fehler. Ich hab kein Recht, dich nochmal in mein beschissenes Leben hineinzuziehen.“
„Du ziehst mich in nichts rein!“, brauste sie auf. „Ich bin alt genug, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich kann jederzeit nein sagen. Damals wie heute.“
Er schüttelte wieder den Kopf.
„Das stimmt nicht, Lale. Ich allein weiß, wie ich ticke. Ich bin nicht gemacht für eine Beziehung. Das wusste ich auch schon damals. Ich hätte dich von Anfang an in Ruhe lassen müssen. Alles was ich dazu sagen kann ist, dass es mir leid tut. Ich hab es wirklich versucht. Ich wollte wirklich der Mann sein, den du verdienst.“
„Hör auf, so zu reden. Ich hab niemanden verdient. Ich liebe dich.“ Eine Träne rollte ihr aus dem Auge. Trotzig wischte sie sie weg.
„Ich liebe dich auch“, sagte er. „So sehr, dass es wehtut. Aber manchmal reicht das eben nicht.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

23. SPRACHLOS IN NIPPES

Mit einem „Mach‘s gut, Lale“ hatte Hannes ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Dann war er in seiner Uniform aus ihrer Wohnung gestürmt und im Treppenhaus verschwunden. Seitdem hockte Lale in ihrem Flur, den Rücken an die Wohnungstür gelehnt, und weinte.
Wie konnte sie nur so blöd sein?! Sie hatte selbst Schuld, dass sie jetzt wie ein Häuflein Elend Rotz und Wasser heulte und sich vorkam wie die letzte Idiotin. Hannes war nicht gut für sie! Warum hatte sie das nur vergessen?!
An der Tür klopfte es. Sie stand auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah durch den Spion. Hannes. Was wollte der schon wieder? Sie öffnete die Tür nur einen Spalt weit.
„Was willst du“, fragte sie schroff und hoffte, dass sie nicht allzu verheult aussah. Dann fiel ihr auf, dass auch seine Augen verräterisch glänzten.
„Ich … “, stammelte er und verstummte. Im Treppenhaus hoch über ihnen entstand Tumult. Jemand polterte eilig die Stufen herunter. Lale zog ihre Tür auf und winkte Hannes in die Wohnung. Ihr Trennungsgespräch ging niemanden etwas an, schon gar nicht ihre ätzenden Nachbarn.

In der Küche setzten sie sich. Diesmal gab es keinen Tee. Der Himmel vor dem Fenster war stumpf und grau. Ebenso grau wie das Gefühl, das ihr Herz im Griff hielt.
Hannes sah sie an und suchte nach Worten. Genau so hatte gestern alles angefangen. Hier in dieser Küche. Warum hatte sie sich bloß nochmal auf ihn eingelassen? Sie wusste doch, dass er nicht für eine Beziehung taugte. Dass er immer dann die Flucht ergriff, wenn es ernst wurde. Und dass er sich immer dann ein wenig öffnete, wenn sie sich von ihm zurückzog. Wie sie dieses ewige Katz und Maus-Spiel hasste!
„Lass uns nicht im Streit auseinandergehen“, sagte er und studierte seine Hände. „Es kann so viel passieren … Ich will nicht, dass du denkst, mir fällt das leicht, dich loszulassen.“
In Lales Augen sammelte sich die nächste Tränenflut.
„Hannes, ich versteh einfach nicht, was dein Problem ist.“
Er hob den Kopf und sah sie an. Auf einmal wirkte er total verloren.
„Ich weiß es doch auch nicht, Lale. Ich weiß nur, dass du mir unendlich wichtig bist. Werd glücklich. Versprich mir das.“
„Wie denn?“, flüsterte sie. „Wie denn ohne dich?“
Doch darauf antwortete er nicht. Er saß einfach nur da, sprachlos, und starrte auf seine Beschützer-Hände.
„Ich hoffe, wir bleiben Freunde“, sagte er dann und stand auf.
Freunde, dachte Lale bitter. Was für ein schwacher Trost.
„Sicher, bleiben wir“, antwortete sie mechanisch und erhob sich ebenfalls. Er sollte bloß nicht merken, wie schlecht es ihr mit diesem schlappen Deal ging.
„Lale, es tut mir …“
„Schon okay“, unterbrach sie ihn. Dass es ihm leid tat, hatte er in den letzten Stunden oft genug gesagt. „Es ist nicht allein deine Schuld, dass das mit uns nicht funktioniert.“
Es tat weh, sich das einzugestehen, aber es stimmte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie von dem Moment, in dem sie sich kennengelernt hatten, gewusst, dass Hannes nicht der Mann war, mit dem sie alt werden würde.
Er nickte erleichtert. Und machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich muss dann mal.“ Er nahm sie in den Arm und zog sie fest an sich.
„Klar.“ Sie löste sich von ihm und ging vor ihm her in den Flur. Die Hand auf der Klinke drehte sie sich zu ihm um.
„Pass auf dich auf da unten. Versprochen? Ich will nicht irgendwann an deinem Sarg stehen müssen.“ Sie versuchte ein Lächeln.
„Keine Sorge. Ich bin immer der erste, der in Deckung geht, wenn‘s ernst wird“, lächelte er zurück. Doch seine Augen lachten nicht mit.
An der Tür fanden sie beide keine Worte mehr. Ein letzter, inniger Kuss – und dann war er weg.
Diesmal endgültig, das spürte Lale.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

LALE

Lale Ogün (24) ist Single, türkischstämmig, tätowiert, emotional, wohltemperiert und zielbewußt. Ihr gehört das Café „Mampf“, der Nabel der Nachbarschaft. Lale liebt romantische Dates, magische Rituale und jede Art von Tanzfilm. Sie hasst weiße Slipper-Machos, Intellektuelle und Chaos und würde niemals zugeben, dass sie als Teenager auf Pille war.

Posted: Oktober 31st, 2011
Categories: Lale
Tags:
Comments: No Comments.