03. JAGDUNFALL

Der höllische Dunst, der Mark aus der dunklen, sanft vibrierenden Höhle entgegenwaberte, war kaum auszuhalten.
Er riss riesige Palmblätter aus dem Dickicht neben sich und wedelte gegen den Gestank an. Unmöglich, die faulige Brise blies ihm direkt ins Gesicht. Erbarmungslos. Legte sich wie ein wochenalter Leichenduft auf seinen Geruchssinn.
Mark zwang sich, seine Blauaugen bis zum Vollausschlag aufzureißen – und starrte wieder in die vibrierende Höhle. Doch diesmal gehörte zur Höhle ein Zimmer, ein Bett, ein Mund, eine Nase, zwei Augen, eine – Frau?
Mark strampelte das verschwitze Plumeau von sich und suchte Halt an der Zimmerdecke. Ein Alptraum. Er presste beide Fäuste an die Schläfen, doch das ließ seinen hämmernden Kopfschmerz kalt. Hatte er gestern noch an irgendeinem bewusstseinserweiternden Frosch geleckt? Oder war das der Geschmack von Absinth auf seiner Zunge?
Auf der Suche nach der Wasserflasche tastete seine Hand am Bettrand entlang. Da war keine Flasche. Nichts. Mark erhoffte sich Aufschluss über ihren Verbleib, indem er einen Blick auf den Spiegel über seinem Bett warf. Da war auch kein Spiegel. Nichts. Er tastete nach links – wo waren seine Kippen? Sein Aschenbecher? Sein Nachttisch? Wo war… er?!?!
Der erbärmliche Gestank, der ihn durch seinen Traum gejagt hatte, strömte weiterhin aus der Mundhöhle dieser Frau. Gin. Döner. Mit Zwiebel. Ein paar Joints. Eine Schachtel Gauloises. Darüber der dünne Schimmer Mentholduft vom Alibikaugummi. Wenn er wenigstens wüsste, wie sie hieß!
Auf dem Boden vor dem Bett lagen Marks Klamotten. In einer Spur der Anklage von der Zimmertür (Pulli, Hose) bis zum Bettrand (Socken, Shirt, Boxershorts). Mit einiger Erleichterung entdeckte er auch eine leere Packung Präser. Nichts wie raus hier.
Jede große Flucht begann mit dem ersten Schritt. Er spannte seine Bauchmuskeln an, richtete sich auf. Und zuckte sofort wieder zusammen, als sich eine Hand in seine Schulter krallte.
„Was‘n los? Ich dachte, wir schlafen aus … und vögeln den Rest des Nachmittags.“
Ihre Hände spielten mit Marks dunklen Locken, strichen über die für die Jahreszeit grotesk gebräunte Haut seiner Wasserballer-Schultern. Ihr begleitendes Gurren sollte vermutlich sexy klingen, hörte sich aber eher nach rösiger Taube an. Er schüttelte ihre Hand so sanft wie möglich und so entschieden wie nötig ab, glitt mit dem linken Fuß elegant in die Boxershorts, schob auch den Rechten rein und sprang auf, während er die Shorts in einer für diese Uhrzeit nahezu artistischen Bewegung von den Knöcheln über die Backen zog.
„Sorry, Schneckchen. Ich muss los.“
„Sehen wir uns heute Abend im Glamrock?“
„Ich, äh, hab frei.“
„Oh cool, dann können wir ja ins Kino.“
„Nee, ich … muss noch Anatomie lernen.“
Sie versuchte ein laszives Grinsen und rekelte sich unter dem Laken, was wiederum sexy aussehen sollte, Marks Galle aber einen gemeinen Leberhaken verpasste.
„Ich bin das perfekte Studienobjekt.“
„Sorry, ein anderes mal. Ich ruf dich an.“
Mark war auch in die restlichen Klamotten gesprungen und gerade auf dem Weg zur Tür, als ihr kaserniges „Halt!“ ihm in den Nacken knallte. Er wandte sich um, gebannt von ihrem Zeigefinger, der ihn auf eine Art zu sich winkte, wie es in den 70ern wohl mal für sexy gehalten worden war. Widerwillig fügte er sich und sah zu, wie sie einen Kuli vom Nachttisch nahm, eine Mobilnummer sowie die erlösenden Buchstaben E –V – A auf seinen Unterarm schrieb und ihm dann mit einem „Kussi!“ ihre gespitzen Lippen entgegenstreckte.
Mark kniff ihr in die Wange wie einem freundlichen Hundewelpen, murmelte ein „Sorry, Eva, ich muss!“ und leitete den Rückzug ein. Draußen im Flur atmete er die überwältigende Süße der Freiheit.
Was war er bloß für ein Kanisterkopf?! Wieso zur Hölle konnte er nach Dienstschluss nicht einfach mal nach Hause gehen? Eigentlich hasste er es, in fremden Betten, fremden Wohnungen, fremden Leben aufzuwachen. Wieso passierte ihm das trotzdem ständig?
Ein Geräusch veranlasste ihn, die Erörterung dieses Problems auf den Nachmittag zu verschieben. Er musste hier so schnell wie möglich raus. Doch gerade, als er die Klinke in die Hand nahm, schallte eine unfassbar verlockende Altstimme durch den Flur.
„Du haust ja wohl nicht ohne Kaffee ab, Fremder.“

05. BALZRUF DES LANDADELS

Mark stierte über seine Espressotasse hinweg in Carmens beeindruckende Grünaugen, die ihn an eine fleischfressende Pflanze erinnerten und jedes einzelne ihrer Worte unterstrichen. Er war fasziniert von diesem 5-Sterne-deluxe-Gesicht.
Die Wort-Fluten, die Carmen dabei ausstieß, überforderten seinen Arbeitsspeicher allerdings zu dieser Uhrzeit. Marks Hirn leitete nur etwa jedes fünfte Wort an sein Bewusstsein weiter – den Rest löschte es gleich wieder.
Dabei hatte Carmen eine Stimme, die jedem Hörfunkredakteur eine Gänsehaut aufs Trommelfell getrieben hätte. Und sie hatte Feuer. Außerdem sah sie aus wie die kleine Schwester von Collien Fernandes, und dieses Paket weckte Marks unmittelbaren Beutetrieb.
Er grinste. Doch irgendein verirrtes „Aber“ schwirrte Mark durchs Bewusstsein, taumelte mal hier und mal da gegen seine Aufmerksamkeitsfilter, fiel hin, stand wieder auf, klopfte gegen seinen Verstand und hielt ein riesiges Warnschild mit einem Venuszeichen hoch.
Plötzlich formulierte sich ein irritierender Parallelgedanke in seinem Bewusstsein …
Hallo?! Bist du eigentlich total zernagelt? Du flirtest hier mit der Mitbewohnerin einer Frau, die du gestern gegen deinen Willen flachgelegt hast! Oder zumindest ohne dein Zutun. Die kann jede Sekunde reinkommen und Stress machen!! Flieh, kleiner Hobbit, flieh!!!‘
Aus irgendeinem Grund sprach Carmen gerade von der SpoHo. Mark nutzte die Chance, nahm das Stichwort auf und leitete zum direkten Ausstieg über.
„Du studierst auch an der Sporthochschule?! Dann lass uns mal in der Auszeit treffen.“
Mark war seit Monaten weder im Spoho-Café noch an der Sporthochschule selbst gewesen. Aber Carmen schien ein Spitzengrund, das zu ändern.
„Du bist an der Spoho?“ Sie stieß ein ansteckendes Aschenbecherlachen aus, „ich fass es nicht. Echt?“
Mark verband sein Nicken mit einem möglichst sportlichen Blick. Carmen geierte.
„Dann versteh ich auch die Bodenturn-WM von heute Nacht.“
Mark verschluckte sich an einem Milchschaumatom – Carmen hatte heute nacht mitgehört? Verdammt. Natürlich! Doch sie wirkte null abgeschreckt. Vielleicht sogar interessiert?
„Das unsterbliche SpoHo-Barmann-Klischee …“, Carmen schenkte Mark einen weiteren Stoß ihres Aschenbecherlachens. „Ich dachte, du bist Teilhaber im Glamrock. Zumindest hat Eva sowas gesagt.“
„Na ja“, er ließ diese beiden Unverbindlichkeits-Joker kurz im Raum stehen und verzichtete auf weitere Klarstellung. Wenn Katze, seine Chefin im Glamrock, den Satz samt „Na ja“ gehört hätte, sie hätte seine Augäpfel gekocht und an die Ratten verfüttert.
Carmen grinste ihn jetzt an wie Ka den kleinen Mogli.
„Dann komm ich doch lieber in deinen Laden. Ist doch eh viel netter. Wir wollen ja nicht übers Studium quatschen. Hoffe ich.“
Mark genoss Carmens Balz. Doch plötzlich poppte das „Aber“ wieder auf. Und zwar in Gestalt von Eva, die verschlafen die Tür zur WG-Küche aufschob, zum Kühlschrank taumelte, eine Plastikflasche Sprudel rauszog, ansetzte und mit gewaltigen Kehlkopf-Situps vernichtete. Sie saugte und saugte, verbiss sich fast im Flaschenrand. Dann riss sie die leere Flasche von den Lippen, warf sie in die Spüle und schickte einen kohlensauren Rülps Richtung Zimmerdecke.
„Hmmm“, schwärmte Carmen ironisch, „der Balzruf des Landadels.“
„Kauf halt Wasser ohne Blubber“, blaffte Eva. Dann sah sie Mark. Carmen?? Mark!! Ihr Gesichtsausdruck rochierte von Liebe zu Hass zu Liebe.
„Ach, du bist ja noch da“, in einem mädchenhaften Reflex schob sie ihre Hand vor den Mund. „Sorry.“
Mark verdrängte die fauligen Höhlen-Bilder aus seinem Alptraum und versuchte ein unschuldiges „Wir … haben übers Studium gequatscht.“ Er tauchte zum Abschied kurz in den Nektar von Carmens Augenkelchen, versuchte dann einen Blick knapp an Eva vorbei auf die Küchenuhr.
„So, ihr beiden, ich muss jetzt aber wirklich.“
Damit sprang er auf, griff nach seinem Mantel, zwinkerte Carmen zu, ignorierte Evas „Kussi!“ und verschwand.
Raus aus diesem Duell. Zurück in sein eigenes Leben.

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09. VIERTEL VOR KÜNDIGUNG

Mark stieß zwei Strohhalme in den Mule, drapierte eine Gurken- und eine Limettenscheibe auf dem Glasrand und schob Kowalski, der wie immer an der Westkurve der Bar kauerte, den Drink rüber.
„Hey Barmann, was soll diese schwule Scheiße an meinem Drink? Habt ihr Sarah-Wiener-Wochen?“ Kowalski lachte dreckig. Routiniert tauchte Mark unter den fliegenden Gurken- und Limettenscheiben weg, die klatschend in der Spüle landeten. Niemand war berechenbarer als Kowalski.
Plötzlich piepste Marks Handy, das irgendwo neben der Kasse lag. Er griff danach, kriegte aber nur Katzes Hand zu fassen, die sich plötzlich neben ihm materialisiert, sein Handy gegriffen, die Tastatursperre gelöst und die SMS gelesen hatte. Niemand war unberechenbarer als Katze.
„Wer ist Eva?“
Mark zögerte drei Sekunden zu lang für eine coole Antwort. Katze wiederholte die Frage, nur dass sich diesmal ihre Nasenspitze an Marks schmiegte. Katze war groß. Und sehnig. Ein stolzes Relikt aus den 80ern. Und sie wusste sich Gehör zu verschaffen.
„Wer?! Ist?! Eva?! Mark?!“
„Du musst nicht eifersüchtig sein“, endlich hatte Mark wieder Zugriff auf seine Sprüche-Datenbank, „das war nur was zum Kuscheln.“
„Kuscheln?!“ ging Kowalski angeekelt dazwischen, „sprich Männerdeutsch!“
Katze holte kurz Luft und wandte sich zu Kowalski.
„Wann hast du in meinem Laden Rederecht?“
„In Monaten ohne R und I“, stammelte Kowalski kleinlaut.
„Und was haben wir?“
„November. Sorry, Katze.“
Damit verschob Katze ihren Fokus wieder auf Mark. „Du wolltest mir gerade erzählen, woher ihr euch kennt, du und Kussi-Eva.“
Mark lauschte tief in sich hinein. Was gab es zu erzählen über Eva? Es war einer dieser mauen Glamrock-Abende gewesen, an denen sogar Kowalski schon um Elf in den Sack gehauen hatte. Mark wollte früh dichtmachen, und plötzlich stand Eva vor ihm. Besoffen kichernd, um einen Absacker bettelnd. Mit schwarz-roten Augen und einem Haaransatz, der sich seit Monaten nach Blondierung sehnte. Mit schmalen Lippen über scharfen Eckzähnen. Einer Halstätowierung, die nach Laser schrie. Zu laut, zu voll, zu unschön. Doch der Blick auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale ließen ihn jeden Zweifel vergessen. Er gewährte ihr den Absacker. Und den ganzen Rest. Und jetzt stalkte sie ihn. Woher hatte sie überhaupt seine Nummer?!
„Von der Uni, Katze. Wir … kennen uns aus dem Seminar.“
Katze schien beruhigt. Da brummte sein Handy erneut. Direkt in ihrer Hand.
„Wenn du Anatomie doch lieber mit einem richtigen Körper lernen willst“, las Katze vor, „ich müsste gar nichts ausziehen. Kussi, Eva.“
Katze warf das Handy zurück neben die Kasse.
„Mir ist egal, wer diese Kussi-Eva-Tussi ist. Aber krieg ich irgendwie spitz, dass du die Kleine in meinem Laden parat gemacht hast … Deine Stechuhr steht auf Viertel vor Kündigung, kapiert?“
„Du tust gerade so, als würde ich hier ständig Frauen abchecken.“
Katze lachte. „Es ist dein Job, hier die Frauen abzuchecken. Aber nur, wenn‘s um Cocktail-Wünsche geht, nicht um deinen Besamungskalender. Das hier ist eine Bar ohne Bordell-Betrieb.“
„Ich versteh nicht, wo das Problem ist, wenn ich ab und zu mal …“
Weiter kam Mark nicht. In seinem Rücken öffnete sich die Tür, und Katzes Miene schaltete augenblicklich von Chef auf Wachhund.
„Ich geb dir einen guten Tipp, Mark. In diesem Job können wir uns Stalker nicht leisten. Die sind bloß gut für Kopfschmerzen. Und schlecht für die Kasse.“
Damit wandte sie sich ab und zapfte ein Kölsch. Mark warf einen Blick auf den neuen Glamrock-Gast: Er musste früher mal ausgesehen haben wie Zappa, doch heute trug er sein dünnes graues Resthaar zu einer weichlichen Kordel im Stiernacken geknüpft. Die Augen hinter der Dreifachverglasung waren riesig und fast Nivea-blau. Wie die feinen Äderchen auf seinem Trinkerzinken. In Kombination mit der parmesanfarbenen Gesichtshaut erinnerte sein Kopf farblich an das Ehrenfelder Stadtwappen. Katze verhehlte ihren Ekel nicht.
„Walla! Warum müssen sich meine Augen von deinem Anblick beleidigen lassen?“

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11. WALLAS WALLFAHRT

Walla war eine Naturgewalt. Ein Tsunami der Verzweiflung. Eine Massenkarambolage am Kamener Kreuz: Mark litt mit ihm. Doch er konnte einfach nicht wegsehen.
Walla war nicht zum Trinken gekommen. Er war nicht zum Reden gekommen. Er riss sich gleich das Herz aus der Brust und legte es puckernd auf den Tresen, direkt vor Katze, die seinem bewegenden Schauspiel nicht eine sichtbare Gefühlsregung spendierte.
Walla sprach zu Mark oder Kowalski, ließ Katze dabei aber keine Sekunde aus den Augen. Er begann seinen flehenden Vortrag mit einem Exkurs in die wilden 80er.
„Eine Zeit, in der das Blue Shell die rechte und linke Herzkammer des Kwartier Latäng war. Schwarzweiß-karierte Fliesen, Froschfotzenbleche, dazu der kühle Mix von Cowboystiefeln und Rangerboots, Karottenjeans und Bomberjacken, wasserstoffblonden Flats, Elvistollen und polierten Glatzen. Die Wahl zwischen Speed und schlechtem Speed. Und auf der Bühne die Shades, die Local Heros Kölns. Ein schwuler Bassist und drei Riotgirls. Und am Mikro eine kampferprobte Amazone, deren Puls auch im krassesten Pogo-Pit nie über 60 ging. Eine Frau wie zwei Kerle. Eine Göttin. Katze.“
Walla war so in seinem Element, dass sich kleine Spuckeflöckchen von seinen Lippen lösten und im Kamikazeeinsatz Richtung Bar flogen. Er lebte gerade die 80er nach, war auf dem Zenit seines Lebens – und liebte. Voller Inbrunst. Kompromisslos. Eine Unerreichbare. Aus Millionen Legionen hatte sie ihn auserkoren. Wallas Blick schien sich in der Zeit wieder zurückzuschrauben.
„Nur für eine Nacht.“
Mark zeigte nach außen natürlich nicht mehr als das diskrete Nicken, das die Barmänner weltweit eint, wenn jemand an ihrem Tresen sein Herz ausschüttet. Innerlich war er jedoch zum Zerreißen gespannt. Katze redete nicht gern über ihre wilden Zeiten. Und so, wie sie gerade aussah, hasste sie es auch, dass Walla darüber sprach. Der holte gerade zum großen Finale aus.
„Sie war heiß wie ein Harleyauspuff, verstehst du? Zerstörerisch. Aber keine schwarze Witwe. Sie ließ mir das Leben. Leider.“
Wallas letzte Worte versandeten in Selbstmitleid. Er trank sein Bier in einem Stoß aus.
„Deine Chefin ist Heroin, mein Junge. Damals wie heute. Und ab und zu brauch ich einen Schuss.“
Plötzlich, ohne ein Wort, verschwand Katze im Büro. Walla, völlig in sich zusammengesunken, räumte seinen Hocker und wankte in Richtung Tür wie ein entseelter Golem. Kaum fiel die Tür zu, stand Katze wieder hinter Mark.
„Genau das mein ich, Mark. Diese Alkoholaufrisse sind gefährlich. Dabei fängst du dir leicht einen Stalker ein.“
„Hat er oder hat er nicht?“, grinste Mark.
„Was?!“
„Na vom Heroin gekostet. Hat er die Göttin ins Bett gekriegt?“
Katze sah fast verlegen aus.
„Ehrlich? Keine Ahnung. Er behauptet es. Und ich hab‘n Filmriss.“
Für einen Moment sah Katze so alt aus, wie sie wirklich war.
„War ‘ne abgefahrene Zeit damals.“
Sie flippte sich eine Kippe zwischen die Lippen, zündete sie an und ließ sie aufglühen. Zwei dicke Kondensstreifen schossen aus ihren Nasenlöchern. Marks Augenbraue erinnerte an den staatlich verordneten Gesundheitszwang. Katze nahm einen Extrazug und zerdrückte die Zigarette in dem Aschenbecher, den er ihr hinhielt.
„Manchmal vergess ich sogar das Gesetz, das mir den Umsatz ruiniert. Pass auf, Mark. Wenn Wallas Besuch überhaupt irgendeinen Sinn hatte, dann den: Fang dir keinen Stalker ein. Mir ist egal, was du in deiner Freizeit machst. Wo du nach Dienstschluss deinen Absacker trinkst. Wen du da triffst. Warum du ihn knatterst.“
„Sie!“
„Oder sie, mir völlig egal. Aber das Glamrock ist kein Kontakthof, verstanden? Ein Walla alle paar Monate reicht. Ich hab keinen Bock auf noch mehr Stress.“
Dieser Walla schien ihr wirklich zuzusetzen. Und das seit Jahren. Jahrzehnten. Ausgerechnet ein Barstalker bescherte Katze immer wieder Höllenmomente. Und nun wollte sie Mark davor bewahren, denselben Fehler zu machen. Sich eine weibliche Version von Walla ins Leben zu holen. Und in die Bar. Mark nickte. Er hatte die Botschaft verstanden. Doch dann meldete sich das Schicksal mit zwei in ihrer Parallelität eher unschönen Ereignissen zurück: Marks Handy empfing eine weitere SMS von Kussi-Eva. Und die Tür des Glamrock schwang auf und ließ einen neuen Gast herein: Carmen…

Posted: Oktober 3rd, 2011
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14. MEXICAN STAND-OFF

Mark schwang den Shaker. In einer fließenden Bewegung goss er den Mai Thai ins Cocktailglas, hob seinen Blick Richtung Carmen und fand dort ein entspanntes Grinsen, das eine Tendenz ins Lüsterne zeigte. Neben ihm stand Katze. Neugierig. Lauernd.
„Und wo habt ihr euch kennengelernt, Carmen?“ Katzes Lächeln erinnerte Mark an eine Königscobra beim Anblick eines frischen Ratten-Wurfs.
Carmens „Bei mir in der Küche“ entsprach der Wahrheit. Leider hatte Marks spontaner Zwischenruf „In der Uni“ weniger mit der Wahrheit zu tun. Und weckte sofort Katzes investigatives Interesse. Wieso konnte er nicht einfach die Fresse halten? Wieso musste er eine an und für sich total relaxte Situation so dämlich sabotieren?
„In der Uni-Küche?“, fragte Katze unschuldig nach.
„Nein, in Carmens Küche. Aber wir studieren auch zusammen“, schob Mark nochmal engagiert hinterher.
„Na ja“, bemerkte Carmen überflüssigerweise und ließ sich auch von Marks Gesichtsgewitter nicht bremsen, „das wusste ich doch bis heute morgen noch gar nicht. An der Uni haben wir uns nie gesehen.“
Katze schob ihr lächelnd die Hand hin.
„Hallo, Carmen. Sorry, dass ich so indiskret sein muss. Aber Mark … überschreitet manchmal Grenzen. Und eine heißt: Keine Frauen in der Bar abschleppen.“
„Ach was“, Carmen lachte Mark lüstern an. „Aus welchem Jahrhundert stammt das denn?! Ich dachte, in der Gastronomie geht‘s ausschließlich ums Amüsement.“
Damit nahm sie den Strohhalm auf eine Art in den Mund, die Dita von Teese die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Mark spürte, wie die Situation ihm Atom für Atom entglitt. Er wusste nicht warum. Doch er wusste, dass er die fatale Kettenreaktion nicht mehr würde aufhalten können. Jetzt ging es nur noch darum, an einen Ort zu fliehen, den Katze in ihrem Zorn nicht erreichen konnte.
„Außerdem kann Mark in seinem Laden doch machen, was er will“, hörte Mark Carmen sagen. Sie garnierte auch diese Aussage mit einem Lächeln, das ihren Hals und ihre Beischlafbereitschaft freilegte. Mark fühlte sich wie ein instabiles Brennelement. Er musste retten oder fliehen. Aber wen und wohin?
„In seinem Laden?“, gurrte Katze, „das Glamrock ist mein Laden.“
Carmen verdrehte die Augen. „Wegen mir auch euer Laden. Mich interessieren hier die Drinks, nicht die Grundbucheinträge.“
Mark räusperte sich hilflos. Katzes Nasenflügel blähten sich auf, ein untrügliches Zeichen, dass sie jeden Moment ausrasten würde.
„Sag mal“, wandte sich Carmen jetzt wieder an ihn, „hier ist doch eh nicht viel los.“ Sie zeige mit dem Daumen auf Katze. „Kann die nicht allein abschließen? Ich hätte Bock, noch ein bisschen abzugehen. Also wegen mir auch nur tanzen. Wenn sonst ihre Gebärmutter wandert wegen Barmann abschleppen und so.“
Mark fühlte eine große Müdigkeit in sich aufsteigen. Es würde noch eine, vielleicht zwei Minuten dauern. Dann würde Katze detonieren wie eine H-Bombe.
Wieso zog Carmen diese Show ab? Aus Rache? Weil er sie angegraben hatte, obwohl er Sex mit ihrer Mitbewohnerin Eva gehabt hatte? Oder, und das war die eigentlich groteske Vorstellung, meinte sie das Geflirte ernst?
Katzes Augen hatten sich inzwischen zu kleinen Schlitzen verengt. Sie musterte Carmen, die ihren Strohhalm unbeeindruckt liebkoste wie eine Eichelspitze. Plötzlich entspannte Katze sich und grinste.
„Ich bin neugierig, wie du die loswirst“, raunte sie Mark zu und verschwand im Büro. Er nickte. Er würde Katze beweisen, dass er ihre Stalker-Botschaft wirklich verstanden hatte.
Leider zog das Schicksal es vor, ihn mit einem spontanen Mexican Standoff herauszufordern.
Denn mit einem Mal öffnete sich die Eingangstür des Glamrock. Und schenkte dem Abend eine zunächst bestgelaunte Eva, deren Eintritts-Lächeln jedoch zügig vereiterte, als sie ihre Mitbewohnerin erblickte.
„Carmen?!“

Posted: Oktober 3rd, 2011
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16. EVA VS. CARMEN – LIVE

Nichts rettet ein Wasserschweinferkel vor einer Anaconda.
Außer einer zweiten Anaconda.
Mark fühlte sich unwohl.
Er hatte sich ganz auf seinen Job konzentriert. Hatte Carmen einen zweiten Mai Thai gemacht und ein Kölsch und einen Wodka vor Eva gestellt. Katze hatte gar nichts trinken wollen. Sie wollte nicht abgelenkt werden, keine Sekunde dieser peinlichen Schlammschlacht verpassen. Das, was sich gerade live vor dem Tresen abspielte, war das krasseste Verbal-Sparring in der Geschichte des nationalen Damen-Debattiersports.
Als das Gezicke zwischen Eva und Carmen irgendwann zu unübersichtlich wurde, begann Katze Fragen zu stellen. Und mit jeder Frage schickte sie Mark ein Lächeln mit der Fußnote ‚Hör dir genau an, was die beiden Mädels für Probleme haben, Mark. Dann nimm es hoch Zehn. Und das sind dann die Probleme, die du mit mir bekommst, wenn du noch ein einziges Mal zulässt, dass sich so ein würdeloses Schauspiel in meinem Laden abspielt‘.
Mark verstand. Er wusste, dass Katze Recht hatte, und versuchte, irgendwas von dem zu verstehen, was Carmen und Eva sich an den Kopf schmissen. Vorwürfe vorwiegend, aber unverständlich. Beleidigungen. Derbe. Konkrete Attacken. Darin häufig Männernamen und Begriffe wie „Schlampe“, gelegentlich in der Kombination mit „dreckig“, „untreu“ und „pimmelsüchtig“.
Carmen und Eva, begriff sogar Mark mit der Zeit, teilten nicht nur eine Wohnung. Sie teilten auch ihre Männer, indem sie sie einander munter ausspannten. Um Männer oder Liebe ging es dabei allerdings so wenig wie um Sex. Es ging nur darum, die andere zu verletzen, aus der Wohnung zu treiben. Zu siegen.
Frauen.
Carmen grinste plötzlich dämonisch.
„Weiter so, Eva. Warum heulst du noch nicht? Keine Tränchen heute?“
Carmen lächelte. Magnetisch. Fast hätte Mark zurückgelächelt. Doch mit einem Blick auf Katze fing er sich gleich wieder.
„Eva, eins muss man dir lassen“, Carmen musterte Mark, „süß ist er.“
„Hast du ihn deshalb gleich angebaggert, als er aus meinem Schlafzimmer kam?“, keifte Eva, „der war noch bettwarm!“
Carmen lachte.
„Dass deine Männer einen guten Geschmack haben und früher oder später in meinem Bett landen, ist ja nicht mein Problem. Das ist Evolution, Eva. Kapier das endlich.“
Carmen stand auf, pulte einen 20-Euro-Schein aus ihrer Hose und reichte ihn Mark.
„Der Rest ist für dich.“ Sie nickte Richtung Katze, ließ Mark aber nicht aus den Augen. „Vielleicht kaufst du deinem Sidekick ein paar Aspirin. Die sieht nach Kopfschmerz aus.“
Damit packte sie ihren Mantel und ging zur Tür, wo sie sich, schon eine Kippe zwischen den Lippen, nochmal umdrehte und Marks Augen fixierte.
„Besuch mich, Torero. Du weißt ja, wo ich wohne.“ Ihr Feuerzeug flammte auf, und mitsamt ihrer Rauchschwade verschwand Carmen nach draußen in die Spätherbst-Nacht. Mark sah ihr nach, ebenso Katze und Eva.
„Besuch mich, Torero“, äffte Eva abfällig nach.
„Hör zu, Eva, es tut mir leid.“ Mark lächelte ermutigend. „Das mit uns beiden wird nix. Und keine Sorge. Das gleiche gilt für deine Busenfreundin. Die Getränke heute gehen aufs Haus. Und ihr würdet mir eine große Freude machen, wenn ihr euch für diese kranken Psychospielchen eine andere Bar sucht.“
Mark sah auf der Suche nach Bestätigung zu Katze. Ihr zufriedenes Nicken kam seinem Blick entgegen.
Eva nahm sich einen 10-Euro-Schein, wickelte ihn langsam um ihren Mittelfinger und tauchte ihn in ihr halbvolles Kölsch. Dann verschwand auch sie aus der Bar.
Es dauerte eine Weile, bis Mark sich traute, Katze in die Augen zu sehen.
„Sorry, Katze, kommt nicht wieder vor. Lektion gelernt.“
Katze musterte Mark mit einem Nagel-Blick. Plötzlich rissen ihre Lachfalten auf.
„Respekt, Mark. Du schleppst nicht einfach irgendwelche Frauen ab. Du nimmst immer die Psychopathinnen.“
Sie grölte hustend. Mark lachte nur Playback mit. Er fühlte sich keineswegs befreit. Nicht von Eva, nicht von Carmen. Vor allem nicht von Carmen.
Er hatte seine Lektion gelernt, sicher. Aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass ihm das in seinem Leben nicht zum ersten Mal passiert war. Und nicht zum letzten.
Frauen, Mann, Frauen.

Posted: Oktober 3rd, 2011
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MARK

Mark Spitz (25) ist Single, lebenslustig, naiv und zugewandt, aber emotional ausbaubedürftig. Er studiert im 10. Semester an der Sport-Hochschule Köln, ist aber mit dreieinhalb Herzkammern Barkeeper im Glamrock. Statt Sport studiert er vorwiegend Ladies. Er liebt das Geräusch von sich öffnenden BHs, seine Haare und das Nachtleben. Er hasst Hierarchien, Silikonbrüste und weinende Frauen und würde niemals zugeben, dass er lieber einen Sohn als Geheimratsecken hätte.

Posted: September 28th, 2011
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