02. TITTENMONSTER

Lucky schreckte mit dem Geräusch eines Mannes hoch, der durch die Eisdecke gebrochen und vom Fluss einen Kilometer mitgeschleift worden war, ehe er seine schreienden Lungen im nächsten Angelloch endlich wieder mit Sauerstoff füllen konnte. Was für ein Alptraum: Sex. Mit einer Frau. Kein gutes Zeichen.
Seine blonden Schnittlauchhaare stippelten klatschnass vom Kopf, er spürte deutlich den Herbstwind, der durchs geöffnete Schlafzimmerfenster zog. Auch die weißen Leinenlaken klebten zwischen seinen Beinen. Instinktiv fasste er sich ans Gemächt. Die Hitze kam zum Glück vom Laptop, der schon die ganze Nacht in seinem Schoß vor sich hin gesummt hatte wie eine faule Katze.
Lucky versuchte, sich zu beruhigen. Doch die Erinnerung an die ekstatisch auf ihm herumturnende Frau verblasste viel zu langsam. Er schob sein PowerBook zur Seite und starrte auf das bunte Warhol-Porträt des rauchenden Hermann Hesse an der Wand gegenüber. Sein Herz hämmerte unbeirrt. Er schloss die Augen. Sex! Mit einer Frau! Er riss die Augen wieder auf. Herzhämmern. So weit war es schon gekommen. Jetzt träumte er auch noch vom Job.
Er konzentrierte sich auf das Gefühl der Leinenlaken auf seiner Haut. Seit jeher verabscheute er jegliche baumwollene oder, noch schlimmer, bedruckte Bettwäsche. Nichts war vergleichbar mit dem sanften Gefühl eines jungfräulich weißen Leinenlakens. Nichts.
Langsam entschleunigte sich sein Herz zurück auf Ruhepuls. Dieser verdammte Auftrag. Er hasste ihn, doch er musste ihn durchziehen. Im September und Oktober hatte er noch einige vielversprechende Autoren-Jobs in Aussicht gehabt. Bis auf einen hatten sich alle zerschlagen. Murphy‘s Law im Showgeschäft: Immer der Auftrag, den man überhaupt nicht wollte, blieb an einem kleben wie ein tief ins Profil getretener Kaugummi.
Der Auftrag kam von Mandy Hundsthaler. In diesem Jahr hatte Lucky mehrere Shows für sie geschrieben. Die Blondine war ein klassisches Medienphänomen: Ein naives Tittenmonster, das seine Würde in kleinen Homestories prostituierte, mit grammatikalischer Unzurechnungsfähigkeit erheiterte und mit humoristischen Eskapaden brillierte – bis sie endlich ihre eigene Show bekam.
Lucky coachte die sympathische Dumpfbacke durch den Medienzirkus,  schrieb ihre Moderationen, ihre Witze, ihr Leben. Zum Dank überraschte sie ihn mit dem Job, der ihn an seine Grenzen brachte: Er sollte für einen Buchverlag ihre Biographie schreiben. Oder besser eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten, die in der Summe ihr 24-jähriges Erdendasein zusammenfassen sollten. Lucky konnte sich keinen Job vorstellen, für den er weniger geeignet war. Erotische Kurzgeschichten. Aus Frauenperspektive. Natürlich heterosexuell. Doch dann waren alle anderen Jobs weggebrochen und er stand mit nacktem Arsch im Wind, wie es sein Steuerberater ebenso bildstark wie mitleidslos ausgedrückt hatte. Sein Schicksal hing an einem seidenen Faden, der Mandy Hundsthaler hieß.
Lucky las alles, was ihm an F-Promi-Biographien in die Hände kam: Katie Price, Paris Hilton, Veronica Ferres. Außerdem die Vagina-Monologe und andere Hetero-Heimsuchungen.
Doch letztlich ging es ihm nur um eine Frage: Wie konnte er Mandy die deftigen erotischen Eskapaden, die der Verlag verlangte, auf den silikongetunten Leib stricken, ohne ihre Würde komplett in die Gosse zu jagen?
Lucky hatte den ganzen vergangenen Abend im Bett recherchiert. Den Laptop auf dem Schoß, hatte er sich durch die TV-Kanäle gezappt auf der Suche nach der ultimativen Idee. Von Talkshow zu Titten-Quiz, von Jahresrückblick zu Dokusoap.
Er hatte sich auf Youtube durch die Hundsthaler-Shows gequält, fand sich – eingenickt – ölverschmiert im Ring mit Frauen. Erwachte wieder, wechselte die verschwitzten Laken, hackte ein paar Zeilen fürs Biographie-Konzept in den Rechner. Fühlte sein Scheitern. Flüchtete sich in weitere östrogenverseuchte Alpträume – und war jetzt völlig gerädert. Ohne jeglichen Impuls, sich der Welt auszusetzen. Wenn er mal von diesem bohrenden Heißhunger auf Lales Rührei absah.

Mit für die winterlichen Temperaturen nur fahrlässig angeföhnten Haaren und einem einnehmenden Duschduft nach Granatapfel enterte Lucky das Mampf, in dem bereits sechs Gäste saßen. Er nahm seinen Stammplatz am Panoramafenster ein und sah sich um. Lale steckte in der Küche bei ihrem Koch Adnan. Dem Geruch nach schien er Rührei mit Ziegenkäse zu zaubern. Lucky nutzte die tote Zeit bis zum ersten Doppelstock-Espresso, klappte sein Notebook auf und loggte sich bei „Spritzgebäck“ ein, der stilvollsten Playdate-Seite der Republik. Keine Sekunde später stupste Giorgio94 ihn an.
Anstupsen! Was war nur aus dieser Welt geworden?! Früher quatschte man sich an der Bar, der Kühltheke, der U-Bahnhaltestellte an, lud sich auf einen Kaffee, ein Bier, einen Quickie ein. Heute wurde man auf Datingportalen angestupst. Wortlos. Sinnlos.
Doch nicht in diesem Fall, denn Giorgio94 wartete gar nicht erst auf Luckys Reaktion. Er schoss gleich einen Fullscreen von sich hinterher, mit einer lässig in die Jeans geschobenen Hand. Untertitel: „Bock auf einen Skypewank?“
Lucky klappte den Laptop zu. Skypewank! Hatte er den Anschluss komplett verloren? Irgendein moralisches Update versäumt? War er über Nacht, na ja, über ein paar Nächte, zum Vollspießer geworden?
Vielleicht. Aber die Vorstellung, sich am hellichten Wintermorgen mitten in seinem Stammcafé mit einem 18jährigen via Skype einen von der Palme zu wedeln, war fast so eklig wie seine erotischen Traumeskapaden letzte Nacht.
Undenkbar.
Zumindest mit diesem bohrenden Hungergefühl …

 

07. DIE SOLDATENBRAUT

Lucky saß im Mampf und genoss die Wintersonne mit geschlossenen Lidern. Seine Gedanken kauten unablässig auf dem Hundsthaler-Dilemma. Wie konnte er eine erotische Biographie schreiben, ohne Mandys Persönlichkeit so nachhaltig zu zerstören, dass ihr als Jobs nur noch Betriebsfeste und Parkplatz-Eröffnungen blieben?
Lucky hatte sich erhellende Ideen von Lale versprochen. Die war jedoch damit beschäftigt, ihre Gäste mit Frühstück zu versorgen. Irgendwas stimmte heute sowieso nicht mit ihr: Innerhalb von sechs Minuten hatte sie viermal seinen Tisch abgewischt, seine Bestellung aufgenommen, nach der Joblage im Allgemeinen und nach Mandy Hundsthaler im Speziellen gefragt. Und ihm dann den falschen Kaffee und das falsche Frühstück hingestellt. Allerdings mit einem grundehrlichen Verzweiflungs-Lachen.
Der Käuzchenruf, Lales dezente Türklingel, kündigte einen neuen Gast an. Lucky hob träge den Kopf, sah im gleißenden Sonnenlicht aber nur einen gut gebauten Schatten in fleckigem Anzug. Er wartete, bis seine Augen sich an die grelle Spätherbstsonne gewöhnt hatten. Langsam schälte sich ein unfassbar attraktiver Kontrast aus dem Licht. Der fast 1,90 große Schwarze in der Kampfuniform der Panzergrenadiere passte in den Morgen wie ein strahlendweißes Atomkraftwerk auf den Neptunplatz. Der Soldat ließ ein charmantes Strahlen durchs Café wandern, das plötzlich ins Wanken geriet, als Lale hinter dem Tresen erschien. Sofort fühlte Lucky sich wie der Regisseur einer Telenovela.
Der Soldat ließ langsam seinen Rucksack sinken und suchte Lales Augen, in denen von jetzt auf gleich zwei Kubikmeter Tränen gegen das Überlaufen kämpften. Sie versuchte, die Fassung zu wahren, schob sich ohne ein Lächeln am Soldaten vorbei, servierte dampfende Rühr- und Spiegeleier an Tisch 3, stellte Salz und Pfeffer vom Nebentisch dazu, schwenkte ihren wachen Dienstleistungsblick durchs Café, fand keine bittenden Augenpaare, ging zurück zum Tresen, zog im Vorbeigehen den Soldaten mit sich in die Küche – und schloss das erste Mal, seit Lucky das Mampf besuchte, die Tür hinter sich!
Hatte Lucky die Bilder bis jetzt auf Zeitlupe gedehnt und mit „I am calling you“ von Jeff Buckley unterschnitten, endete der Soundtrack plötzlich mit dem Zuschlagen der Küchentür.
Wie hypnotisiert starrte Lucky vor sich hin. Seine eine Hirnhälfte stellte sich vor, was Lale und der Soldat gerade machten – Reden, Knutschen, Streiten. Seine andere Hirnhälfte vollbrachte das für Männer unfassbare Kunststück, zwei weitere Gedankenketten parallel zu verfolgen. Gedankenkette 1 führte in seine Vergangenheit, genauer: in die Region um seinen 19. Geburtstag. Damals lebte Lucky noch in Düsseldorf, absolvierte im Wäschefachgeschäft seiner Eltern eine Kaufmannslehre und verliebte sich unsterblich in einen Samoa-stämmigen US-Soldaten. Aus dieser kurzen Liaison hatten sich leider nur eine übertrieben peinliche Anekdote und eine gewisse Affinität für Uniformen erhalten.
Gedankenkette 2 führte dagegen in die Zukunft. Denn plötzlich hatte Lucky die Lösung des Hundsthaler-Dilemmas umrissen: Wenn schon er und Lale ein Soldatentrauma teilten, wieso nicht auch Mandy? Er könnte sie als eine Frau erzählen, die sich unsterblich in einen Soldaten verliebt hatte, der quasi direkt aus dem Bett an die Front verbracht wurde und nie wieder etwas von sich hören ließ. Eine einsame Soldatenbraut, die fortan niemanden mehr lieben konnte. Die in jeder Affäre immer nur auf der Suche nach ihrem Helden in Uniform war. Und ihn nie fand. Vor diesem (zugegeben erlogenen) Lili-Marleen-Hintergrund konnte er Mandy Hundsthaler jedes erotische Abenteuer erleben lassen. Und sie würde trotzdem nicht als billige Schlampe abgestempelt werden. Ihr Herz war ja vergeben an eine Erinnerung, eine Hoffnung.
Plötzlich kam der ersehnte Flow: Lucky verbrachte die nächsten Stunden mit hochroten Wangen in einem Schreibtunnel. Ein komplett erfundenes Leben voller Tiefschläge und Neuanfänge floss aus ihm heraus. Lale und der Soldat in der Küche hatten seine erotische Phantasie so beflügelt, dass die Tastatur schon im Rhythmus quietschender Federkernmatratzen, Küchentische und Etagenbetten klapperte. Nichts konnte Luckys Phantasie-Finger-Connection unterbrechen. Erst das nervige Ping des Skype-Accounts riss ihn aus seiner Konzentration. Er warf einen Blick auf den Thumbnail: das breite Grinsen von Mandy. Sofort ging Lucky auf Empfang.
„Mandy, grüss dich. Super, dass du dich meldest. Ich hab‘ gerade den Schreibflow meines Lebens. Seit heute Morgen klopp ich mir die Gicht aus den Fingern.“ Luckys Enthusiasmus bremste mit dem Blick auf Mandys tränenüberströmtes Gesicht abrupt ab. „Was ist los?“
„Die Bio“, schniefte Mandy in die Webcam, „ist Geschichte. Der Vertrag mit dem Verlag ist geplatzt.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
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13. SEX-DEFRAGMENTIERUNG

Lucky lag auf seinem Kingsize-Bett und balancierte den Laptop auf seinem Schoß. Das Selbstmitleid hatte ordentlich an seinem ohnehin schon winterlichen Teint gefressen, und er fühlte sich so ausgepowert wie nach einem Marathon durch die Polarwüste.
Die letzten Tage hatte er sich in diesen Job verbissen, hatte erotische Szenarien durchdacht und schließlich sogar durchträumt. Doch dann hatte Mandy Hundsthaler diesen grausigen und doch unersetzlichen letzten Job, der seine Moral noch über Normalnull gehalten hatte, gecancelt. Das einzig Positive war, dass er den Vorschuss des Verlags behalten durfte – auch wenn die meiste Kohle schon längst für Miete, Strom und eine Kühlschrankfüllung draufgegangen war.
Lustlos kämpfte Lucky sich durchs Fernsehprogramm. Wo immer er landete: nur Wiederholungen, das typische Jahresendzeit-Szenario von Doku-Trash, in dem normale Menschen für mickrige Tagesgagen auf ihrer Würde rumtrampeln ließen. Dazu unsägliche Titten-Quizshows und Kerner-Talks. Kein Wunder, dass Lucky keine Jobs mehr hatte. Seine Auftraggeber hatten einfach alle Budgets für echtes Fernsehen zusammengestrichen, um von dem Geld opulente Weihnachtsfeiern zu veranstalten, auf denen die Jobs fürs nächste Jahr verdealt wurden.
Er klappte den Laptop zu und genoss die plötzliche Schwärze des Zimmers. Seine verzweifelten Versuche der letzen Tage, sich heterosexuelle Erotikgeschichten aus Frauenperspektive aus dem Hirn zu schrauben, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Er war hirnwund und damit anfällig für jegliche Vorstellung lüsterner Eskapaden. Bärtige Bärchen, Ledertransen, Teekännchenschwuppen – in diesem Moment war alles denkbar. Und gleichzeitig unerwünscht. Lucky war keiner von diesen „Ich bin gerne Single“-Heuchlern. Und er hasste jegliche Form von hastigem Klappen-, Darkroom- oder Fummelpartysex. Zumindest in einem Dorf wie Köln, wo er diesen Menschen dann immer wieder begegnen würde. Er wusste, dass Sex keine Probleme löste. Und doch … konnte er keine Sekunde lang nicht an Sex denken.
Wie ferngesteuert griff er zum Telefon und wählte Marks Nummer. Sein Nachbar war ein echtes Schnittchen, und er hatte dazu drei ganz entscheidende Vorteile: Er war ansteckend gutlaunig, unbelehrbar heterosexuell und als Barmann quasi ein Profi im Seelentrösten.
„Mark? Ich bin’s.“ Lucky stellte auf laut, denn sogar zum Telefonhalten fehlte ihm die Kraft. „Ich brauch dringend ne Druckbetankung.“
Marks Lachen schepperte durch den überforderten Telefonlautsprecher.
„Komm vorbei. Kardinal Katze hält gerade Heilige Inquisition. Da könntest du auf dem Rückweg gleich meine sterblichen Überreste verscharren.“
Das klang genau nach der Portion Drama, die Lucky davon abhalten würde, weiter an der Sorgenpfeife zu saugen. Oder schlimmer: sich in irgendwelche unverbindlichen Sexkapaden zu stürzen, für die er sich die nächsten Tage wieder durchschämen und verdammen würde.
Lucky wollte gerade seinen Rechner runterfahren, als sich, sekundengenau getimet, einmal mehr ein Chatfenster öffnete – Giorgio94.
„Bin im Eckig. Bock auf ein Bier?“
Das Eckig. Seit über einem Jahrzehnt der Schlager-Leuchtturm im schwulen Bermudadreieck Kölns. Zum Feiern und Abgehen perfekt, für ein Blinddate mit Gesprächsanteilen aber definitiv zu laut und quirlig. Überhaupt: Was sollte Lucky mit einem 18jährigen Dating-Junkie besprechen? Ob Lady Gaga jetzt einen Pimmel hatte oder nicht? Ob Dieter Bohlen ein schwulenfeindlicher Rassist war oder hohl? Oder beides?
Oder war Lucky selbst der Depp? Hatte er bloß Angst, sein festgefahrenes Leben in einem volljährigen Frischling gespiegelt zu sehen, der lebte, was er liebte? Ohne Kompromisse. Warum sollte ein 18jähriger nicht genausoviel zu geben haben wie ein Endzwanziger? Gab es eine Altersgrenze für Spaß? Und wann hatte Lucky sie überschritten? Und warum? Und warum hatte er davon so gar nichts mitbekommen?
Lucky klickte das Chat-Fenster weg, doch es poppte direkt wieder auf.
„Oder wenigstens eine rauschende Nacht?“, schob Giorgio94 hinterher.
Lucky fuhr den Rechner runter. Und versuchte dasselbe mit seiner Spontan-Erektion. Ohne Erfolg.

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
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17. WILLIG & DANKBAR

Ordentlich vorgeglüht und mit Barmann-Tipps von Mark versorgt, schaukelte Lucky vor der Tür des Glamrock zwischen zwei Zielen hin und her: seinem Zuhause und den Verlockungen der Nacht. Da es keinen schlechteren Ratgeber als Alkohol gab, entschied er sich für die Nacht und torkelte Richtung schwules Bermudadreieck.
Mark war einfach unglaublich. Er dachte keine Sekunde nach und machte einfach, was er für richtig hielt. Dass das im Zweifel immer falsch war und grundsätzlich mit Frauen zu tun hatte, machte ihn dennoch nicht unglücklich.
Lucky dagegen dachte jede Sekunde seines Lebens nach, über Fehler der Vergangenheit oder Gefahren der Zukunft. Dass sich dazwischen auch so etwas wie Gegenwart versteckte, die es zu genießen galt, merkte er selten. Und meist erst dann, wenn er vor Mark am Glamrock-Tresen saß und sich dessen Liebesdramen anhörte.
Es war irgendetwas Undefinierbares zwischen spät und früh, und so wankte Lucky über einen fast verlassenen Rudolfplatz Richtung Eckig. Dabei ließ er seine Gedanken frei galoppieren. Er hatte keine Beziehung. Keinen Sex. Und er war horny wie ein Stier beim Almauftrieb. Die letzten Wochen, in denen er sich ausschließlich mit heterosexueller Erotik hatte herumschlagen müssen, brauchten ein klares Ende. Ein Signal der Entschlossenheit. Oder verführte ihn bloß der bunte Cocktailmix, den er gerade standhaft durchgetestet hatte?
Er blieb für einen Moment an der roten Ampel stehen, versuchte sich zu sammeln, fand nichts, das des Sammelns würdig war, und stieß schließlich mit einem gemurmelten „Nur Kucken, nicht anfassen“-Vorsatz die Tür zum Eckig auf.
Warmes Licht legte sich auf seine promillegeschwängerte Netzhaut – der Laden war noch gut besucht, und von allen Seiten schossen interessierte Blicke auf ihn ein. Lucky probierte ein selbstbewusst wirkendes 360-Gradlächeln, brach nach 180 Grade schwindelbedingt ab und ging straight zum Tresen durch, dessen Gelsenkirchener-Barock-Anmutung ihn magisch anzog.
Mit dem zungenmotorisch einwandfrei vorgebrachten Zweisilber „Gin Fizz“ und zwei Fingern, die „doppelstöckig“, „Peace“ oder „Fick dich“ bedeuten konnten, schraubte er sich verhältnismäßig elegant auf einen Barhocker und grinste stumpf in das bunte Flaschenregal.
„Was weht die Nacht denn da für eine Sünde ins Paradies?“ gluckste es in sein linkes Ohr. Lucky drehte sich langsam um und sah in die stahlblauen Scheinwerfer eines Kalendermodells, das man sich überhaupt nicht mehr schönzutrinken brauchte. Reflexhaft schloss Lucky die Augen, atmete tief ein und aus, hob die Liddeckel wieder. Was er jetzt sah, hatte nur noch wenig mit dem ersten Eindruck zu tun, machte ihm aber auch nicht mehr so viel Angst: ein etwa 1,80 großer, braungebrannter Fitnessfreak im knallengen Muskelshirt, Glatze, leicht vernarbte Wangen, neugierige Augen, einladendes Lächeln ohne schadhafte Zähne. Es gab auf den zweiten Blick nur etwa 42 Gründe, die gegen ihn sprachen: je 20 durchbohrten seine Ohren, die restlichen zwei waren durch seine Mundwinkel geschossen. Ein Piercingfreak. Süß. Aber ein Piercingfreak.
Der knackige Barmann stellte zwei Gin Fizz vor Lucky.
„Zum Wohl.“
Lucky drehte sich zu den Drinks, nahm einen, überlegte einen Moment mit geschlossenen Augen, reichte dem Piercingfreak schließlich den anderen Drink, stieß mit ihm an und stürzte den Gin gegen sein Zäpfchen.
„Ich bin Will.“
„Will? Wie in willig und dankbar?“
Will schien diesen Spruch mehrmals täglich zu kassieren, also schnitt Lucky die unangenehme Pause mit einem „Lucky“ ab, legte aber gleich den Finger auf die Lippen, als er Wills Lächeln sah.
„Nein, Will, heute ist nicht dein lucky day.“
Damit war die Stimmung für Luckys Einschätzung ausreichend abgelöscht. Er war Single. Er war einsam. Er war horny. Aber ein Piercingfreak? Da musste er nicht mal kucken, geschweige denn anfassen. Gottseidank!
Will wandte sich ab und tuschelte mit dem knackigen Barmann. Lucky bereitete sich auf einen doofen Spruch, einen Rausschmiss oder beides vor. Statt dessen stand ein paar Sekunden später ein weiterer Gin Fizz vor ihm. Und einige Platitüden, Gags, Lacher und Tuscheleien später spürte Lucky zwischen seinen Lippen die erste gepiercte Zunge seines Lebens…

Posted: Oktober 3rd, 2011
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19. KÜSSER-QUALITÄTEN

Das eigentlich Absurde an der Situation waren nicht Will oder seine Piercings, sondern seine Kusstechnik.
Lucky war kein Kind von Traurigkeit. Wie jeder Mann liebte er Sex. Aber er war anspruchsvoll geworden in den letzten Jahren. Was die Optik und den Intellekt seiner Partner anging, vor allem aber ihre Küsser-Qualitäten. War ein Kuss früher eher so etwas wie eine Eintrittskarte oder ein kurzes Vorspiel, war diese Kunstform mehr und mehr zu einem Dealbreaker geworden. Ein Mann, der nicht küssen konnte, würde nur noch in absoluten Dürreperioden einen Weg in Luckys Hose finden. Zum erweiterten Kuss-No-go gehörten Zungenakrobaten, Schnäuzerträger – besonders die Kölsche Spezialität mit Kurbelspitzen – Raucher, Zahnarztverweigerer und natürlich Zungengepiercte.
Jetzt hing Lucky Will bereits seit mehr als vier Drinks zwischen den Lippen – und war begeistert. Nicht vom Piercing, soweit verzauberte Will ihn dann doch nicht. Aber von seiner Technik, von seiner beharrlichen Weichheit, seinem unaufdringlichen Knabberstyle, der Lucky völlig vergessen ließ, was da alles an Metallveredelung zwischen Ohren und Mundwinkeln baumelte und vor allem die sensible Zungenspitze zierte.
Zu Beginn hatte Lucky fast die Fäuste geballt vor Angst, dass Will ihm mit seiner Abrisskugel einen Schneidezahn aushebelte. Doch mehr und mehr war er dahingeflossen. Bis er schließlich völlig vergessen hatte, wie Will aussah, wie der Laden aussah, in dem sie knutschten, und wohin das alles überhaupt führen sollte.
Bis Will plötzlich abbrach, ihn anlächelte, sich dann zum Barmann wandte und bezahlte. Lucky war irritiert. Hormonell verstrahlt, aber irritiert.
„Will? Was machst du?“
„Einer Anzeige als Zechpreller entgehen?“ Will grinste Lucky offen an und bestellte beim Barmann ein Taxi. „Wir fahren zu dir.“
Dominante Männer waren in Luckys Welt ein weiterer Njet-Faktor.
„Vergiss es“, setzte er sich wieder demonstrativ auf seinen Barhocker. „Bei mir sind die Wände aus Pressspan. Und ich will meinen Nachbarn auch morgen noch in die Augen sehen.“
„Dann gehen wir zum Aachener Weiher.“
„Ja klar, morgen zum Schwäne füttert – falls die bei den Temperaturen nicht fest mit der Eisdecke verwachsen sind. Vielleicht hast du‘s nicht mitbekommen, Will, aber jenseits deiner Sonnenbank ist so gut wie Winter.“
Will schenkte Lucky den Blick eines Hundes mit Scherbe in der Pfote. Lucky schüttelte entschlossen den Kopf.
„Wenn das überhaupt was gibt mit uns, dann nur mit Stil. Warum gehen wir nicht zu dir. Hast du keinen Stil?“
Will grinste Lucky unschuldig an.
„Ich hab so viel Stil, du würdest meine Wohnung nur noch unter Protest verlassen.“
„Na dann …“ Lucky versuchte es mit einem aufmunternden Grinsen.
„Na ja … in meinem Bett liegt jemand, der in etwa zwei Stunden aufstehen und auf den Großmarkt fahren muss.“
„Jemand?“ Lucky war froh, dass der Barhocker unter ihm nicht die gleiche wabbelige Konsistenz annahm, die seine Knie plötzlich hatten.
„Sein Mann“, grinste der immer noch knackige Barmann und stellte zwei neue Drinks vor die beiden.
„Mein Mann“, bestätigte Will. Und immer noch glänzte dieses unschuldige Jungengrinsen zwischen seinen Piercings hervor…

Posted: Oktober 3rd, 2011
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22. FICKLICHTHUSSEN

Nackt auf einer Eisscholle hätte Lucky sich nicht schlechter fühlen können.
Will … er war diesem Piercing-Monster tatsächlich gefolgt. Einem Mann, dessen Mundhöhle ihm vertrauter war als seine Stimme. Er hatte sich mit ihm in ein Taxi gesetzt, war Richtung Nippes gefahren, irgendwo vor einem dunklen Restaurant an der Agneskirche ausgestiegen.
Er hatte sich die Eingangstür aufhalten lassen. War von einer Staffordshire-Bullterrier-Hündin mit dem ebenso schlüssigen wie absurden Namen Steffi angeglotzt worden. War dem Mann und der Hündin durchs Restaurant, dann die Treppe runter in den Weinkeller gefolgt. Dort hatte Will ein Regal mühelos zur Seite geschoben, um eine dahinter versteckte Tür aufzuschließen, hinter der sich wiederum eine karge, fensterlose Einzimmerwohnung mit Bad und Bett auftat.
Auf dem Bett, genauer: auf der kunstseidenen Tagesdecke mit Goldzotteln, saß er nun und drehte einen Plastikbecher mit Gin in der Hand, während Will „sich frisch machte“ – was der Fernsehmann Lucky eigentlich nur als Synonym fürs Koksen kannte.
In diesem Fall aber hatte es tatsächlich mit Körperpflege zu tun. Das Prasseln der Dusche mischte sich mit dem Grummeln in Luckys Magen und wurde zum Soundtrack seines Zweifels. Einen ihm völlig Unbekannten mit einem ihm fast unbekannten Mann zu betrügen, das fühlte sich in so vielerlei Hinsicht grundfalsch an, dass Lucky seine Dummheit fast schmecken konnte. Oder stammte dieser penetrante Rostgeschmack auf seiner Zunge gar nicht vom Scham-Adrenalin, sondern von Wills metallenen Piercings?
Die Hündin, die vor Lucky saß und ihn anstarrte, schien exakt das gleiche zu denken: Was zur Hölle machst du hier?! Steffi gähnte und entblößte dabei eine dentale Landschaft, die Lucky bislang nur vom Alien-Monster kannte. Mit diesen Zähnen konnte Steffi vermutlich eine Marmorfliese zu Staub pürieren. Er hielt ihr den Becher Gin hin, doch sie hatte darauf genausowenig Lust wie er selbst. Steffi erhob sich, rückte ein Stück zu ihm hin und stellte ihre Vorderläufe selbstbewusst auf seine Schuhe. Er hatte keine Ahnung von Hunden, aber er wusste, dass das keine Kuschelgeste war. Steffi machte ihr Revier klar. Und das einzige, was ihm blieb, war wegzukucken, um ihr jegliche Hoffnung auf eine Konfrontation zu nehmen.
Lucky ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern, blieb für ein paar Sekunden an einem grotesk kitschigen ‚Delphin im Mondschein‘-Poster hängen, das so blau war wie das grausige Röntgenlicht der beiden Energiesparbirnen, die in schlichten Fassungen rechts und links vom Bett an der Wand hingen. Sie beleuchteten einen groben Nachttisch in 70er-Jahre-Nussholzfunier, auf dem die unvermeidliche Küchenrolle neben zwei verranzten Push-Fläschchen und einer Familienpackung Gummis thronte.
Der Sound des Duschstrahls versiegte, und keine Minute später stand Will im Raum, tropfnass und auf eine so obszöne Art nackt, dass Lucky gar nicht wusste, wohin er überall nicht kucken wollte. Nippelringe, Bauchnabelpiercing und – als Tiefpunkt der nach unten offenen Intimschmuckskala – ein gigantischer Prinz Albert, der Wills Eichel krönte wie ein Enterhaken.
„Ihr habt euch schon angefreundet?“ Will nickte Richtung Steffi, die immer noch auf Luckys Füßen stand und ihn anstarrte.
„Ich glaube, ihre drei Hirnzellen überlegen eher, welchen Teil von mir sie zuerst frisst.“
„Mal sehen, was übrigbleibt, wenn ich dich vernascht habe“, grinste Will. Damit zog er die Schublade des Nachttischchens auf und holte zwei rote Brokatlappen heraus, die er mit einiger Sorgfalt über die Energiesparbirnen an der Wand stülpte. Das Blaulicht bekam sofort einen Stich ins Ultraviolette, was einen sanften Schimmer auf Wills beängstigendes Eichelpiercing warf.
„Ficklichthussen?“, keuchte Lucky angewidert.
„Hat meine Mutter mir genäht. Süß, oder?“
„Weiß sie, dass du in diesem Licht ihren Schwiegersohn betrügst?“
„Sei kein Spießer, Lucky. Ist doch nur Sex.“
Damit schlug Will die kunstseidene Tagesdecke zurück, was zur Folge hatte, dass Lucky vor Entsetzen aufsprang, den Inhalt des Ginbechers auf eine bogenförmige Reise Richtung Billiglaminat schickte, dabei fast über Steffi stolperte, beim Anblick ihrer Zähne doch noch die Balance behielt und schließlich mit dem Rücken zur Wand seine Restsinne sammelte: In Bettwäsche-Optik grinste ihm eine gigantische Diddelmaus entgegen.
15 Minuten später lag Lucky stocknüchtern und glücklich zuhause. In jungfräulich weißer Leinenbettwäsche genoss er das großartige Gefühl eines würdigen Neins zur rechten Zeit.

Posted: Oktober 3rd, 2011
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LUCKY

Lukas „Lucky“ Koppmann (28) ist Single, schwul, hypersensibel, zynisch und ein großer Freund von Verschwörungstheorien. Wegen seiner ADHS-Probleme sucht er als Dauergast im Mampf Inspiration und Ablenkung. Der freiberuflicher TV-Autor liebt Gummis mit Mangogeschmack und seine i-Pod-Bibliothek. Er hasst String-Tangas, Koks-Texter und nicht selten sich selbst. Immer häufiger albträumt er von Sex mit Frauen – was er allerdings niemals zugeben würde.

Posted: September 28th, 2011
Categories: Lucky
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