WILLKOMMEN ZUR LITERATURSOAP!

Lale, Lucky, Mark und Rudi leben in derselben Stadt.
So verschieden die Vier sind, so unterschiedlich sind auch ihre Geschichten.
WVNP erzählt vom Trial & Error des Alltags. Vom Scheitern und Aufstehen für
Anfänger und Fortgeschrittene.
Aber was reden wir – lest lieber selbst. Und wenn Ihr Lust auf weitere Stories von WVNP habt, schaut bald wieder vorbei, wenn die neue Staffel online geht.  Oder holt Euch in der Zwischenzeit das aktuelle Buch im Handel. Zum Beispiel hier: amazon

01. AUS HEITEREM HIMMEL

Lale stand in ihrer Küche und zog einen leeren Tablettenstreifen aus dem Stapel alter Zeitungen hervor. Bis vor kurzem hatte sie wegen einer Magendarmgeschichte Antibiotika nehmen müssen und deshalb noch heute einen ekligen Geschmack im Mund. Widerliches Zeug. Etwas, das so scheiße schmeckte, konnte nicht gesund sein. Aber leider hatten Globuli und Kräutertee allein diesmal nicht geholfen.
Lale stopfte das Plastik in den gelben Sack und klaubte den kurz vor dem Umkippen stehenden Haufen Altpapier vom Küchentisch, um wieder Platz für Laptop und Teller zu schaffen. Die Zeitungen schmiss sie in einen Pappkarton, das restliche Papier landete in einem umfunktionierten Din-A4-Umschlag. Auf dem Weg in ihr Café würde sie beides ins Altpapier schmeißen.
Irgendwo im Bad piepste ihr Handy. Eine SMS. Um diese Zeit konnte das eigentlich nur Adnan sein, ihr Koch im Mampf. Wahrscheinlich schikanierten sie ihn mal wieder in der Ausländerbehörde. Lale setzte sich mit ihrem Eisenkrauttee an den Tisch und klappte ihren Laptop auf. Zeit für Frühstück und Wohnungssuche. Das Handy klingelte ein zweites Mal. Egal. Für wichtige Dinge gab‘s ja die Mobilbox.
Facebook vermeldete nichts neues – abgesehen davon, dass Shrimp, ein alter Freund aus Detmolder Zeiten, sich mit ihr befreunden wollte. Lale zögerte. Was tun? Adden? Nein! Sie hatte keinen Bock mehr auf ihr altes Leben, die alten Freunde und die alten Sorgen. Westfalen war Geschichte, ihre Zukunft lag in Köln.
Die Wohnungssuche verlief so frustrierend wie immer: zu teuer, kein Balkon, kein Fenster im Bad. Enttäuscht klappte sie den Rechner zu. Und schon wieder nervte das Handy.

Adnan hatte sein Bike etwas entfernt vom Café Mampf an eine der Laternen auf dem Neptunplatz gekettet. Lale schob ihr Rad von der anderen Seite dazu und schloss ab. Das Mampf mit seinen beiden riesigen Fenstern war an diesem neblig düsteren Spätherbstmorgen schon hell erleuchtet. Durch den Durchgang hinter der Theke sah sie Adnan in der Küche wirbeln. Von den vier Tischen im Café war einer besetzt. Vorn links, auf dem zur Bank umfunktionierten Fensterbrett, also mit dem Rücken nach draußen, saß eine der Omis aus der Nordic-Walking-Gruppe. Die Omi, deren Perücke einen Tick zu blond war.
Lale schob gerade die Tür zum Mampf auf, als schon wieder das Handy klingelte. Das Display zeigte dieselbe unbekannte Nummer, die schon den ganzen Morgen nervte. Irgendwann würde sie rangehen müssen. Aber nicht jetzt. Nicht vor dem Frühstück. Zumal Lale jetzt der Duft von Kaffee, Speck und Zwiebeln in die Nase stieg. Sie scannte den Gastraum: alles sauber und an seinem Platz. Die Flohmarktmöbel, die bunten Holzrahmen an den Wänden, die alte Registrierkasse und das zusammengewürfelte Porzellan – alles perfekt. Und genau so, wie sie es sich während ihrer Ausbildung immer erträumt hatte, wenn sie Betten bezog, Klos schrubbte oder Minibars auffüllte.
„Guten Morgen, Fräulein Lale“, grüßte die Perücken-Omi und winkte aufgeregt mit einem Zettel. Das grelle Make-Up auf ihrem sehr faltigen Gesicht wirkte irritierend. „Haben Sie gleich mal ne Minute für mich?“
Lale nickte freundlich und ging an ihr vorbei Richtung Tresen. Dahinter, an der Wand neben dem Eingang zur Küche, lehnte Adnan. Die Arme vor der Brust gekreuzt, mit Schürze und Käppi.
„Ihr Sittich ist weggeflogen“, erklärte er. „Sie will ihren Suchaufruf aufhängen“.
„Oh Gott“, Lale schob Adnan vor sich her in die Küche, „ist das der Vogel, von dem sie ihre Schminktipps kriegt? Blauer Lidschatten und orangefarbener Lippenstift – das traut sich nicht mal Lady Gaga.“
Adnan lachte mit blitzend weißen Zähnen und einer sympathischen Zahnlücke. Dann wandte er sich wieder den Pfannen auf dem Herd zu. Lale schielte raus in den Gastraum.
„Wie lief es eigentlich beim Ausländer …“, begann sie, aber schon wieder störte das Handy. „Jetzt reicht‘s“, entschied sie und kramte es aus ihrer Tasche. „Lale Ogün?“
Erst sagte er nichts. Aber sie hörte ihn atmen.
„Hi Lale. Ich bin‘s. Können wir uns sehen? … Lale? Hörst du mich?“
Allein seine raue Stimme degradierte den Idioten, mit dem sie bis vor kurzem noch geknutscht hatte, zu einem überflüssigen Statisten. Hannes war in der Stadt.
Das war das, was sie sich immer gewünscht hatte.
Und das schlimmste, was passieren konnte…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

02. TITTENMONSTER

Lucky schreckte mit dem Geräusch eines Mannes hoch, der durch die Eisdecke gebrochen und vom Fluss einen Kilometer mitgeschleift worden war, ehe er seine schreienden Lungen im nächsten Angelloch endlich wieder mit Sauerstoff füllen konnte. Was für ein Alptraum: Sex. Mit einer Frau. Kein gutes Zeichen.
Seine blonden Schnittlauchhaare stippelten klatschnass vom Kopf, er spürte deutlich den Herbstwind, der durchs geöffnete Schlafzimmerfenster zog. Auch die weißen Leinenlaken klebten zwischen seinen Beinen. Instinktiv fasste er sich ans Gemächt. Die Hitze kam zum Glück vom Laptop, der schon die ganze Nacht in seinem Schoß vor sich hin gesummt hatte wie eine faule Katze.
Lucky versuchte, sich zu beruhigen. Doch die Erinnerung an die ekstatisch auf ihm herumturnende Frau verblasste viel zu langsam. Er schob sein PowerBook zur Seite und starrte auf das bunte Warhol-Porträt des rauchenden Hermann Hesse an der Wand gegenüber. Sein Herz hämmerte unbeirrt. Er schloss die Augen. Sex! Mit einer Frau! Er riss die Augen wieder auf. Herzhämmern. So weit war es schon gekommen. Jetzt träumte er auch noch vom Job.
Er konzentrierte sich auf das Gefühl der Leinenlaken auf seiner Haut. Seit jeher verabscheute er jegliche baumwollene oder, noch schlimmer, bedruckte Bettwäsche. Nichts war vergleichbar mit dem sanften Gefühl eines jungfräulich weißen Leinenlakens. Nichts.
Langsam entschleunigte sich sein Herz zurück auf Ruhepuls. Dieser verdammte Auftrag. Er hasste ihn, doch er musste ihn durchziehen. Im September und Oktober hatte er noch einige vielversprechende Autoren-Jobs in Aussicht gehabt. Bis auf einen hatten sich alle zerschlagen. Murphy‘s Law im Showgeschäft: Immer der Auftrag, den man überhaupt nicht wollte, blieb an einem kleben wie ein tief ins Profil getretener Kaugummi.
Der Auftrag kam von Mandy Hundsthaler. In diesem Jahr hatte Lucky mehrere Shows für sie geschrieben. Die Blondine war ein klassisches Medienphänomen: Ein naives Tittenmonster, das seine Würde in kleinen Homestories prostituierte, mit grammatikalischer Unzurechnungsfähigkeit erheiterte und mit humoristischen Eskapaden brillierte – bis sie endlich ihre eigene Show bekam.
Lucky coachte die sympathische Dumpfbacke durch den Medienzirkus,  schrieb ihre Moderationen, ihre Witze, ihr Leben. Zum Dank überraschte sie ihn mit dem Job, der ihn an seine Grenzen brachte: Er sollte für einen Buchverlag ihre Biographie schreiben. Oder besser eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten, die in der Summe ihr 24-jähriges Erdendasein zusammenfassen sollten. Lucky konnte sich keinen Job vorstellen, für den er weniger geeignet war. Erotische Kurzgeschichten. Aus Frauenperspektive. Natürlich heterosexuell. Doch dann waren alle anderen Jobs weggebrochen und er stand mit nacktem Arsch im Wind, wie es sein Steuerberater ebenso bildstark wie mitleidslos ausgedrückt hatte. Sein Schicksal hing an einem seidenen Faden, der Mandy Hundsthaler hieß.
Lucky las alles, was ihm an F-Promi-Biographien in die Hände kam: Katie Price, Paris Hilton, Veronica Ferres. Außerdem die Vagina-Monologe und andere Hetero-Heimsuchungen.
Doch letztlich ging es ihm nur um eine Frage: Wie konnte er Mandy die deftigen erotischen Eskapaden, die der Verlag verlangte, auf den silikongetunten Leib stricken, ohne ihre Würde komplett in die Gosse zu jagen?
Lucky hatte den ganzen vergangenen Abend im Bett recherchiert. Den Laptop auf dem Schoß, hatte er sich durch die TV-Kanäle gezappt auf der Suche nach der ultimativen Idee. Von Talkshow zu Titten-Quiz, von Jahresrückblick zu Dokusoap.
Er hatte sich auf Youtube durch die Hundsthaler-Shows gequält, fand sich – eingenickt – ölverschmiert im Ring mit Frauen. Erwachte wieder, wechselte die verschwitzten Laken, hackte ein paar Zeilen fürs Biographie-Konzept in den Rechner. Fühlte sein Scheitern. Flüchtete sich in weitere östrogenverseuchte Alpträume – und war jetzt völlig gerädert. Ohne jeglichen Impuls, sich der Welt auszusetzen. Wenn er mal von diesem bohrenden Heißhunger auf Lales Rührei absah.

Mit für die winterlichen Temperaturen nur fahrlässig angeföhnten Haaren und einem einnehmenden Duschduft nach Granatapfel enterte Lucky das Mampf, in dem bereits sechs Gäste saßen. Er nahm seinen Stammplatz am Panoramafenster ein und sah sich um. Lale steckte in der Küche bei ihrem Koch Adnan. Dem Geruch nach schien er Rührei mit Ziegenkäse zu zaubern. Lucky nutzte die tote Zeit bis zum ersten Doppelstock-Espresso, klappte sein Notebook auf und loggte sich bei „Spritzgebäck“ ein, der stilvollsten Playdate-Seite der Republik. Keine Sekunde später stupste Giorgio94 ihn an.
Anstupsen! Was war nur aus dieser Welt geworden?! Früher quatschte man sich an der Bar, der Kühltheke, der U-Bahnhaltestellte an, lud sich auf einen Kaffee, ein Bier, einen Quickie ein. Heute wurde man auf Datingportalen angestupst. Wortlos. Sinnlos.
Doch nicht in diesem Fall, denn Giorgio94 wartete gar nicht erst auf Luckys Reaktion. Er schoss gleich einen Fullscreen von sich hinterher, mit einer lässig in die Jeans geschobenen Hand. Untertitel: „Bock auf einen Skypewank?“
Lucky klappte den Laptop zu. Skypewank! Hatte er den Anschluss komplett verloren? Irgendein moralisches Update versäumt? War er über Nacht, na ja, über ein paar Nächte, zum Vollspießer geworden?
Vielleicht. Aber die Vorstellung, sich am hellichten Wintermorgen mitten in seinem Stammcafé mit einem 18jährigen via Skype einen von der Palme zu wedeln, war fast so eklig wie seine erotischen Traumeskapaden letzte Nacht.
Undenkbar.
Zumindest mit diesem bohrenden Hungergefühl …

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

03. JAGDUNFALL

Der höllische Dunst, der Mark aus der dunklen, sanft vibrierenden Höhle entgegenwaberte, war kaum auszuhalten.
Er riss riesige Palmblätter aus dem Dickicht neben sich und wedelte gegen den Gestank an. Unmöglich, die faulige Brise blies ihm direkt ins Gesicht. Erbarmungslos. Legte sich wie ein wochenalter Leichenduft auf seinen Geruchssinn.
Mark zwang sich, seine Blauaugen bis zum Vollausschlag aufzureißen – und starrte wieder in die vibrierende Höhle. Doch diesmal gehörte zur Höhle ein Zimmer, ein Bett, ein Mund, eine Nase, zwei Augen, eine – Frau?
Mark strampelte das verschwitze Plumeau von sich und suchte Halt an der Zimmerdecke. Ein Alptraum. Er presste beide Fäuste an die Schläfen, doch das ließ seinen hämmernden Kopfschmerz kalt. Hatte er gestern noch an irgendeinem bewusstseinserweiternden Frosch geleckt? Oder war das der Geschmack von Absinth auf seiner Zunge?
Auf der Suche nach der Wasserflasche tastete seine Hand am Bettrand entlang. Da war keine Flasche. Nichts. Mark erhoffte sich Aufschluss über ihren Verbleib, indem er einen Blick auf den Spiegel über seinem Bett warf. Da war auch kein Spiegel. Nichts. Er tastete nach links – wo waren seine Kippen? Sein Aschenbecher? Sein Nachttisch? Wo war… er?!?!
Der erbärmliche Gestank, der ihn durch seinen Traum gejagt hatte, strömte weiterhin aus der Mundhöhle dieser Frau. Gin. Döner. Mit Zwiebel. Ein paar Joints. Eine Schachtel Gauloises. Darüber der dünne Schimmer Mentholduft vom Alibikaugummi. Wenn er wenigstens wüsste, wie sie hieß!
Auf dem Boden vor dem Bett lagen Marks Klamotten. In einer Spur der Anklage von der Zimmertür (Pulli, Hose) bis zum Bettrand (Socken, Shirt, Boxershorts). Mit einiger Erleichterung entdeckte er auch eine leere Packung Präser. Nichts wie raus hier.
Jede große Flucht begann mit dem ersten Schritt. Er spannte seine Bauchmuskeln an, richtete sich auf. Und zuckte sofort wieder zusammen, als sich eine Hand in seine Schulter krallte.
„Was‘n los? Ich dachte, wir schlafen aus … und vögeln den Rest des Nachmittags.“
Ihre Hände spielten mit Marks dunklen Locken, strichen über die für die Jahreszeit grotesk gebräunte Haut seiner Wasserballer-Schultern. Ihr begleitendes Gurren sollte vermutlich sexy klingen, hörte sich aber eher nach rösiger Taube an. Er schüttelte ihre Hand so sanft wie möglich und so entschieden wie nötig ab, glitt mit dem linken Fuß elegant in die Boxershorts, schob auch den Rechten rein und sprang auf, während er die Shorts in einer für diese Uhrzeit nahezu artistischen Bewegung von den Knöcheln über die Backen zog.
„Sorry, Schneckchen. Ich muss los.“
„Sehen wir uns heute Abend im Glamrock?“
„Ich, äh, hab frei.“
„Oh cool, dann können wir ja ins Kino.“
„Nee, ich … muss noch Anatomie lernen.“
Sie versuchte ein laszives Grinsen und rekelte sich unter dem Laken, was wiederum sexy aussehen sollte, Marks Galle aber einen gemeinen Leberhaken verpasste.
„Ich bin das perfekte Studienobjekt.“
„Sorry, ein anderes mal. Ich ruf dich an.“
Mark war auch in die restlichen Klamotten gesprungen und gerade auf dem Weg zur Tür, als ihr kaserniges „Halt!“ ihm in den Nacken knallte. Er wandte sich um, gebannt von ihrem Zeigefinger, der ihn auf eine Art zu sich winkte, wie es in den 70ern wohl mal für sexy gehalten worden war. Widerwillig fügte er sich und sah zu, wie sie einen Kuli vom Nachttisch nahm, eine Mobilnummer sowie die erlösenden Buchstaben E –V – A auf seinen Unterarm schrieb und ihm dann mit einem „Kussi!“ ihre gespitzen Lippen entgegenstreckte.
Mark kniff ihr in die Wange wie einem freundlichen Hundewelpen, murmelte ein „Sorry, Eva, ich muss!“ und leitete den Rückzug ein. Draußen im Flur atmete er die überwältigende Süße der Freiheit.
Was war er bloß für ein Kanisterkopf?! Wieso zur Hölle konnte er nach Dienstschluss nicht einfach mal nach Hause gehen? Eigentlich hasste er es, in fremden Betten, fremden Wohnungen, fremden Leben aufzuwachen. Wieso passierte ihm das trotzdem ständig?
Ein Geräusch veranlasste ihn, die Erörterung dieses Problems auf den Nachmittag zu verschieben. Er musste hier so schnell wie möglich raus. Doch gerade, als er die Klinke in die Hand nahm, schallte eine unfassbar verlockende Altstimme durch den Flur.
„Du haust ja wohl nicht ohne Kaffee ab, Fremder.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

04. MEISTER PROPER-ALARM

Scheiße.
Mit einem Ruck setzte Rudi sich auf. Obwohl es stockdunkel in ihrem Zimmer war, wusste sie, dass sie mal wieder verpennt hatte. Rudi tastete nach dem Wecker – und richtig: Das verdammte Ding war stehen geblieben. Die Leuchtzeiger deuteten auf halb fünf, was in etwa die Zeit gewesen sein musste, zu der sie vorhin ins Bett gefallen war. Ein Blick auf ihre Handyuhr bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen: Es war schon kurz nach elf. Damit hatte sie nicht nur die Chance verpasst, vor ihren zwei verschlampten Mitbewohnern das Bad zu besetzen – es war auch definitiv zu spät für die Uni. Shit. Der Tag war jetzt schon gelaufen, dabei hatte er noch nicht mal richtig angefangen.
Genervt strampelte Rudi die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf. Es musste sich was ändern. Der Job in der Kneipe brachte zwar das dringend benötigte Geld, aber die Uni schaffte sie so nie.
Rudi tastete sich zum Fenster und zog das Rollo hoch, der einzige Gegenstand, der in dieser Chaos-WG seinen Zweck zu einhundert Prozent erfüllte. Eigentlich hasste sie es, in totaler Dunkelheit zu schlafen, doch das rot pulsierende Licht der Falaffel-Leuchtreklame neben ihrem Fenster hatte ihr in den ersten WG-Nächten Alpträume in Clockwork-Orange-Qualität beschert.
Draußen auf der Straße war es grau und ungemütlich. Zwei zähe Schlangen hupender Autos rollten aneinander vorbei, eskortiert von verzweifelten Radfahrern, deren hektisches Geklingel nicht einmal die verfetteten Tauben aufschrecken konnte, die in Massen die Bürgersteige bevölkerten. Rudi schüttelte sich. Sie liebte Tiere. Aber Tauben …
Im Gegensatz zum Trubel auf der Straße war es in der WG totenstill. Ihre Mitbewohner schienen ausgeflogen zu sein. Vermutlich unterwegs, um neues Dope zu besorgen. Was für Honks. Wenn die so weiterkifften, würden sie bald Schablonen für ihre eigene Unterschrift brauchen.
Rudi wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den einzigen Lichtblick in ihrem schuhkartongroßen Zimmer: ein Poster von Worf, dem stolzen Klingonen des Star-Trek-Universums. Er war der Held ihrer Kindheit, denn er war schwarz wie Rudi und dazu so mutig und stark, wie sie immer hatte sein wollen. Hannes, ihr großer Bruder, hatte ihr das Poster geschenkt, bevor er in diesen verdammten Afghanistan-Krieg gezogen war.
Rudi warf sich ihren Bademantel über und huschte ins Bad. Die Holzdielen im Flur klebten unter ihren nackten braunen Füßen und erinnerten sie daran, dass es mal wieder Zeit für einen WG-Putz war.
Im Bad herrschte das übliche Chaos. Die Klobrille war hochgeklappt, die Jungs pinkelten also immer noch nicht im Sitzen. Wäre auch zu schön gewesen. In der Badewanne, die gleichzeitig als Dusche fungierte, lag ein rotblonder Teppich aus abrasierten Bartstoppeln. Der Duschvorhang hing inzwischen nur noch an einem Haken und war damit praktisch so nutzlos wie Rudis alltägliche Versuche, wenigstens das Waschbecken sauber zu halten. Wie immer war es übersät mit betonharten Zahnpasta-Spritzern und den langen, farblosen Kopfhaaren ihrer Mitbewohner. Aber sich darüber aufzuregen war zwecklos. Die zwei waren Jungs, dazu Studenten und Singles. Also gleich dreimal nicht in der Lage, Rudis Ansprüche in Sachen Sauberkeit und Ordnung zu erfüllen.
Routiniert schloss sie die Tür ab, hängte ihren Bademantel hinter die Türklinke und griff, jetzt nur noch in ihr altes Schlaf-Shirt mit dem Konterfei von Prince gehüllt, zu Eimer, Schwamm, Putzhandschuhen und Zitronenreiniger. Gut eine halbe Stunde später war das Bad so sauber, dass Meister Proper sich vor Ehrfurcht verbeugt hätte und Rudi beruhigt unter die Dusche springen konnte.
Zehn Minuten, eine Haarkur und eine penible Achselrasur später riss der Zapfenstreich sie abrupt aus der inneren Versenkung. Der militärische Klingelton meldete eine SMS von ihrem Vater, den sie und Hannes seit jeher nur „den Major“ nannten.
„Hannes in Deutschland eingetroffen. Quelle inoffiziell, bewahre  vorerst Stillschweigen. Dein Vater.“
Oh Gott, bitte nicht.
Von jetzt auf gleich wurde Rudi kotzübel. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und der Boden zog ihren zitternden Körper bleischwer in die Tiefe. Was bedeutete das? War Hannes verwundet? Hatte es einen weiteren Terror-Anschlag auf Deutsche Soldaten gegeben? War er … tot? Nein. Das konnte nicht sein. Dann hätte der Major sofort angerufen. Aber vielleicht war Hannes schwer verletzt und musste in ein deutsches Spezialkrankenhaus transportiert werden. Sollte sie den Major anrufen, um mehr zu erfahren? Besser nicht. Er hatte ja Stillschweigen angeordnet. Sie würde warten müssen. Warten und hoffen, dass Hannes nichts Schlimmes passiert war …

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
Tags:
Comments: No Comments.

05. BALZRUF DES LANDADELS

Mark stierte über seine Espressotasse hinweg in Carmens beeindruckende Grünaugen, die ihn an eine fleischfressende Pflanze erinnerten und jedes einzelne ihrer Worte unterstrichen. Er war fasziniert von diesem 5-Sterne-deluxe-Gesicht.
Die Wort-Fluten, die Carmen dabei ausstieß, überforderten seinen Arbeitsspeicher allerdings zu dieser Uhrzeit. Marks Hirn leitete nur etwa jedes fünfte Wort an sein Bewusstsein weiter – den Rest löschte es gleich wieder.
Dabei hatte Carmen eine Stimme, die jedem Hörfunkredakteur eine Gänsehaut aufs Trommelfell getrieben hätte. Und sie hatte Feuer. Außerdem sah sie aus wie die kleine Schwester von Collien Fernandes, und dieses Paket weckte Marks unmittelbaren Beutetrieb.
Er grinste. Doch irgendein verirrtes „Aber“ schwirrte Mark durchs Bewusstsein, taumelte mal hier und mal da gegen seine Aufmerksamkeitsfilter, fiel hin, stand wieder auf, klopfte gegen seinen Verstand und hielt ein riesiges Warnschild mit einem Venuszeichen hoch.
Plötzlich formulierte sich ein irritierender Parallelgedanke in seinem Bewusstsein …
Hallo?! Bist du eigentlich total zernagelt? Du flirtest hier mit der Mitbewohnerin einer Frau, die du gestern gegen deinen Willen flachgelegt hast! Oder zumindest ohne dein Zutun. Die kann jede Sekunde reinkommen und Stress machen!! Flieh, kleiner Hobbit, flieh!!!‘
Aus irgendeinem Grund sprach Carmen gerade von der SpoHo. Mark nutzte die Chance, nahm das Stichwort auf und leitete zum direkten Ausstieg über.
„Du studierst auch an der Sporthochschule?! Dann lass uns mal in der Auszeit treffen.“
Mark war seit Monaten weder im Spoho-Café noch an der Sporthochschule selbst gewesen. Aber Carmen schien ein Spitzengrund, das zu ändern.
„Du bist an der Spoho?“ Sie stieß ein ansteckendes Aschenbecherlachen aus, „ich fass es nicht. Echt?“
Mark verband sein Nicken mit einem möglichst sportlichen Blick. Carmen geierte.
„Dann versteh ich auch die Bodenturn-WM von heute Nacht.“
Mark verschluckte sich an einem Milchschaumatom – Carmen hatte heute nacht mitgehört? Verdammt. Natürlich! Doch sie wirkte null abgeschreckt. Vielleicht sogar interessiert?
„Das unsterbliche SpoHo-Barmann-Klischee …“, Carmen schenkte Mark einen weiteren Stoß ihres Aschenbecherlachens. „Ich dachte, du bist Teilhaber im Glamrock. Zumindest hat Eva sowas gesagt.“
„Na ja“, er ließ diese beiden Unverbindlichkeits-Joker kurz im Raum stehen und verzichtete auf weitere Klarstellung. Wenn Katze, seine Chefin im Glamrock, den Satz samt „Na ja“ gehört hätte, sie hätte seine Augäpfel gekocht und an die Ratten verfüttert.
Carmen grinste ihn jetzt an wie Ka den kleinen Mogli.
„Dann komm ich doch lieber in deinen Laden. Ist doch eh viel netter. Wir wollen ja nicht übers Studium quatschen. Hoffe ich.“
Mark genoss Carmens Balz. Doch plötzlich poppte das „Aber“ wieder auf. Und zwar in Gestalt von Eva, die verschlafen die Tür zur WG-Küche aufschob, zum Kühlschrank taumelte, eine Plastikflasche Sprudel rauszog, ansetzte und mit gewaltigen Kehlkopf-Situps vernichtete. Sie saugte und saugte, verbiss sich fast im Flaschenrand. Dann riss sie die leere Flasche von den Lippen, warf sie in die Spüle und schickte einen kohlensauren Rülps Richtung Zimmerdecke.
„Hmmm“, schwärmte Carmen ironisch, „der Balzruf des Landadels.“
„Kauf halt Wasser ohne Blubber“, blaffte Eva. Dann sah sie Mark. Carmen?? Mark!! Ihr Gesichtsausdruck rochierte von Liebe zu Hass zu Liebe.
„Ach, du bist ja noch da“, in einem mädchenhaften Reflex schob sie ihre Hand vor den Mund. „Sorry.“
Mark verdrängte die fauligen Höhlen-Bilder aus seinem Alptraum und versuchte ein unschuldiges „Wir … haben übers Studium gequatscht.“ Er tauchte zum Abschied kurz in den Nektar von Carmens Augenkelchen, versuchte dann einen Blick knapp an Eva vorbei auf die Küchenuhr.
„So, ihr beiden, ich muss jetzt aber wirklich.“
Damit sprang er auf, griff nach seinem Mantel, zwinkerte Carmen zu, ignorierte Evas „Kussi!“ und verschwand.
Raus aus diesem Duell. Zurück in sein eigenes Leben.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

06. BUNDESWEHR-PR

Ihre Ängste und Sorgen wegen der SMS des Majors hatte Rudi in den letzten zwei Stunden im Bree-Van-De-Kamp-Modus weggeputzt, weggesaugt und poliert. Bad, Küche und Flur waren jetzt blitzblank, sogar die Fenster hatte sie geputzt. Okay, die Fenster der Jungs hatte sie ausgespart, aber dafür hatte sie sich das Wohnzimmer vorgenommen – in dem neuerdings das Sofa fehlte, seit irgendeine Tussi es mit einem THC-beschleunigten Trampolinsprung in Dutzende Kleinteile zerlegt hatte.
Geschafft saß Rudi in der erstaunlich gemütlichen Küche auf einem erstaunlich stabilen Stuhl und beobachtete den dampfenden Wasserkocher. Sie hatte gute Arbeit geleistet, die Wohnung konnte sich sehen lassen. Selbst der Major wäre zufrieden. Der Kocher begann zu brodeln, und wie durch Zauberhand floss durch ein unsichtbares Loch in der Nähe des Griffs ein Rinnsal kochend heißes Wasser. Rudi stand auf, hob den Kocher vorsichtig an und goss einen Schwall Wasser über den Beutel Schwarztee in ihrer Worf-Tasse. Die hatte Hannes ihr vor Jahren aus New York mitgebracht.
Hannes.
Oh Gott.
Hoffentlich war er unverletzt.
Ohne lange nachzudenken, griff Rudi zum Handy.
„Rudi-Schatz!“
„Hi, Mama.“
„Dass du dich mal meldest!“
Rudi atmete erleichtert auf. Ihre Mutter klang völlig normal, im Hintergrund summte der Staubsauger, es konnte also nichts Schlimmes mit Hannes passiert sein.
„Stör ich?“
„Ich saug grad. Was gibt es denn?“
„Ich ruf an wegen Hannes.“ Rudi tunkte einen Löffel in das Glas Thymianhonig, das neben ihrer Tasse auf dem Tisch stand. Am anderen Ende verstummte der Staubsauger.
„Weißt du schon, wann er ankommt? Dass er bei dir übernachten kann, hat deinen Vater einige Mühe gekostet. Gut, dass er seine Kontakte ins Ministerium …“
„Hä?“ Rudi pfefferte den Löffel mit Honig unsanft in ihre Tasse.„Hannes kommt? Zu mir? Ich dachte, ihm ist was passiert!“
„Nein, Schatz“, flötete ihre Mutter besänftigend, „Hannes geht es gut!“
„Und woher soll ich das wissen? Kannst du mich mal aufklären?“
„Ach Kind … die Bundeswehr dreht einen Image-Film. Mit Soldaten, die im Auslandseinsatz sind. Und dein Bruder spielt mit! Ist das nicht toll?“
Abgesehen davon, dass die Bundeswehr und Werbung für die Bundeswehr ganz und gar nicht toll waren, störte Rudi etwas anderes.
„Und wieso Hannes?“
„Sie wollen zeigen, dass die Truppe auch Ausländer nimmt, wenn sie die Deutschen Werte verinnerlicht haben. Und weil dein Bruder nun mal nicht typisch Deutsch aussieht …“
„Typisch Deutsch?“ Wütend rührte Rudi ihren Löffel durch den Tee. „Wie muss man denn so aussehen als typisch Deutscher? Blond und blauäugig, mit SS-Runen am Hals?“
„Gertrud Hansen“, schimpfte ihre Mutter, „du redest Unsinn.“
„Tu ich nicht, Mama! Überleg doch mal: Dass ein Schwarzer ganz normal Deutsch sein kann, geht in die Köpfe der Leute nicht rein. Und Hannes sorgt auch noch dafür, dass das so bleibt, wenn er den Quoten-Exoten spielt.“
„Kind,“ jetzt klang auch ihre Mutter verärgert, „ich frag mich, was du in letzter Zeit hast. Du bist so aggressiv.“
„Bin ich nicht! Ich hab nur keinen Bock mehr, den Mund zu halten, wenn mir was nicht passt.“ Rudi stoppte den Löffel und beobachtete den Wirbel, der sich um den Stiel herumdrehte.
„Schatz“, probierte ihre Mutter es in einem versöhnlichen Tonfall, „freu dich doch, dass du Hannes endlich wieder siehst! Ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele.“
Rudi zog den Löffel aus der Tasse und hob sie auf Augenhöhe. Worf sah ihr mit seinem unbestechlichen Blick direkt ins Herz.
Irgendwie hatte ihre Mutter ja recht. Hannes kam. Gesund.
Vielleicht war das wirklich das einzige, was zählte.

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
Tags:
Comments: No Comments.

07. DIE SOLDATENBRAUT

Lucky saß im Mampf und genoss die Wintersonne mit geschlossenen Lidern. Seine Gedanken kauten unablässig auf dem Hundsthaler-Dilemma. Wie konnte er eine erotische Biographie schreiben, ohne Mandys Persönlichkeit so nachhaltig zu zerstören, dass ihr als Jobs nur noch Betriebsfeste und Parkplatz-Eröffnungen blieben?
Lucky hatte sich erhellende Ideen von Lale versprochen. Die war jedoch damit beschäftigt, ihre Gäste mit Frühstück zu versorgen. Irgendwas stimmte heute sowieso nicht mit ihr: Innerhalb von sechs Minuten hatte sie viermal seinen Tisch abgewischt, seine Bestellung aufgenommen, nach der Joblage im Allgemeinen und nach Mandy Hundsthaler im Speziellen gefragt. Und ihm dann den falschen Kaffee und das falsche Frühstück hingestellt. Allerdings mit einem grundehrlichen Verzweiflungs-Lachen.
Der Käuzchenruf, Lales dezente Türklingel, kündigte einen neuen Gast an. Lucky hob träge den Kopf, sah im gleißenden Sonnenlicht aber nur einen gut gebauten Schatten in fleckigem Anzug. Er wartete, bis seine Augen sich an die grelle Spätherbstsonne gewöhnt hatten. Langsam schälte sich ein unfassbar attraktiver Kontrast aus dem Licht. Der fast 1,90 große Schwarze in der Kampfuniform der Panzergrenadiere passte in den Morgen wie ein strahlendweißes Atomkraftwerk auf den Neptunplatz. Der Soldat ließ ein charmantes Strahlen durchs Café wandern, das plötzlich ins Wanken geriet, als Lale hinter dem Tresen erschien. Sofort fühlte Lucky sich wie der Regisseur einer Telenovela.
Der Soldat ließ langsam seinen Rucksack sinken und suchte Lales Augen, in denen von jetzt auf gleich zwei Kubikmeter Tränen gegen das Überlaufen kämpften. Sie versuchte, die Fassung zu wahren, schob sich ohne ein Lächeln am Soldaten vorbei, servierte dampfende Rühr- und Spiegeleier an Tisch 3, stellte Salz und Pfeffer vom Nebentisch dazu, schwenkte ihren wachen Dienstleistungsblick durchs Café, fand keine bittenden Augenpaare, ging zurück zum Tresen, zog im Vorbeigehen den Soldaten mit sich in die Küche – und schloss das erste Mal, seit Lucky das Mampf besuchte, die Tür hinter sich!
Hatte Lucky die Bilder bis jetzt auf Zeitlupe gedehnt und mit „I am calling you“ von Jeff Buckley unterschnitten, endete der Soundtrack plötzlich mit dem Zuschlagen der Küchentür.
Wie hypnotisiert starrte Lucky vor sich hin. Seine eine Hirnhälfte stellte sich vor, was Lale und der Soldat gerade machten – Reden, Knutschen, Streiten. Seine andere Hirnhälfte vollbrachte das für Männer unfassbare Kunststück, zwei weitere Gedankenketten parallel zu verfolgen. Gedankenkette 1 führte in seine Vergangenheit, genauer: in die Region um seinen 19. Geburtstag. Damals lebte Lucky noch in Düsseldorf, absolvierte im Wäschefachgeschäft seiner Eltern eine Kaufmannslehre und verliebte sich unsterblich in einen Samoa-stämmigen US-Soldaten. Aus dieser kurzen Liaison hatten sich leider nur eine übertrieben peinliche Anekdote und eine gewisse Affinität für Uniformen erhalten.
Gedankenkette 2 führte dagegen in die Zukunft. Denn plötzlich hatte Lucky die Lösung des Hundsthaler-Dilemmas umrissen: Wenn schon er und Lale ein Soldatentrauma teilten, wieso nicht auch Mandy? Er könnte sie als eine Frau erzählen, die sich unsterblich in einen Soldaten verliebt hatte, der quasi direkt aus dem Bett an die Front verbracht wurde und nie wieder etwas von sich hören ließ. Eine einsame Soldatenbraut, die fortan niemanden mehr lieben konnte. Die in jeder Affäre immer nur auf der Suche nach ihrem Helden in Uniform war. Und ihn nie fand. Vor diesem (zugegeben erlogenen) Lili-Marleen-Hintergrund konnte er Mandy Hundsthaler jedes erotische Abenteuer erleben lassen. Und sie würde trotzdem nicht als billige Schlampe abgestempelt werden. Ihr Herz war ja vergeben an eine Erinnerung, eine Hoffnung.
Plötzlich kam der ersehnte Flow: Lucky verbrachte die nächsten Stunden mit hochroten Wangen in einem Schreibtunnel. Ein komplett erfundenes Leben voller Tiefschläge und Neuanfänge floss aus ihm heraus. Lale und der Soldat in der Küche hatten seine erotische Phantasie so beflügelt, dass die Tastatur schon im Rhythmus quietschender Federkernmatratzen, Küchentische und Etagenbetten klapperte. Nichts konnte Luckys Phantasie-Finger-Connection unterbrechen. Erst das nervige Ping des Skype-Accounts riss ihn aus seiner Konzentration. Er warf einen Blick auf den Thumbnail: das breite Grinsen von Mandy. Sofort ging Lucky auf Empfang.
„Mandy, grüss dich. Super, dass du dich meldest. Ich hab‘ gerade den Schreibflow meines Lebens. Seit heute Morgen klopp ich mir die Gicht aus den Fingern.“ Luckys Enthusiasmus bremste mit dem Blick auf Mandys tränenüberströmtes Gesicht abrupt ab. „Was ist los?“
„Die Bio“, schniefte Mandy in die Webcam, „ist Geschichte. Der Vertrag mit dem Verlag ist geplatzt.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

08. ZITTERNDE KNIE

Lale konnte es kaum fassen, dass Hannes jetzt Hand in Hand mit ihr durch Nippes marschierte. Bald würde sie mit ihm allein sein. In ihrer Wohnung. Aber was dann? Was erwartete sie eigentlich?
Als er vorhin so plötzlich im Mampf gestanden hatte, in seiner Uniform und mit diesem unverschämten Lächeln, da waren all ihre Gefühle für ihn auf einen Schlag wieder aufgepoppt: die Liebe, die Angst, die Eifersucht, der Kummer, die Wut – und das fast schmerzhafte Verlangen, von ihm berührt zu werden.
Erst jetzt kapierte sie, dass sie sich die ganze Zeit was vorgemacht hatte. Sie hatte immer noch Gefühle für Hannes, sie war keinen Millimeter über ihn hinweg. Kein Wunder, dass aus ihr und Tim nichts geworden war.
„Hast du eigentlich ne neue Beziehung?“ fragte Hannes in einem viel zu beiläufigen Tonfall. Lale merkte, wie sich ihre Stirn krauste, und bemühte sich um ein Pokerface. Hannes sollte bloß nicht sehen, was in ihr vorging.
„Ich würd‘ mich für dich freuen. Ehrlich“, log er. Er log doch? Oder nicht? Lale räusperte sich.
„Ich bin immer noch solo.“ Obwohl das stimmte, fühlte es sich an wie eine Lüge. Wahrscheinlich, weil ihr letztes Mal mit Großkotz-Tim noch nicht so wirklich lang zurücklag.
Plötzlich blieb Hannes stehen und drehte sich zu ihr. Die Sonnenstrahlen, die zwischen der dichten Wolkendecke hervorbrachen, ließen seine tiefbraune Haut wie Samt schimmern.
„Ich hab dich vermisst“, sagte er und sah so verdammt gut dabei aus. „Dein Lachen, deine Wärme. Deinen Körper.“
Er zog sie an sich. Ganz eng. So eng, dass ihr fast die Luft wegblieb. Seine schwarzen Augen, die braune Haut, sein runder, rasierter Schädel, seine starken Arme … er brachte sie total aus dem Konzept.

Etwas später saßen sie an ihrem Küchentisch. Lale beobachtete, wie er nach Worten rang. Der Tee in ihren Tassen dampfte und verströmte einen beruhigenden Salbeigeruch. Draußen regnete es in Strömen.
„Damals, als du dich getrennt hast“, begann er, brach aber sofort wieder ab. Er lachte verlegen. „Sorry. Du bringst mich völlig durcheinander.“
Er griff zu seiner Tasse, blies hinein und trank einen Schluck. Sein Jackett lag in ihrem Schlafzimmer über dem Bett. Wann hatte sie das Bett eigentlich das letzte Mal neu bezogen?
„Warum bist du in Deutschland?“ Eigentlich wollte sie wissen, warum er in ihrer Küche saß. Aber sie hatte Angst vor der Antwort. Er schwieg.
„Es war richtig, dass du dich getrennt hast“, sagte er dann unvermittelt und stellte seine Tasse ab. „Einige meiner Kameraden haben Frauen. Manche sogar Kinder. Für die ist es der Horror. Die leben jeden Tag in Angst.“
Sie nickte wortlos. Glaubte er etwa, dass es ihr anders ging? Sie lebte auch jeden Tag mit der Angst, ihn für immer zu verlieren. Dass sie sich von ihm getrennt hatte, spielte dabei keine Rolle. Ihre Gefühle für ihn scherten sich nicht um den Beziehungsstatus.
„Trotzdem“, seine Stimme klang jetzt ganz weich. „Ich wünschte, du hättest uns eine Chance gegeben. Du fehlst mir. Das, was wir hatten, fehlt mir. Der Sex mit dir fehlt mir.“
Seine Worte tropften Lale direkt ins Herz. Und mit einem Mal spielten all ihre Bedenken keine Rolle mehr.
„Du fehlst mir auch“, hörte sie sich antworten. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Hände zitterten. Sie spürte, was gleich passieren würde. Sie wollte, was gleich passieren würde. Scheiß auf die Konsequenzen.
„Ich will dich nicht ausnutzen“, flüsterte er.
„Tust du nicht.“
„Bist du sicher?“
Sie nickte. Noch konnte sie es verhindern. Sie könnte ihn aus der Wohnung schmeißen. Oder einen Streit vom Zaun brechen. Darüber, dass er die Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, ohne sie getroffen hatte. Aber sie wollte nicht streiten. Sie wollte das Gegenteil.
Hannes nahm ihre Hand und küsste sie. Seine Lippen auf ihrer Haut, auf ihren Handflächen, brizzelten wie feine elektrische Schläge. Sie liebte ihn. Sie wollte ihn. Deswegen stand sie auf und zog ihn hinter sich her ins Schlafzimmer…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

09. VIERTEL VOR KÜNDIGUNG

Mark stieß zwei Strohhalme in den Mule, drapierte eine Gurken- und eine Limettenscheibe auf dem Glasrand und schob Kowalski, der wie immer an der Westkurve der Bar kauerte, den Drink rüber.
„Hey Barmann, was soll diese schwule Scheiße an meinem Drink? Habt ihr Sarah-Wiener-Wochen?“ Kowalski lachte dreckig. Routiniert tauchte Mark unter den fliegenden Gurken- und Limettenscheiben weg, die klatschend in der Spüle landeten. Niemand war berechenbarer als Kowalski.
Plötzlich piepste Marks Handy, das irgendwo neben der Kasse lag. Er griff danach, kriegte aber nur Katzes Hand zu fassen, die sich plötzlich neben ihm materialisiert, sein Handy gegriffen, die Tastatursperre gelöst und die SMS gelesen hatte. Niemand war unberechenbarer als Katze.
„Wer ist Eva?“
Mark zögerte drei Sekunden zu lang für eine coole Antwort. Katze wiederholte die Frage, nur dass sich diesmal ihre Nasenspitze an Marks schmiegte. Katze war groß. Und sehnig. Ein stolzes Relikt aus den 80ern. Und sie wusste sich Gehör zu verschaffen.
„Wer?! Ist?! Eva?! Mark?!“
„Du musst nicht eifersüchtig sein“, endlich hatte Mark wieder Zugriff auf seine Sprüche-Datenbank, „das war nur was zum Kuscheln.“
„Kuscheln?!“ ging Kowalski angeekelt dazwischen, „sprich Männerdeutsch!“
Katze holte kurz Luft und wandte sich zu Kowalski.
„Wann hast du in meinem Laden Rederecht?“
„In Monaten ohne R und I“, stammelte Kowalski kleinlaut.
„Und was haben wir?“
„November. Sorry, Katze.“
Damit verschob Katze ihren Fokus wieder auf Mark. „Du wolltest mir gerade erzählen, woher ihr euch kennt, du und Kussi-Eva.“
Mark lauschte tief in sich hinein. Was gab es zu erzählen über Eva? Es war einer dieser mauen Glamrock-Abende gewesen, an denen sogar Kowalski schon um Elf in den Sack gehauen hatte. Mark wollte früh dichtmachen, und plötzlich stand Eva vor ihm. Besoffen kichernd, um einen Absacker bettelnd. Mit schwarz-roten Augen und einem Haaransatz, der sich seit Monaten nach Blondierung sehnte. Mit schmalen Lippen über scharfen Eckzähnen. Einer Halstätowierung, die nach Laser schrie. Zu laut, zu voll, zu unschön. Doch der Blick auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale ließen ihn jeden Zweifel vergessen. Er gewährte ihr den Absacker. Und den ganzen Rest. Und jetzt stalkte sie ihn. Woher hatte sie überhaupt seine Nummer?!
„Von der Uni, Katze. Wir … kennen uns aus dem Seminar.“
Katze schien beruhigt. Da brummte sein Handy erneut. Direkt in ihrer Hand.
„Wenn du Anatomie doch lieber mit einem richtigen Körper lernen willst“, las Katze vor, „ich müsste gar nichts ausziehen. Kussi, Eva.“
Katze warf das Handy zurück neben die Kasse.
„Mir ist egal, wer diese Kussi-Eva-Tussi ist. Aber krieg ich irgendwie spitz, dass du die Kleine in meinem Laden parat gemacht hast … Deine Stechuhr steht auf Viertel vor Kündigung, kapiert?“
„Du tust gerade so, als würde ich hier ständig Frauen abchecken.“
Katze lachte. „Es ist dein Job, hier die Frauen abzuchecken. Aber nur, wenn‘s um Cocktail-Wünsche geht, nicht um deinen Besamungskalender. Das hier ist eine Bar ohne Bordell-Betrieb.“
„Ich versteh nicht, wo das Problem ist, wenn ich ab und zu mal …“
Weiter kam Mark nicht. In seinem Rücken öffnete sich die Tür, und Katzes Miene schaltete augenblicklich von Chef auf Wachhund.
„Ich geb dir einen guten Tipp, Mark. In diesem Job können wir uns Stalker nicht leisten. Die sind bloß gut für Kopfschmerzen. Und schlecht für die Kasse.“
Damit wandte sie sich ab und zapfte ein Kölsch. Mark warf einen Blick auf den neuen Glamrock-Gast: Er musste früher mal ausgesehen haben wie Zappa, doch heute trug er sein dünnes graues Resthaar zu einer weichlichen Kordel im Stiernacken geknüpft. Die Augen hinter der Dreifachverglasung waren riesig und fast Nivea-blau. Wie die feinen Äderchen auf seinem Trinkerzinken. In Kombination mit der parmesanfarbenen Gesichtshaut erinnerte sein Kopf farblich an das Ehrenfelder Stadtwappen. Katze verhehlte ihren Ekel nicht.
„Walla! Warum müssen sich meine Augen von deinem Anblick beleidigen lassen?“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

10. BETTGEFLÜSTER

Knutschen hatte Hannes im Krieg definitiv nicht verlernt. Lale lag in ihrem Bett, nackt bis auf den Slip, und wartete darauf, dass er wieder zu ihr unter die Bettdecke kroch. Die letzten Stunden hatten sie sich geküsst und gestreichelt, und Hannes hatte ihr wieder und wieder zugeflüstert, wie sehr er sie vermisste. Aber Anstalten, mit ihr zu schlafen, hatte er keine gemacht. Lales Blick fiel auf seine Uniform, die ordentlich auf einem Bügel an der Tür hing. Der Krieg hatte ihn verändert. Er war immer schon ein Einzelgänger gewesen. Doch irgendwas da unten hatte dafür gesorgt, dass er sich jetzt noch mehr in sich selbst zurückzog.
Im Bad ging die Toilettenspülung. Lale setzte sich auf, strich sich mit den Fingern durch die Haare und zog die Bettdecke über ihren Busen. Vielleicht war es Zeit, endlich miteinander zu reden.
„Hey“, sagte er, als er zurück zu ihr ins Bett schlüpfte.
„Hey.“
Er küsste ihren Hals, ihre Schulter, ihr Dekolletee. Sein Geruch war atemberaubend.
„Wie lange kannst du eigentlich bleiben?“
Er hielt inne, sah sie an.
„So lang ich will“. Er strich ihr mit seiner braunen Hand über das Kinn. Seine Handinnenfläche war so rosig wie eine Chamäleonzunge. „Spätestens morgen früh um neun muss ich los.“
Lale nickte. Hieß das, er würde bei ihr übernachten?
„Und Rudi?“
Hannes schüttelte den Kopf und rückte von ihr ab.
„Was meinst du?“
„Die wohnt doch jetzt auch hier in Köln. Seht ihr euch gar nicht?“
„Lale, was willst du eigentlich? Suchst du Streit?“
Er lehnte sich rücklings gegen die Wand und sah sie mit kalten Augen an.
„Wieso Streit? Ich hab nach deiner Schwester gefragt. Muss ich das Thema jetzt auch noch vermeiden?“ Auf einmal war sie unglaublich wütend auf Hannes.
„Es geht doch gar nicht um Rudi“, sagte er genervt. „Es geht um dich! Du willst mich doch gar nicht hier haben!“
„Blödsinn“, konterte Lale, „aber war ja klar, dass du mir wieder den Schwarzen Peter zuschiebst. Kapierst du es nicht? Es ist genau andersrum. Es geht immer nur um dich! Wir sind zusammen, und plötzlich gehst du als Soldat in den Krieg! Hast du dabei einmal an mich gedacht? Und wenn ich drüber reden will, dann machst du zu!“ Damit war ihre Wut auch schon wieder verraucht. Übrig blieb nur die Trauer. „Es ist so schwer ohne dich“, flüsterte sie weinend. „Ich mach mir Sorgen um dich. Jede Sekunde.“
„Schschsch“, machte Hannes und zog sie an sich. „Ich weiß. Es tut mir leid. Ich hab mich falsch verhalten. Es ist richtig, dort unten zu sein. Aber ich hätte dir das nicht antun dürfen.“
Lale nickte. Er küsste ihr die Tränen aus dem Gesicht und strich ihr zärtlich übers Haar.
„Ich liebe dich, Lale. Ich bin traurig, dass es mit uns nicht geklappt hat. Aber ich verstehe, dass es so besser für dich ist.“
„Ich liebe dich auch“, flüsterte Lale.
Und dann lagen sie plötzlich wieder nebeneinander, ihr Bein zwischen seinen, sein Arm auf ihrem Bauch, ihre Lippe zwischen seinen Zähnen. Sie spürte seinen Herzschlag, seinen Atem, seine Liebe.
„Willst du mit mir schlafen?“
Lale nickte. „Aber nur mit Kondom“, hörte sie sich sagen. Sie fühlte, dass sie rot wurde. „Sorry. Aber Single sein heißt Safer Sex“, schob sie hinterher.
Hannes lächelte.
„Dann mal her damit. Als emanzipierte Frau hast du doch garantiert ne Packung Kondome unterm Bett.“
Ein Kondom fand sich weder unterm Bett noch im Bad. Soviel zum Thema emanzipiert, dachte Lale. Sie stand in der Küche und durchwühlte ihre Tasche zum dritten Mal. Und richtig. Da war doch noch eins. Sie hatte es vor Jahren auf einem Festival als Werbegeschenk bekommen.
„Wie sieht‘s aus? Soll ich schnell zur Nachtapotheke?“, rief Hannes ihr aus dem Schlafzimmer entgegen, wo er, auf der Bettkante sitzend, auf seinem Handy herumtippte. Lale hielt das Kondom hoch über ihren Kopf wie den WM-Gürtel eines Box-Weltmeisters.
„Nicht nötig“, grinste sie. Sie schlüpfte zu ihm ins Bett und schmiegte sich an ihn. „Let‘s get ready to rumble!“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

11. WALLAS WALLFAHRT

Walla war eine Naturgewalt. Ein Tsunami der Verzweiflung. Eine Massenkarambolage am Kamener Kreuz: Mark litt mit ihm. Doch er konnte einfach nicht wegsehen.
Walla war nicht zum Trinken gekommen. Er war nicht zum Reden gekommen. Er riss sich gleich das Herz aus der Brust und legte es puckernd auf den Tresen, direkt vor Katze, die seinem bewegenden Schauspiel nicht eine sichtbare Gefühlsregung spendierte.
Walla sprach zu Mark oder Kowalski, ließ Katze dabei aber keine Sekunde aus den Augen. Er begann seinen flehenden Vortrag mit einem Exkurs in die wilden 80er.
„Eine Zeit, in der das Blue Shell die rechte und linke Herzkammer des Kwartier Latäng war. Schwarzweiß-karierte Fliesen, Froschfotzenbleche, dazu der kühle Mix von Cowboystiefeln und Rangerboots, Karottenjeans und Bomberjacken, wasserstoffblonden Flats, Elvistollen und polierten Glatzen. Die Wahl zwischen Speed und schlechtem Speed. Und auf der Bühne die Shades, die Local Heros Kölns. Ein schwuler Bassist und drei Riotgirls. Und am Mikro eine kampferprobte Amazone, deren Puls auch im krassesten Pogo-Pit nie über 60 ging. Eine Frau wie zwei Kerle. Eine Göttin. Katze.“
Walla war so in seinem Element, dass sich kleine Spuckeflöckchen von seinen Lippen lösten und im Kamikazeeinsatz Richtung Bar flogen. Er lebte gerade die 80er nach, war auf dem Zenit seines Lebens – und liebte. Voller Inbrunst. Kompromisslos. Eine Unerreichbare. Aus Millionen Legionen hatte sie ihn auserkoren. Wallas Blick schien sich in der Zeit wieder zurückzuschrauben.
„Nur für eine Nacht.“
Mark zeigte nach außen natürlich nicht mehr als das diskrete Nicken, das die Barmänner weltweit eint, wenn jemand an ihrem Tresen sein Herz ausschüttet. Innerlich war er jedoch zum Zerreißen gespannt. Katze redete nicht gern über ihre wilden Zeiten. Und so, wie sie gerade aussah, hasste sie es auch, dass Walla darüber sprach. Der holte gerade zum großen Finale aus.
„Sie war heiß wie ein Harleyauspuff, verstehst du? Zerstörerisch. Aber keine schwarze Witwe. Sie ließ mir das Leben. Leider.“
Wallas letzte Worte versandeten in Selbstmitleid. Er trank sein Bier in einem Stoß aus.
„Deine Chefin ist Heroin, mein Junge. Damals wie heute. Und ab und zu brauch ich einen Schuss.“
Plötzlich, ohne ein Wort, verschwand Katze im Büro. Walla, völlig in sich zusammengesunken, räumte seinen Hocker und wankte in Richtung Tür wie ein entseelter Golem. Kaum fiel die Tür zu, stand Katze wieder hinter Mark.
„Genau das mein ich, Mark. Diese Alkoholaufrisse sind gefährlich. Dabei fängst du dir leicht einen Stalker ein.“
„Hat er oder hat er nicht?“, grinste Mark.
„Was?!“
„Na vom Heroin gekostet. Hat er die Göttin ins Bett gekriegt?“
Katze sah fast verlegen aus.
„Ehrlich? Keine Ahnung. Er behauptet es. Und ich hab‘n Filmriss.“
Für einen Moment sah Katze so alt aus, wie sie wirklich war.
„War ‘ne abgefahrene Zeit damals.“
Sie flippte sich eine Kippe zwischen die Lippen, zündete sie an und ließ sie aufglühen. Zwei dicke Kondensstreifen schossen aus ihren Nasenlöchern. Marks Augenbraue erinnerte an den staatlich verordneten Gesundheitszwang. Katze nahm einen Extrazug und zerdrückte die Zigarette in dem Aschenbecher, den er ihr hinhielt.
„Manchmal vergess ich sogar das Gesetz, das mir den Umsatz ruiniert. Pass auf, Mark. Wenn Wallas Besuch überhaupt irgendeinen Sinn hatte, dann den: Fang dir keinen Stalker ein. Mir ist egal, was du in deiner Freizeit machst. Wo du nach Dienstschluss deinen Absacker trinkst. Wen du da triffst. Warum du ihn knatterst.“
„Sie!“
„Oder sie, mir völlig egal. Aber das Glamrock ist kein Kontakthof, verstanden? Ein Walla alle paar Monate reicht. Ich hab keinen Bock auf noch mehr Stress.“
Dieser Walla schien ihr wirklich zuzusetzen. Und das seit Jahren. Jahrzehnten. Ausgerechnet ein Barstalker bescherte Katze immer wieder Höllenmomente. Und nun wollte sie Mark davor bewahren, denselben Fehler zu machen. Sich eine weibliche Version von Walla ins Leben zu holen. Und in die Bar. Mark nickte. Er hatte die Botschaft verstanden. Doch dann meldete sich das Schicksal mit zwei in ihrer Parallelität eher unschönen Ereignissen zurück: Marks Handy empfing eine weitere SMS von Kussi-Eva. Und die Tür des Glamrock schwang auf und ließ einen neuen Gast herein: Carmen…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

12. DATE MIT JOAQUIN

Rudi griff in die riesige Tüte, die zwischen ihren Knien klemmte, und warf sich eine Handvoll salziges Popcorn in den Mund. Weiter links von ihr knutschte ein älteres Paar, und zwei Reihen vor ihr versuchte eine Horde balzender Teenie-Jungs, eine Gruppe Mädels zu beeindrucken. So, wie es aussah, mit Erfolg.
Rudi kuschelte sich tiefer in den lädierten Kinosessel und grinste innerlich. Ihr stand ein Film mit Joaquin Phoenix bevor und danach ein Wiedersehen mit ihrem großen Bruder, den sie seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Abgesehen von den paar Skype-Dates, aber die zählten nicht. Dabei hatte sie Hannes zwar sehen können, aber gefühlsmäßig waren sie Galaxien voneinander entfernt geblieben.
Der Saal wurde dunkel, und der rote, mottenzerfressene Vorhang öffnete sich. Hier gab es keine Werbung, der Film würde sofort beginnen – dem 1-Euro-Kino sei Dank!
„Hier ist doch bestimmt noch frei, oder??“
Rechts neben Rudi stand ein Typ und deutete auf den Platz neben ihr. Auf den sie extra ihre Jacke gelegt hatte.
Der Typ war allein, da stand keine Gruppe von Menschen hinter ihm, für die Rudi hätte einen Platz weiter rücken können. Der wollte doch nicht wirklich direkt neben ihr sitzen? Bei schätzungsweise zwanzig freien Plätzen im Raum?
„Kommt noch jemand. Sorry“, log Rudi.
„Oh, okay. Nehm ich halt den daneben. Dann können wir deine Begleitung von zwei Seiten wärmen.“
Der Typ ließ den Platz neben Rudi frei und setzte sich. Er trug Stetson-Hut und Hornbrille und einen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen FDP und CDU. Rudi fischte nach der Flasche Kölsch, die sie unter ihrem Sitz geparkt hatte. Na toll. Für ihren Geschmack hätte er sich ruhig ein paar Reihen weiter weg setzen können.
„Salute“, prostete er und hielt ihr sein Tuborg entgegen. „Mal sehen, ob Signs uns heute überzeugen kann!“
Rudi rang sich ein nicht zu freundliches Lächeln ab und prostete zurück. Dänisches Bier. Wer trank denn sowas? Sie tippte auf Filmstudent. Einer von der Sorte, die jeden Film hassten, der nicht von einem Regisseur stammte, der entweder mit Minderjährigen schlief oder seine Frau für seine Adoptivtochter verließ.
Plötzlich blinkte auf ihrer Jacke das lautlos gestellte Handy.
Eine SMS von Hannes: „Hey Sis, 10 klappt auch nicht. Wird eher 12. Freu mich auf später. Pommes & Döner? Oder Bier & Chips?“
Rudi starrte auf das Display. Das war jetzt schon die dritte SMS in Folge, in der Hannes die Uhrzeit nach hinten schob. Was machte er bloß? Der Bundeswehr-Dreh musste doch längst beendet sein.
„Freu mich auch. Ruf an, falls es früher klappt. Bin noch in der Stadt. Kölsch & Salzbretzeln!“, tippte sie und drückte auf Senden. So langsam kamen ihr Zweifel, ob sie Hannes tatsächlich zu Gesicht kriegen würde.
Sie warf sich eine neue Ladung Popcorn in den Mund und spülte mit Kölsch nach. Endlich begann der Film.
„Du kennst den Streifen auch schon, oder?“, fragte der peinliche Stetson von der Seite und stippte dabei seinen Hut aus der Stirn. Als hätte er seinen Abschluss am Clint-Eastwood-Kolleg gemacht.
„Hmmm“, murmelte Rudi. Bloß nicht zu freundlich sein, sonst fühlte er sich noch aufgefordert, weiter zu texten.
„Kein Hollywood-Highlight, oder?“, dozierte er. „Ziemlich vorhersehbare Story. Und der Twist im dritten Akt – gute Güte! Viel zu platt.“ Er lachte plötzlich. „Sorry, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin der Bernd.“
Rudi hob wortlos die Flasche. „Der-Bernd“ war ja wohl völlig schmerzfrei. Warum setzte ein Mann einen männlichen Artikel vor seinen Namen? Aus Angst, dass man ihn sonst für ein Mädchen hielt?
„Und hast du auch einen Namen? Oder soll ich einfach Prinzessin sagen?“
„Sorry, der-Bernd“, flüsterte Rudi, drückte sich dabei tief in ihren Sessel und nickte auch für Hörgeschädigte verständlich Richtung Leinwand, „ich hab ein Date mit Joaquin Phoenix.“
Das schien gesessen zu haben. Er lehnte sich wortlos zurück und zog seinen Hut tief über die Augen. Es sah nicht wirklich so aus, als ob er überhaupt noch etwas von der Leinwand sehen konnte, aber darüber konnte und wollte Rudi sich keine Gedanken machen.
Jetzt war Joaquin-Phoenix-Zeit, und dieses Date ließ sie sich von niemandem versauen.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
Tags:
Comments: No Comments.

13. SEX-DEFRAGMENTIERUNG

Lucky lag auf seinem Kingsize-Bett und balancierte den Laptop auf seinem Schoß. Das Selbstmitleid hatte ordentlich an seinem ohnehin schon winterlichen Teint gefressen, und er fühlte sich so ausgepowert wie nach einem Marathon durch die Polarwüste.
Die letzten Tage hatte er sich in diesen Job verbissen, hatte erotische Szenarien durchdacht und schließlich sogar durchträumt. Doch dann hatte Mandy Hundsthaler diesen grausigen und doch unersetzlichen letzten Job, der seine Moral noch über Normalnull gehalten hatte, gecancelt. Das einzig Positive war, dass er den Vorschuss des Verlags behalten durfte – auch wenn die meiste Kohle schon längst für Miete, Strom und eine Kühlschrankfüllung draufgegangen war.
Lustlos kämpfte Lucky sich durchs Fernsehprogramm. Wo immer er landete: nur Wiederholungen, das typische Jahresendzeit-Szenario von Doku-Trash, in dem normale Menschen für mickrige Tagesgagen auf ihrer Würde rumtrampeln ließen. Dazu unsägliche Titten-Quizshows und Kerner-Talks. Kein Wunder, dass Lucky keine Jobs mehr hatte. Seine Auftraggeber hatten einfach alle Budgets für echtes Fernsehen zusammengestrichen, um von dem Geld opulente Weihnachtsfeiern zu veranstalten, auf denen die Jobs fürs nächste Jahr verdealt wurden.
Er klappte den Laptop zu und genoss die plötzliche Schwärze des Zimmers. Seine verzweifelten Versuche der letzen Tage, sich heterosexuelle Erotikgeschichten aus Frauenperspektive aus dem Hirn zu schrauben, hatten tiefe Spuren hinterlassen. Er war hirnwund und damit anfällig für jegliche Vorstellung lüsterner Eskapaden. Bärtige Bärchen, Ledertransen, Teekännchenschwuppen – in diesem Moment war alles denkbar. Und gleichzeitig unerwünscht. Lucky war keiner von diesen „Ich bin gerne Single“-Heuchlern. Und er hasste jegliche Form von hastigem Klappen-, Darkroom- oder Fummelpartysex. Zumindest in einem Dorf wie Köln, wo er diesen Menschen dann immer wieder begegnen würde. Er wusste, dass Sex keine Probleme löste. Und doch … konnte er keine Sekunde lang nicht an Sex denken.
Wie ferngesteuert griff er zum Telefon und wählte Marks Nummer. Sein Nachbar war ein echtes Schnittchen, und er hatte dazu drei ganz entscheidende Vorteile: Er war ansteckend gutlaunig, unbelehrbar heterosexuell und als Barmann quasi ein Profi im Seelentrösten.
„Mark? Ich bin’s.“ Lucky stellte auf laut, denn sogar zum Telefonhalten fehlte ihm die Kraft. „Ich brauch dringend ne Druckbetankung.“
Marks Lachen schepperte durch den überforderten Telefonlautsprecher.
„Komm vorbei. Kardinal Katze hält gerade Heilige Inquisition. Da könntest du auf dem Rückweg gleich meine sterblichen Überreste verscharren.“
Das klang genau nach der Portion Drama, die Lucky davon abhalten würde, weiter an der Sorgenpfeife zu saugen. Oder schlimmer: sich in irgendwelche unverbindlichen Sexkapaden zu stürzen, für die er sich die nächsten Tage wieder durchschämen und verdammen würde.
Lucky wollte gerade seinen Rechner runterfahren, als sich, sekundengenau getimet, einmal mehr ein Chatfenster öffnete – Giorgio94.
„Bin im Eckig. Bock auf ein Bier?“
Das Eckig. Seit über einem Jahrzehnt der Schlager-Leuchtturm im schwulen Bermudadreieck Kölns. Zum Feiern und Abgehen perfekt, für ein Blinddate mit Gesprächsanteilen aber definitiv zu laut und quirlig. Überhaupt: Was sollte Lucky mit einem 18jährigen Dating-Junkie besprechen? Ob Lady Gaga jetzt einen Pimmel hatte oder nicht? Ob Dieter Bohlen ein schwulenfeindlicher Rassist war oder hohl? Oder beides?
Oder war Lucky selbst der Depp? Hatte er bloß Angst, sein festgefahrenes Leben in einem volljährigen Frischling gespiegelt zu sehen, der lebte, was er liebte? Ohne Kompromisse. Warum sollte ein 18jähriger nicht genausoviel zu geben haben wie ein Endzwanziger? Gab es eine Altersgrenze für Spaß? Und wann hatte Lucky sie überschritten? Und warum? Und warum hatte er davon so gar nichts mitbekommen?
Lucky klickte das Chat-Fenster weg, doch es poppte direkt wieder auf.
„Oder wenigstens eine rauschende Nacht?“, schob Giorgio94 hinterher.
Lucky fuhr den Rechner runter. Und versuchte dasselbe mit seiner Spontan-Erektion. Ohne Erfolg.

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

14. MEXICAN STAND-OFF

Mark schwang den Shaker. In einer fließenden Bewegung goss er den Mai Thai ins Cocktailglas, hob seinen Blick Richtung Carmen und fand dort ein entspanntes Grinsen, das eine Tendenz ins Lüsterne zeigte. Neben ihm stand Katze. Neugierig. Lauernd.
„Und wo habt ihr euch kennengelernt, Carmen?“ Katzes Lächeln erinnerte Mark an eine Königscobra beim Anblick eines frischen Ratten-Wurfs.
Carmens „Bei mir in der Küche“ entsprach der Wahrheit. Leider hatte Marks spontaner Zwischenruf „In der Uni“ weniger mit der Wahrheit zu tun. Und weckte sofort Katzes investigatives Interesse. Wieso konnte er nicht einfach die Fresse halten? Wieso musste er eine an und für sich total relaxte Situation so dämlich sabotieren?
„In der Uni-Küche?“, fragte Katze unschuldig nach.
„Nein, in Carmens Küche. Aber wir studieren auch zusammen“, schob Mark nochmal engagiert hinterher.
„Na ja“, bemerkte Carmen überflüssigerweise und ließ sich auch von Marks Gesichtsgewitter nicht bremsen, „das wusste ich doch bis heute morgen noch gar nicht. An der Uni haben wir uns nie gesehen.“
Katze schob ihr lächelnd die Hand hin.
„Hallo, Carmen. Sorry, dass ich so indiskret sein muss. Aber Mark … überschreitet manchmal Grenzen. Und eine heißt: Keine Frauen in der Bar abschleppen.“
„Ach was“, Carmen lachte Mark lüstern an. „Aus welchem Jahrhundert stammt das denn?! Ich dachte, in der Gastronomie geht‘s ausschließlich ums Amüsement.“
Damit nahm sie den Strohhalm auf eine Art in den Mund, die Dita von Teese die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Mark spürte, wie die Situation ihm Atom für Atom entglitt. Er wusste nicht warum. Doch er wusste, dass er die fatale Kettenreaktion nicht mehr würde aufhalten können. Jetzt ging es nur noch darum, an einen Ort zu fliehen, den Katze in ihrem Zorn nicht erreichen konnte.
„Außerdem kann Mark in seinem Laden doch machen, was er will“, hörte Mark Carmen sagen. Sie garnierte auch diese Aussage mit einem Lächeln, das ihren Hals und ihre Beischlafbereitschaft freilegte. Mark fühlte sich wie ein instabiles Brennelement. Er musste retten oder fliehen. Aber wen und wohin?
„In seinem Laden?“, gurrte Katze, „das Glamrock ist mein Laden.“
Carmen verdrehte die Augen. „Wegen mir auch euer Laden. Mich interessieren hier die Drinks, nicht die Grundbucheinträge.“
Mark räusperte sich hilflos. Katzes Nasenflügel blähten sich auf, ein untrügliches Zeichen, dass sie jeden Moment ausrasten würde.
„Sag mal“, wandte sich Carmen jetzt wieder an ihn, „hier ist doch eh nicht viel los.“ Sie zeige mit dem Daumen auf Katze. „Kann die nicht allein abschließen? Ich hätte Bock, noch ein bisschen abzugehen. Also wegen mir auch nur tanzen. Wenn sonst ihre Gebärmutter wandert wegen Barmann abschleppen und so.“
Mark fühlte eine große Müdigkeit in sich aufsteigen. Es würde noch eine, vielleicht zwei Minuten dauern. Dann würde Katze detonieren wie eine H-Bombe.
Wieso zog Carmen diese Show ab? Aus Rache? Weil er sie angegraben hatte, obwohl er Sex mit ihrer Mitbewohnerin Eva gehabt hatte? Oder, und das war die eigentlich groteske Vorstellung, meinte sie das Geflirte ernst?
Katzes Augen hatten sich inzwischen zu kleinen Schlitzen verengt. Sie musterte Carmen, die ihren Strohhalm unbeeindruckt liebkoste wie eine Eichelspitze. Plötzlich entspannte Katze sich und grinste.
„Ich bin neugierig, wie du die loswirst“, raunte sie Mark zu und verschwand im Büro. Er nickte. Er würde Katze beweisen, dass er ihre Stalker-Botschaft wirklich verstanden hatte.
Leider zog das Schicksal es vor, ihn mit einem spontanen Mexican Standoff herauszufordern.
Denn mit einem Mal öffnete sich die Eingangstür des Glamrock. Und schenkte dem Abend eine zunächst bestgelaunte Eva, deren Eintritts-Lächeln jedoch zügig vereiterte, als sie ihre Mitbewohnerin erblickte.
„Carmen?!“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

15. TRESENTALK

Der-Bernd hatte den Film über kein Sterbenswörtchen mehr gesagt. Als das Licht den Kinosaal erhellte und die wenigen Besucher sich von ihren Sitzen erhoben, war sein Platz gottseidank verwaist.
Rudi blieb sitzen und las den Abspann. Irgendwann würde auch ihr Name auf einer Leinwand zu lesen sein. Sie verließ den Saal als letzte. Draußen vor dem Kino herrschte geschäftiges Treiben. Kein Vergleich mit Bielefeld, wo um diese Uhrzeit schon großflächig die Bürgersteige hochgeklappt wurden. Rudi sah auf ihr Handy. Keine neue Nachricht von Hannes. Also genug Zeit für einen Absacker. Vielleicht würde sie ein paar Unileute treffen. Mit denen hatte sie bisher nicht viel Kontakt. An den Wochenenden fuhr sie immer noch viel zu oft nach Hause, und unter der Woche verbrachte sie ihre Zeit entweder in der Unibibliothek oder im Kino.
Noch geflasht von Joaquin Phoenix‘ Optik und Performance, fuhr Rudi auf ihrem Rad Richtung Belgisches Viertel, direkt ins Hallmackenreuther.
Der Laden war gut gefüllt mit den üblichen Verdächtigen: Kreative, die gebannt in ihre Laptops starrten, frisch Verliebte, die einander zum Glück unverständliche Liebeserklärungen zuraunten, und Styler, die auf geübt nebensächliche Art ihre Blicke schweifen ließen. Hier wurde gelacht, da diskutiert und dort sogar gestritten.
Rudi ging einmal ganz durch den Laden und sog die Atmosphäre in sich auf. Leider entdeckte sie dabei kein bekanntes Gesicht. Aber deswegen würde sie nicht unterkriegen lassen. Jetzt, wo sie einmal hier war, wollte sie auch bleiben.
„Na, wenn das kein Zufall ist.“
Der-Bernd. Der Stetson-Behütete aus dem Kino. Er stand vor ihr, lässig an den Tresen gelehnt. Heute war irgendwie der Wurm drin.
„Auch ein Kölsch?“, fragte er und hob zwei Finger in die Luft. Prompt bekam er zwei Gläser in die Hand gedrückt. „Hier.“ Er hielt Rudi ein Glas hin. „Und jetzt verrätst du mir hoffentlich deinen Namen.“
„Rudi.“ Irgendwas in seinem Gesicht stimmte nicht.
„Rudi? Wie Rudolf?“
„Wie Gertrud.“
Plötzlich wusste sie, was sie schon die ganze Zeit irritiert hatte: Der-Bernd hatte entweder keinen Bartwuchs, oder er epilierte sich sein Gesicht. Seine Haut war glatt wie ein Babypopo. Und der ganze Typ sowieso absolut nicht ihr Fall.
„Ah. Na dann Prost, Rudi.“
„Prost, der-Bernd.“ Rudi nahm einen Schluck und überlegte, wie lange er wohl an seinem Outfit herumgebastelt hatte. Zu Hut und Hornbrille trug er einen schwarzen, knielangen Ledermantel. Darunter blitzen Jeans und ein rosafarbenes Hemd hervor.
„Jetzt mal im Ernst“, fragte der-Bernd mit gespielter Entrüstung, „warum hast du dir bloß Signs angesehen? Du studierst Film, oder? Bei mir an der KHM? Du kommst mir bekannt vor.“
„Nee, ich studier Medienwissenschaft. An der Uni.“
„Oh Gott. Wirklich? Dann kennst du bestimmt Katinka. Obwohl – die bricht gerade ab und geht nach München. Hat Blut geleckt in meinem Abschlussfilm. Großes Schauspieltalent.“
Rudi schüttelte wortlos den Kopf und nuckelte an ihrer Flasche. Der-Bernd schien sich ziemlich geil zu finden. Hinterm Tresen warf ihr ein großer, schlanker Typ einen aufmunternden Blick zu. Vermutlich sah er ihr an, wie sehr sie sich gerade langweilte.
„Aber noch mal zurück zum Film“, schob sich der-Bernd wieder in ihren Fokus, „den kannst du nicht ernsthaft gut finden. Hast du dir dieses CGI-Monster am Schluss mal genauer angesehen? Wie im Legoland! Und diese inszenierte Langeweile! Jeder Rosamunde-Pilcher-Sonntag hat mehr Pep!“
„Seh ich total anders,“ trotzte Rudi. Sie hatte zwar noch keinen Schimmer von Film-Theorie. Aber von so einem Stetson-Poser würde sie sich Joaquins zweitbesten Film nicht kaputtreden lassen.
„Ich finde Signs spielt mit der Isolation und der Bedrohung, die von außen einbricht. Das ist ein brandaktuelles Thema, kuck dir nur Japan an. Und ob ein Alien echt aussieht, soll meinetwegen Erich von Däniken entscheiden, da halte ich mich raus.“
Der-Bernd musterte Rudi, als hätte sie ihm soeben ins Gesicht gerotzt. „Schätze, du studierst noch nicht so lang“, presste er herablassend hervor. Dann exte er sein Kölsch und knallte es eine Spur zu laut auf den Tresen. „Ich muss mal weiter. War nett, mit dir zu diskutieren, kleine Rudi.“
„Gleichfalls, der-Bernd“, gab Rudi lächelnd zurück.
Der-Bernd tippte sich an seinen Hut und suchte das Weite.
Zurück blieb Rudi. Mit dem Gefühl, eine große Schlacht gegen einen übertrieben selbstbewussten Goliath gewonnen zu haben.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
Tags:
Comments: No Comments.

16. EVA VS. CARMEN – LIVE

Nichts rettet ein Wasserschweinferkel vor einer Anaconda.
Außer einer zweiten Anaconda.
Mark fühlte sich unwohl.
Er hatte sich ganz auf seinen Job konzentriert. Hatte Carmen einen zweiten Mai Thai gemacht und ein Kölsch und einen Wodka vor Eva gestellt. Katze hatte gar nichts trinken wollen. Sie wollte nicht abgelenkt werden, keine Sekunde dieser peinlichen Schlammschlacht verpassen. Das, was sich gerade live vor dem Tresen abspielte, war das krasseste Verbal-Sparring in der Geschichte des nationalen Damen-Debattiersports.
Als das Gezicke zwischen Eva und Carmen irgendwann zu unübersichtlich wurde, begann Katze Fragen zu stellen. Und mit jeder Frage schickte sie Mark ein Lächeln mit der Fußnote ‚Hör dir genau an, was die beiden Mädels für Probleme haben, Mark. Dann nimm es hoch Zehn. Und das sind dann die Probleme, die du mit mir bekommst, wenn du noch ein einziges Mal zulässt, dass sich so ein würdeloses Schauspiel in meinem Laden abspielt‘.
Mark verstand. Er wusste, dass Katze Recht hatte, und versuchte, irgendwas von dem zu verstehen, was Carmen und Eva sich an den Kopf schmissen. Vorwürfe vorwiegend, aber unverständlich. Beleidigungen. Derbe. Konkrete Attacken. Darin häufig Männernamen und Begriffe wie „Schlampe“, gelegentlich in der Kombination mit „dreckig“, „untreu“ und „pimmelsüchtig“.
Carmen und Eva, begriff sogar Mark mit der Zeit, teilten nicht nur eine Wohnung. Sie teilten auch ihre Männer, indem sie sie einander munter ausspannten. Um Männer oder Liebe ging es dabei allerdings so wenig wie um Sex. Es ging nur darum, die andere zu verletzen, aus der Wohnung zu treiben. Zu siegen.
Frauen.
Carmen grinste plötzlich dämonisch.
„Weiter so, Eva. Warum heulst du noch nicht? Keine Tränchen heute?“
Carmen lächelte. Magnetisch. Fast hätte Mark zurückgelächelt. Doch mit einem Blick auf Katze fing er sich gleich wieder.
„Eva, eins muss man dir lassen“, Carmen musterte Mark, „süß ist er.“
„Hast du ihn deshalb gleich angebaggert, als er aus meinem Schlafzimmer kam?“, keifte Eva, „der war noch bettwarm!“
Carmen lachte.
„Dass deine Männer einen guten Geschmack haben und früher oder später in meinem Bett landen, ist ja nicht mein Problem. Das ist Evolution, Eva. Kapier das endlich.“
Carmen stand auf, pulte einen 20-Euro-Schein aus ihrer Hose und reichte ihn Mark.
„Der Rest ist für dich.“ Sie nickte Richtung Katze, ließ Mark aber nicht aus den Augen. „Vielleicht kaufst du deinem Sidekick ein paar Aspirin. Die sieht nach Kopfschmerz aus.“
Damit packte sie ihren Mantel und ging zur Tür, wo sie sich, schon eine Kippe zwischen den Lippen, nochmal umdrehte und Marks Augen fixierte.
„Besuch mich, Torero. Du weißt ja, wo ich wohne.“ Ihr Feuerzeug flammte auf, und mitsamt ihrer Rauchschwade verschwand Carmen nach draußen in die Spätherbst-Nacht. Mark sah ihr nach, ebenso Katze und Eva.
„Besuch mich, Torero“, äffte Eva abfällig nach.
„Hör zu, Eva, es tut mir leid.“ Mark lächelte ermutigend. „Das mit uns beiden wird nix. Und keine Sorge. Das gleiche gilt für deine Busenfreundin. Die Getränke heute gehen aufs Haus. Und ihr würdet mir eine große Freude machen, wenn ihr euch für diese kranken Psychospielchen eine andere Bar sucht.“
Mark sah auf der Suche nach Bestätigung zu Katze. Ihr zufriedenes Nicken kam seinem Blick entgegen.
Eva nahm sich einen 10-Euro-Schein, wickelte ihn langsam um ihren Mittelfinger und tauchte ihn in ihr halbvolles Kölsch. Dann verschwand auch sie aus der Bar.
Es dauerte eine Weile, bis Mark sich traute, Katze in die Augen zu sehen.
„Sorry, Katze, kommt nicht wieder vor. Lektion gelernt.“
Katze musterte Mark mit einem Nagel-Blick. Plötzlich rissen ihre Lachfalten auf.
„Respekt, Mark. Du schleppst nicht einfach irgendwelche Frauen ab. Du nimmst immer die Psychopathinnen.“
Sie grölte hustend. Mark lachte nur Playback mit. Er fühlte sich keineswegs befreit. Nicht von Eva, nicht von Carmen. Vor allem nicht von Carmen.
Er hatte seine Lektion gelernt, sicher. Aber irgendwie hatte er den Eindruck, dass ihm das in seinem Leben nicht zum ersten Mal passiert war. Und nicht zum letzten.
Frauen, Mann, Frauen.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Mark, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

17. WILLIG & DANKBAR

Ordentlich vorgeglüht und mit Barmann-Tipps von Mark versorgt, schaukelte Lucky vor der Tür des Glamrock zwischen zwei Zielen hin und her: seinem Zuhause und den Verlockungen der Nacht. Da es keinen schlechteren Ratgeber als Alkohol gab, entschied er sich für die Nacht und torkelte Richtung schwules Bermudadreieck.
Mark war einfach unglaublich. Er dachte keine Sekunde nach und machte einfach, was er für richtig hielt. Dass das im Zweifel immer falsch war und grundsätzlich mit Frauen zu tun hatte, machte ihn dennoch nicht unglücklich.
Lucky dagegen dachte jede Sekunde seines Lebens nach, über Fehler der Vergangenheit oder Gefahren der Zukunft. Dass sich dazwischen auch so etwas wie Gegenwart versteckte, die es zu genießen galt, merkte er selten. Und meist erst dann, wenn er vor Mark am Glamrock-Tresen saß und sich dessen Liebesdramen anhörte.
Es war irgendetwas Undefinierbares zwischen spät und früh, und so wankte Lucky über einen fast verlassenen Rudolfplatz Richtung Eckig. Dabei ließ er seine Gedanken frei galoppieren. Er hatte keine Beziehung. Keinen Sex. Und er war horny wie ein Stier beim Almauftrieb. Die letzten Wochen, in denen er sich ausschließlich mit heterosexueller Erotik hatte herumschlagen müssen, brauchten ein klares Ende. Ein Signal der Entschlossenheit. Oder verführte ihn bloß der bunte Cocktailmix, den er gerade standhaft durchgetestet hatte?
Er blieb für einen Moment an der roten Ampel stehen, versuchte sich zu sammeln, fand nichts, das des Sammelns würdig war, und stieß schließlich mit einem gemurmelten „Nur Kucken, nicht anfassen“-Vorsatz die Tür zum Eckig auf.
Warmes Licht legte sich auf seine promillegeschwängerte Netzhaut – der Laden war noch gut besucht, und von allen Seiten schossen interessierte Blicke auf ihn ein. Lucky probierte ein selbstbewusst wirkendes 360-Gradlächeln, brach nach 180 Grade schwindelbedingt ab und ging straight zum Tresen durch, dessen Gelsenkirchener-Barock-Anmutung ihn magisch anzog.
Mit dem zungenmotorisch einwandfrei vorgebrachten Zweisilber „Gin Fizz“ und zwei Fingern, die „doppelstöckig“, „Peace“ oder „Fick dich“ bedeuten konnten, schraubte er sich verhältnismäßig elegant auf einen Barhocker und grinste stumpf in das bunte Flaschenregal.
„Was weht die Nacht denn da für eine Sünde ins Paradies?“ gluckste es in sein linkes Ohr. Lucky drehte sich langsam um und sah in die stahlblauen Scheinwerfer eines Kalendermodells, das man sich überhaupt nicht mehr schönzutrinken brauchte. Reflexhaft schloss Lucky die Augen, atmete tief ein und aus, hob die Liddeckel wieder. Was er jetzt sah, hatte nur noch wenig mit dem ersten Eindruck zu tun, machte ihm aber auch nicht mehr so viel Angst: ein etwa 1,80 großer, braungebrannter Fitnessfreak im knallengen Muskelshirt, Glatze, leicht vernarbte Wangen, neugierige Augen, einladendes Lächeln ohne schadhafte Zähne. Es gab auf den zweiten Blick nur etwa 42 Gründe, die gegen ihn sprachen: je 20 durchbohrten seine Ohren, die restlichen zwei waren durch seine Mundwinkel geschossen. Ein Piercingfreak. Süß. Aber ein Piercingfreak.
Der knackige Barmann stellte zwei Gin Fizz vor Lucky.
„Zum Wohl.“
Lucky drehte sich zu den Drinks, nahm einen, überlegte einen Moment mit geschlossenen Augen, reichte dem Piercingfreak schließlich den anderen Drink, stieß mit ihm an und stürzte den Gin gegen sein Zäpfchen.
„Ich bin Will.“
„Will? Wie in willig und dankbar?“
Will schien diesen Spruch mehrmals täglich zu kassieren, also schnitt Lucky die unangenehme Pause mit einem „Lucky“ ab, legte aber gleich den Finger auf die Lippen, als er Wills Lächeln sah.
„Nein, Will, heute ist nicht dein lucky day.“
Damit war die Stimmung für Luckys Einschätzung ausreichend abgelöscht. Er war Single. Er war einsam. Er war horny. Aber ein Piercingfreak? Da musste er nicht mal kucken, geschweige denn anfassen. Gottseidank!
Will wandte sich ab und tuschelte mit dem knackigen Barmann. Lucky bereitete sich auf einen doofen Spruch, einen Rausschmiss oder beides vor. Statt dessen stand ein paar Sekunden später ein weiterer Gin Fizz vor ihm. Und einige Platitüden, Gags, Lacher und Tuscheleien später spürte Lucky zwischen seinen Lippen die erste gepiercte Zunge seines Lebens…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

18. DER MORGEN DANACH

Lale blinzelte verschlafen. Draußen kreisten die Raben, irgendwo entfernt kläffte ein Hund. Sie reckte sich. Schön, vor dem Wecker aufzuwachen. Noch schöner, dass Adnan den Laden heute allein schmeißen würde.
Erst jetzt bemerkte sie Hannes‘ Hand auf ihrer Hüfte. Er schlief hinter ihr. Im Löffel. Sie schloss die Augen, hörte auf seinen Atem und dachte an letzte Nacht. Der Sex war wunderschön. Vertraut, eingespielt – und doch anders als sonst. Langsam, um ihn nicht zu wecken, drehte sie sich um. Wenn er schlief, sah er so anders aus. Viel sinnlicher, verletzlicher, nicht so cool. Am Tag versteckte er seine Gefühle meist hinter einem stahlharten Pokerface. Aber im Schlaf und beim Sex konnte sie sehen, wie er wirklich war: sensibel und zärtlich. Der Mann ihrer Träume.
Ob sie es doch nochmal versuchen sollten? Vielleicht gab es ja einen Weg, mit dieser kranken Form von Fernbeziehung fertig zu werden.
Sie hob seine Hand an, löste sich vorsichtig aus der Umklammerung und stand auf. In der Küche kochte sie sich einen Tee. Dann ging sie ins Bad und ließ Wasser in die Wanne.
„Was wird das denn?“ Hannes stand hinter ihr im Türrahmen und beobachtete sie lächelnd.
„Ich dachte, wir baden zum Abschied. Ist doch viel schöner, als über ner Tasse Tee am Küchentisch zu hocken.“

Wenig später saßen sie einander in der Wanne gegenüber. Ihre Füße lagen auf seinem Brustkorb, er knabberte an ihren Zehen und hatte seine Beine zu beiden Seiten um ihren Körper gelegt.
„Warum bist du eigentlich hier?“, fragte sie.
„Die haben mich interviewt. Für einen Image-Film. Und dann gab‘s noch ein Fotoshooting mit Bundespräsident und Verteidigungsminister.“ Er knabberte weiter an ihren Zehenspitzen.
„Nein, das mein‘ ich nicht“, sagte Lale. „Ich mein, warum du hier bist. Bei mir. In dieser Wanne.“ Sie grinste unsicher. Warum hatte sie überhaupt damit angefangen? Es lief doch alles gut bisher. Warum jetzt ein Grundsatzgespräch vom Zaun brechen?
„Hör zu, Lale“, sagte Hannes reserviert und umschloss ihre Füße mit seinen Beschützerhänden. „Ich hab da unten was über mich gelernt. Ich bin kein guter Mensch. Und ich mache Fehler. Ein Fehler war, dass ich nicht von Anfang an kapiert habe, dass ich nicht gut bin für dich.“
Seine Worte trafen Lale direkt ins Herz. Auf einmal wusste sie, dass er es nicht noch mal probieren wollte.
„Bist du deshalb hergekommen? Um mir das zu sagen?“
Hannes nickte. Lale zog ihre Füße zurück und setzte sich auf. Ihre Haare, die sie zu einem Knoten hochgebunden hatte, lösten sich und fielen ins Wasser.
„Alles, was ich dir gesagt habe, ist wahr“, sagte er. In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen. Totales Pokerface. Manchmal hasste sie diese „Lonesome-Cowboy“-Attitüde. Und diese kalten Augen, die ihm der Scheiß-Krieg verpasst hatte, die hasste sie erst recht.
„Du bedeutest mir mehr als mein Leben, Lale“, sagte er. „Ich will, dass du glücklich bist. Deswegen müssen wir Abstand halten. Ich bin nicht gut für dich.“
Lale kämpfte gegen ihren aufkommenden Zorn. Jetzt musste er nur noch sagen „Du verdienst was besseres“, dann hätte er alle Trennungs-Platitüden in einem Atemzug benutzt.
„Danke. Ich weiß selbst, was gut für mich ist.“
Er nickte und klatschte mit der flachen Hand aufs Wasser. Die Bewegung verursachte eine unruhige Wellenflut. Das Wasser war schon fast kalt. Oder kam die Kälte aus ihrem Inneren?
„Ich weiß, Lale. Das meine ich doch. Als du Schluss gemacht hast, hast du dich geschützt vor mir. Und das war richtig. Du bist anders als ich. Du verschmilzt in einer Beziehung. Ich kann das nicht. Ich brauch meinen Freiraum.“
„Soll das heißen, du bist deswegen Soldat? Weil ich dich in den Krieg getrieben habe?“
„Quatsch. Ich mein’, du hattest Recht mit der Trennung. Wir tun uns beide keinen Gefallen, wenn wir das vergessen.“
Das Wasser war tatsächlich eiskalt. Lale beugte sich vor und ließ heißes nachlaufen.
„Wie kannst du das nur so sehen“, sagte sie zitternd. Ihre Stimme verriet hoffentlich nicht, wie verletzt sie war, „du kommst nach Köln, erzählst mir, dass du mich liebst, schläfst mit mir. Und dabei geht‘s dir die ganze Zeit nur um Sex?“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

19. KÜSSER-QUALITÄTEN

Das eigentlich Absurde an der Situation waren nicht Will oder seine Piercings, sondern seine Kusstechnik.
Lucky war kein Kind von Traurigkeit. Wie jeder Mann liebte er Sex. Aber er war anspruchsvoll geworden in den letzten Jahren. Was die Optik und den Intellekt seiner Partner anging, vor allem aber ihre Küsser-Qualitäten. War ein Kuss früher eher so etwas wie eine Eintrittskarte oder ein kurzes Vorspiel, war diese Kunstform mehr und mehr zu einem Dealbreaker geworden. Ein Mann, der nicht küssen konnte, würde nur noch in absoluten Dürreperioden einen Weg in Luckys Hose finden. Zum erweiterten Kuss-No-go gehörten Zungenakrobaten, Schnäuzerträger – besonders die Kölsche Spezialität mit Kurbelspitzen – Raucher, Zahnarztverweigerer und natürlich Zungengepiercte.
Jetzt hing Lucky Will bereits seit mehr als vier Drinks zwischen den Lippen – und war begeistert. Nicht vom Piercing, soweit verzauberte Will ihn dann doch nicht. Aber von seiner Technik, von seiner beharrlichen Weichheit, seinem unaufdringlichen Knabberstyle, der Lucky völlig vergessen ließ, was da alles an Metallveredelung zwischen Ohren und Mundwinkeln baumelte und vor allem die sensible Zungenspitze zierte.
Zu Beginn hatte Lucky fast die Fäuste geballt vor Angst, dass Will ihm mit seiner Abrisskugel einen Schneidezahn aushebelte. Doch mehr und mehr war er dahingeflossen. Bis er schließlich völlig vergessen hatte, wie Will aussah, wie der Laden aussah, in dem sie knutschten, und wohin das alles überhaupt führen sollte.
Bis Will plötzlich abbrach, ihn anlächelte, sich dann zum Barmann wandte und bezahlte. Lucky war irritiert. Hormonell verstrahlt, aber irritiert.
„Will? Was machst du?“
„Einer Anzeige als Zechpreller entgehen?“ Will grinste Lucky offen an und bestellte beim Barmann ein Taxi. „Wir fahren zu dir.“
Dominante Männer waren in Luckys Welt ein weiterer Njet-Faktor.
„Vergiss es“, setzte er sich wieder demonstrativ auf seinen Barhocker. „Bei mir sind die Wände aus Pressspan. Und ich will meinen Nachbarn auch morgen noch in die Augen sehen.“
„Dann gehen wir zum Aachener Weiher.“
„Ja klar, morgen zum Schwäne füttert – falls die bei den Temperaturen nicht fest mit der Eisdecke verwachsen sind. Vielleicht hast du‘s nicht mitbekommen, Will, aber jenseits deiner Sonnenbank ist so gut wie Winter.“
Will schenkte Lucky den Blick eines Hundes mit Scherbe in der Pfote. Lucky schüttelte entschlossen den Kopf.
„Wenn das überhaupt was gibt mit uns, dann nur mit Stil. Warum gehen wir nicht zu dir. Hast du keinen Stil?“
Will grinste Lucky unschuldig an.
„Ich hab so viel Stil, du würdest meine Wohnung nur noch unter Protest verlassen.“
„Na dann …“ Lucky versuchte es mit einem aufmunternden Grinsen.
„Na ja … in meinem Bett liegt jemand, der in etwa zwei Stunden aufstehen und auf den Großmarkt fahren muss.“
„Jemand?“ Lucky war froh, dass der Barhocker unter ihm nicht die gleiche wabbelige Konsistenz annahm, die seine Knie plötzlich hatten.
„Sein Mann“, grinste der immer noch knackige Barmann und stellte zwei neue Drinks vor die beiden.
„Mein Mann“, bestätigte Will. Und immer noch glänzte dieses unschuldige Jungengrinsen zwischen seinen Piercings hervor…

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

20. DUELL IM MORGENGRAUEN

Lale war traurig. Und wütend. Und frustriert. Sie saß mit dem Mann ihrer Träume in der Badewanne – und stritt sich. Nicht, dass sie eine Wahl gehabt hatte. Eigentlich war vom ersten Moment an klar gewesen, dass die ganze Sache früher oder später im Streit enden würde. Die wunderbare Zeit dazwischen – der Sex, die Zärtlichkeiten, die vertraute Nähe zwischen ihnen –, das war alles nur das Vorspiel gewesen.
„Wie kannst du nur glauben, dass du mir nicht wichtig bist“, warf er ihr gerade vor. Ihre Füße lagen wieder auf seinem durchtrainierten Brustkorb, und seine Beine schlängelten sich noch immer zu beiden Seiten um ihren Körper herum. Das Wasser duftete schwach nach Rosen und schwappte in kleinen Wellen auf und ab. Die aufgehende Sonne glomm durch das viel zu kleine Fenster und ließ das Wasser in der Wanne wild und ungeduldig glitzern.
Sie stritten jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Richtig in Fahrt gekommen war das Ganze durch ihren Vorwurf, es sei ihm bei seinem Besuch nur um Sex gegangen.
„Tja, wieso komm‘ ich wohl drauf, dass ich dir nicht wichtig bin?“ Lale merkte, wie sich ihr Hals immer mehr zuzog, das passierte ihr immer, wenn sie zornig wurde. „Vielleicht, weil du wichtige Entscheidungen lieber ohne mich triffst?“
Hannes seufzte, nahm eine Hand von ihren Füßen und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen die Augen.
„Lale“, begann er. „Ich habe schon mal gesagt, es tut mir leid. Sehr leid. Aber ich kann‘s nicht mehr ändern. Ich hab‘ da unten was angefangen, das ich auch zu Ende bringen muss.“
Bla, bla, bla. Diese Platte kannte sie schon. Und sie wurde nicht besser durch diese nervtötenden Wiederholungen.
„Darum geht‘s mir ausnahmsweise nicht.“ Ihre Stimme war jetzt ganz kratzig. „Es geht darum, dass du schon wieder eine Entscheidung für uns beide triffst.“
„Das tue ich nicht.“
„Tust du doch!“, beharrte sie. „Du entscheidest, dass es gut ist, getrennt zu sein. Und ich soll damit klarkommen!“
Er atmete hörbar aus und schüttelte den Kopf, die Lippen fest aufeinandergepresst. Draußen krächzten immer noch die Raben.
„Diese Entscheidung hast du auch schon mal für uns beide getroffen. Erinnerst du dich?“, sagte er schließlich.
„Dann bestrafst du mich jetzt dafür, oder was?“ Wieder schwappte diese unendliche Traurigkeit in ihr hoch. „Ich hab damals keinen anderen Weg gesehen. Aber heute …“, sie stockte und suchte nach Worten, „ich bin mir nicht mehr sicher. Es hat sich nicht viel geändert, seit wir getrennt sind. Ich krieg dich nicht aus meinem Kopf. Meine Gefühle sind immer noch da.“ Sie zögerte. „Vielleicht kann ich es ja doch irgendwie aushalten.“
Er schüttelte den Kopf. Seine Augen sahen jetzt fast traurig aus.
„Lale, nein. Es tut mir so leid. Ich hätte nicht herkommen dürfen. Das Ganze war ein Fehler. Ich hab kein Recht, dich nochmal in mein beschissenes Leben hineinzuziehen.“
„Du ziehst mich in nichts rein!“, brauste sie auf. „Ich bin alt genug, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich kann jederzeit nein sagen. Damals wie heute.“
Er schüttelte wieder den Kopf.
„Das stimmt nicht, Lale. Ich allein weiß, wie ich ticke. Ich bin nicht gemacht für eine Beziehung. Das wusste ich auch schon damals. Ich hätte dich von Anfang an in Ruhe lassen müssen. Alles was ich dazu sagen kann ist, dass es mir leid tut. Ich hab es wirklich versucht. Ich wollte wirklich der Mann sein, den du verdienst.“
„Hör auf, so zu reden. Ich hab niemanden verdient. Ich liebe dich.“ Eine Träne rollte ihr aus dem Auge. Trotzig wischte sie sie weg.
„Ich liebe dich auch“, sagte er. „So sehr, dass es wehtut. Aber manchmal reicht das eben nicht.“

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

21. DAS NACKTE GRAUEN

Rudi lag in ihrem Bett und starrte in die Dunkelheit. Sie hatte mörderschlecht geschlafen. Schuld daran war Hannes. Sie tastete nach ihrem Handy und rief seine letzte SMS auf: „Sorry Schwesterchen, klappt heute doch nicht mehr. Sei nicht böse, hol dich zum Frühstück ab. Drück dich, H.“
Sie hatte gestern nicht darauf geantwortet, dafür war sie zu enttäuscht gewesen. Auch jetzt, nachdem sie die letzten Stunden darüber gegrübelt hatte, wusste sie noch nicht, wie sie Hannes begegnen sollte. Sie freute sich, ihn wiederzusehen, klar. Aber sie war auch stinkwütend. Er hatte sie den ganzen Abend warten lassen, nur um ihr dann in einer läppischen SMS abzusagen. Was bildete der sich eigentlich ein?!
Draußen auf dem Flur schepperte es, gleich darauf jaulte ein Hund. Na toll. Vermutlich der nervige Terrier der Trampolin-Tussi. Es klopfte an ihrer Tür.
„Was?“ Rudi setzte sich auf und gähnte. Dabei riss sie ihren Mund so weit auf, dass sie sich fast den Kiefer ausrenkte. Die Zimmertür öffnete sich einen kleinen Spalt, und zusammen mit etwas Flurlicht schob sich der kurz geschorene, wasserstoffblonde Haarschopf der Trampolin-Tussi in den Raum.
„Morgen Rudi“, flötete sie, „sag mal, ich und die Jungs wollen ins Agrippabad zum Frühschwimmen. Kannst du auf den Hund aufpassen?“
„Ich?“ Soweit kam es ja wohl noch. Rudi mochte Hunde. Aber diese Töle? „Nee, sorry. Bin verabredet.“ Und das war nicht mal gelogen.
„Kannst du ihn nicht trotzdem nehmen?“
Was für eine Frage. Natürlich nicht, sonst hätte sie ja nicht „nein“ gesagt. Plötzlich wurde es glühbirnenhell. Über den Kopf der Trampolin-Tussi schob sich ein zweiter durch den Türspalt. Er gehörte dem größeren von Rudis Mitbewohnern, der – ebenso wie der Kleinere – Jürgen hieß.
„Hey Rrrrudiiii!“
Zum ersten Mal, seit sie in der WG wohnte, fiel Rudi auf, dass Jürgen und Jürgen sie an Cheech & Chong erinnerten, zwei Kiffer aus einer Kinokomödie, die sie mal gesehen hatte. Bis auf die Haarfarbe ähnelten die vier einander sehr: Alle waren dauerbreit, schwer von Begriff und für Rudis Geschmack im Gesicht viel zu behaart. Der größere Jürgen zum Beispiel trug zur Zeit einen buschigen Schnurrbart im 70er-Jahre-Porno-Style.
„Licht aus“, maulte Rudi blinzelnd.
„Jawoll, Prinzessin“, brüllte Jürgen, alias Cheech, und prompt ging das Licht wieder aus. „Und? Nimmste den Hund?“
„Nee, sie hat was vor“, antwortete die Trampolin-Tussi in einem Tonfall, der verriet, dass sie Rudi kein Wort glaubte.
„Wenn sie was vor hat, hat sie was vor. Dann nehmen wir den Hund halt mit“, entschied Cheech gönnerhaft.
„Ins Schwimmbad?“, zweifelte die Trampolin-Tussi.
„Klar, warum nicht? Hunde lieben Wasser“, antwortete Cheech so überzeugt wie ahnungslos.
„Könnt ihr das vielleicht draußen besprechen“, gähnte Rudi ein zweites Mal. Diesmal achtete sie allerdings darauf, ihren Kiefer nicht allzu weit auseinanderzureißen.

Etwa zehn Minuten später fiel die Wohnungstür ins Schloss, Stille kehrte ein. Rudi wusste nicht, wann Hannes sie zum Frühstücken abholen würde, aber wie sie ihn kannte, würde das bald sein.
Sie öffnete die Badezimmertür – und brauchte eine Weile, um das Grauen einzuordnen, das sich ihr da offenbarte. Vor ihr stand Jürgen Nummer zwei, also Chong. Vollkommen nackt  – bis auf die Socken. Leider war das nicht alles. Er putzte sich die Zähne, was zugegeben nicht schlimm, sondern sogar völlig in Ordnung war. NICHT in Ordnung war allerdings, dass er dafür Rudis elektrische Zahnbürste benutzte!
„Bis du wahnsinnig?! Das ist meine!“
„Deine was?“
„Zahnbürste, du Honk!“
„Ach so. Ja. Aber meine ist irgendwie weg.“ Chong sah sich im Bad um und zuckte hilflos mit den Schultern. Diese körperliche Erschütterung brachte sein bestes Stück bedrohlich ins Schlenkern. Rudi kniff entsetzt die Augen zu. Hoffentlich bekam sie den Anblick jemals wieder von ihrer Netzhaut gelöscht.
Ihr Blick fiel wieder auf ihre Zahnbürste, die immer noch in Chongs Mund herumbrummte. In der Tiefe ihrer Lippen brodelte schon der Herpes …

 

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
Tags:
Comments: No Comments.

22. FICKLICHTHUSSEN

Nackt auf einer Eisscholle hätte Lucky sich nicht schlechter fühlen können.
Will … er war diesem Piercing-Monster tatsächlich gefolgt. Einem Mann, dessen Mundhöhle ihm vertrauter war als seine Stimme. Er hatte sich mit ihm in ein Taxi gesetzt, war Richtung Nippes gefahren, irgendwo vor einem dunklen Restaurant an der Agneskirche ausgestiegen.
Er hatte sich die Eingangstür aufhalten lassen. War von einer Staffordshire-Bullterrier-Hündin mit dem ebenso schlüssigen wie absurden Namen Steffi angeglotzt worden. War dem Mann und der Hündin durchs Restaurant, dann die Treppe runter in den Weinkeller gefolgt. Dort hatte Will ein Regal mühelos zur Seite geschoben, um eine dahinter versteckte Tür aufzuschließen, hinter der sich wiederum eine karge, fensterlose Einzimmerwohnung mit Bad und Bett auftat.
Auf dem Bett, genauer: auf der kunstseidenen Tagesdecke mit Goldzotteln, saß er nun und drehte einen Plastikbecher mit Gin in der Hand, während Will „sich frisch machte“ – was der Fernsehmann Lucky eigentlich nur als Synonym fürs Koksen kannte.
In diesem Fall aber hatte es tatsächlich mit Körperpflege zu tun. Das Prasseln der Dusche mischte sich mit dem Grummeln in Luckys Magen und wurde zum Soundtrack seines Zweifels. Einen ihm völlig Unbekannten mit einem ihm fast unbekannten Mann zu betrügen, das fühlte sich in so vielerlei Hinsicht grundfalsch an, dass Lucky seine Dummheit fast schmecken konnte. Oder stammte dieser penetrante Rostgeschmack auf seiner Zunge gar nicht vom Scham-Adrenalin, sondern von Wills metallenen Piercings?
Die Hündin, die vor Lucky saß und ihn anstarrte, schien exakt das gleiche zu denken: Was zur Hölle machst du hier?! Steffi gähnte und entblößte dabei eine dentale Landschaft, die Lucky bislang nur vom Alien-Monster kannte. Mit diesen Zähnen konnte Steffi vermutlich eine Marmorfliese zu Staub pürieren. Er hielt ihr den Becher Gin hin, doch sie hatte darauf genausowenig Lust wie er selbst. Steffi erhob sich, rückte ein Stück zu ihm hin und stellte ihre Vorderläufe selbstbewusst auf seine Schuhe. Er hatte keine Ahnung von Hunden, aber er wusste, dass das keine Kuschelgeste war. Steffi machte ihr Revier klar. Und das einzige, was ihm blieb, war wegzukucken, um ihr jegliche Hoffnung auf eine Konfrontation zu nehmen.
Lucky ließ seinen Blick durchs Zimmer wandern, blieb für ein paar Sekunden an einem grotesk kitschigen ‚Delphin im Mondschein‘-Poster hängen, das so blau war wie das grausige Röntgenlicht der beiden Energiesparbirnen, die in schlichten Fassungen rechts und links vom Bett an der Wand hingen. Sie beleuchteten einen groben Nachttisch in 70er-Jahre-Nussholzfunier, auf dem die unvermeidliche Küchenrolle neben zwei verranzten Push-Fläschchen und einer Familienpackung Gummis thronte.
Der Sound des Duschstrahls versiegte, und keine Minute später stand Will im Raum, tropfnass und auf eine so obszöne Art nackt, dass Lucky gar nicht wusste, wohin er überall nicht kucken wollte. Nippelringe, Bauchnabelpiercing und – als Tiefpunkt der nach unten offenen Intimschmuckskala – ein gigantischer Prinz Albert, der Wills Eichel krönte wie ein Enterhaken.
„Ihr habt euch schon angefreundet?“ Will nickte Richtung Steffi, die immer noch auf Luckys Füßen stand und ihn anstarrte.
„Ich glaube, ihre drei Hirnzellen überlegen eher, welchen Teil von mir sie zuerst frisst.“
„Mal sehen, was übrigbleibt, wenn ich dich vernascht habe“, grinste Will. Damit zog er die Schublade des Nachttischchens auf und holte zwei rote Brokatlappen heraus, die er mit einiger Sorgfalt über die Energiesparbirnen an der Wand stülpte. Das Blaulicht bekam sofort einen Stich ins Ultraviolette, was einen sanften Schimmer auf Wills beängstigendes Eichelpiercing warf.
„Ficklichthussen?“, keuchte Lucky angewidert.
„Hat meine Mutter mir genäht. Süß, oder?“
„Weiß sie, dass du in diesem Licht ihren Schwiegersohn betrügst?“
„Sei kein Spießer, Lucky. Ist doch nur Sex.“
Damit schlug Will die kunstseidene Tagesdecke zurück, was zur Folge hatte, dass Lucky vor Entsetzen aufsprang, den Inhalt des Ginbechers auf eine bogenförmige Reise Richtung Billiglaminat schickte, dabei fast über Steffi stolperte, beim Anblick ihrer Zähne doch noch die Balance behielt und schließlich mit dem Rücken zur Wand seine Restsinne sammelte: In Bettwäsche-Optik grinste ihm eine gigantische Diddelmaus entgegen.
15 Minuten später lag Lucky stocknüchtern und glücklich zuhause. In jungfräulich weißer Leinenbettwäsche genoss er das großartige Gefühl eines würdigen Neins zur rechten Zeit.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lucky, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

23. SPRACHLOS IN NIPPES

Mit einem „Mach‘s gut, Lale“ hatte Hannes ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Dann war er in seiner Uniform aus ihrer Wohnung gestürmt und im Treppenhaus verschwunden. Seitdem hockte Lale in ihrem Flur, den Rücken an die Wohnungstür gelehnt, und weinte.
Wie konnte sie nur so blöd sein?! Sie hatte selbst Schuld, dass sie jetzt wie ein Häuflein Elend Rotz und Wasser heulte und sich vorkam wie die letzte Idiotin. Hannes war nicht gut für sie! Warum hatte sie das nur vergessen?!
An der Tür klopfte es. Sie stand auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah durch den Spion. Hannes. Was wollte der schon wieder? Sie öffnete die Tür nur einen Spalt weit.
„Was willst du“, fragte sie schroff und hoffte, dass sie nicht allzu verheult aussah. Dann fiel ihr auf, dass auch seine Augen verräterisch glänzten.
„Ich … “, stammelte er und verstummte. Im Treppenhaus hoch über ihnen entstand Tumult. Jemand polterte eilig die Stufen herunter. Lale zog ihre Tür auf und winkte Hannes in die Wohnung. Ihr Trennungsgespräch ging niemanden etwas an, schon gar nicht ihre ätzenden Nachbarn.

In der Küche setzten sie sich. Diesmal gab es keinen Tee. Der Himmel vor dem Fenster war stumpf und grau. Ebenso grau wie das Gefühl, das ihr Herz im Griff hielt.
Hannes sah sie an und suchte nach Worten. Genau so hatte gestern alles angefangen. Hier in dieser Küche. Warum hatte sie sich bloß nochmal auf ihn eingelassen? Sie wusste doch, dass er nicht für eine Beziehung taugte. Dass er immer dann die Flucht ergriff, wenn es ernst wurde. Und dass er sich immer dann ein wenig öffnete, wenn sie sich von ihm zurückzog. Wie sie dieses ewige Katz und Maus-Spiel hasste!
„Lass uns nicht im Streit auseinandergehen“, sagte er und studierte seine Hände. „Es kann so viel passieren … Ich will nicht, dass du denkst, mir fällt das leicht, dich loszulassen.“
In Lales Augen sammelte sich die nächste Tränenflut.
„Hannes, ich versteh einfach nicht, was dein Problem ist.“
Er hob den Kopf und sah sie an. Auf einmal wirkte er total verloren.
„Ich weiß es doch auch nicht, Lale. Ich weiß nur, dass du mir unendlich wichtig bist. Werd glücklich. Versprich mir das.“
„Wie denn?“, flüsterte sie. „Wie denn ohne dich?“
Doch darauf antwortete er nicht. Er saß einfach nur da, sprachlos, und starrte auf seine Beschützer-Hände.
„Ich hoffe, wir bleiben Freunde“, sagte er dann und stand auf.
Freunde, dachte Lale bitter. Was für ein schwacher Trost.
„Sicher, bleiben wir“, antwortete sie mechanisch und erhob sich ebenfalls. Er sollte bloß nicht merken, wie schlecht es ihr mit diesem schlappen Deal ging.
„Lale, es tut mir …“
„Schon okay“, unterbrach sie ihn. Dass es ihm leid tat, hatte er in den letzten Stunden oft genug gesagt. „Es ist nicht allein deine Schuld, dass das mit uns nicht funktioniert.“
Es tat weh, sich das einzugestehen, aber es stimmte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie von dem Moment, in dem sie sich kennengelernt hatten, gewusst, dass Hannes nicht der Mann war, mit dem sie alt werden würde.
Er nickte erleichtert. Und machte einen Schritt auf sie zu.
„Ich muss dann mal.“ Er nahm sie in den Arm und zog sie fest an sich.
„Klar.“ Sie löste sich von ihm und ging vor ihm her in den Flur. Die Hand auf der Klinke drehte sie sich zu ihm um.
„Pass auf dich auf da unten. Versprochen? Ich will nicht irgendwann an deinem Sarg stehen müssen.“ Sie versuchte ein Lächeln.
„Keine Sorge. Ich bin immer der erste, der in Deckung geht, wenn‘s ernst wird“, lächelte er zurück. Doch seine Augen lachten nicht mit.
An der Tür fanden sie beide keine Worte mehr. Ein letzter, inniger Kuss – und dann war er weg.
Diesmal endgültig, das spürte Lale.

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Lale, Neptunplatz
Tags:
Comments: No Comments.

24. SCHWESTERHERZSCHMERZ

Rudi saß in der Filmdose und klammerte sich an ihren heißen Orangensaft mit Ingwer. Hannes lächelte sie schuldbewusst an. Seine Augen waren gerötet.
„Ich versteh ja, dass du sauer bist, Rudi. Sorry. Ich war noch bei …“, er suchte nach Worten, fand offensichtlich keine und löffelte stattdessen stumm Zucker in seinen Milchkaffee.
Rudi nickte, ebenfalls wortlos. Sie hatte keine Lust, sich mit Hannes zu streiten. Er würde eh nicht verstehen, was ihr Problem war. Und auf einmal wusste sie, bei wem er die Nacht verbracht hatte. Die Erkenntnis stach ihr wie ein Stachel ins Herz.
„Du warst bei Lale, stimmt‘s?“
Hannes hob den Blick. Seine schwarzen Augen wirkten kühl, distanziert. Der Einsatz in Afghanistan hatte ihn verändert.
„Ich hab‘s lang nicht wahrhaben wollen“, nickte er nach einer Weile, „aber heute weiß ich, Lale hat zu Recht Schluss gemacht. Das musste ich ihr sagen.“
„Und dafür hast du den ganzen Abend und die ganze Nacht gebraucht?“ Rudi ballte eifersüchtig die Fäuste in ihrem Schoß. Wie konnte ihm seine Ex wichtiger sein als seine Schwester?
„Wir … ich …“, stotterte er. „Weißt du, als ich Lale …“
„Schon gut“, winkte Rudi ab. „Ich kann‘s mir denken: Revival-Sex mit der Ex. Übertrieben überflüssig, wenn du mich fragst.“
„Hast ja recht“, gab er zu. „Jetzt weiß ich das auch.“ Er hob seine Tasse hoch und pustete hinein. „Wir hatten Riesenzoff heute Morgen.“
Der Kellner, ein Glatzkopf mit zwei verschiedenfarbigen Augen, den Rudi flüchtig aus der Uni kannte, brachte das Frühstück.
„Und wie seid ihr jetzt auseinandergegangen?“, fragte sie so beiläufig wie möglich, während sie etwas von ihrem Rührei auf eine Scheibe Schwarzbrot schaufelte. Hannes sollte bloß nicht merken, dass sie ihn am liebsten in der Luft zerfetzt hätte.
„Keine Ahnung“, schüttelte er den Kopf. „Eigentlich dachte ich, Lale wär cool mit der Trennung. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.“
Rudi zwang sich, ruhig zu bleiben. Hannes kapierte anscheinend immer noch nicht, wie sehr Lale ihn geliebt hatte. Und vermutlich hatte sich daran bis heute nichts geändert. Aber das war nicht mehr Rudis Problem. Sie hielt sich da besser raus.
„Warum habt ihr zwei eigentlich keinen Kontakt mehr?“ Hannes biss in sein Honig-Brötchen. „Ihr wart doch die besten Freundinnen.“
„Als sie sich von dir getrennt hat, hat sie mich gleich mit abserviert.“
„Das tut mir leid, Schwesterherz.“
Rudi schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Orangensaft, der inzwischen leider lauwarm war.
„Vergiss es. Lass uns nicht von Lale reden. Wie ist es in Afghanistan? Und was für einen Film hast du in Bonn gedreht?“
Jetzt war es Hannes, der abwinkte.
„Ne Image-Geschichte. Die Bundeswehr braucht Soldaten für Auslandseinsätze. Bevorzugt Migranten, die sich vor Ort mit der einheimischen Bevölkerung verständigen können. Das soll zu mehr Akzeptanz und Sicherheit führen.“
„Und wofür brauchten die dich?“
„Ich bin der einzige aus meiner Einheit, der nicht wie ein Deutscher aussieht“, antwortete Hannes und biss seelenruhig in sein Brötchen. Rudi leerte ihr Glas und kaute missmutig auf einer Ingwerscheibe herum.
„Find ich total scheiße“, sagte sie dann. „Die machen dich zur Kokosnuss. Wir sind Schwarze Deutsche, das ist auch unser Land. Aber die Leute kapieren das nie, wenn du ihnen den Ausländer vorspielst.“
Hannes nickte abwesend und sah auf seine Uhr. Grundsatzgespräche über derartige Themen verabscheute er wie Gremlins das Wasser.
„Ich weiß. Aber lass uns jetzt nicht darüber streiten. Ich hab nicht mehr viel Zeit, und ich weiß noch gar nichts von dir. Wie geht‘s dir denn hier in Köln?“
„Alles bestens“, log Rudi. Was sollte sie ihm auch erzählen? Rührseliges aus ihrem tristen Single-Leben? Die neuesten Stories aus ihrer Horror-WG? Oder dass sie den Job in der Kneipe würde kündigen müssen, weil er sie von guten Leistungen in der Uni abhielt? Hannes war ihr großer Bruder, sie liebte ihn über alles. Aber etwas zwischen ihnen hatte sich verändert. Er war so distanziert. Total fremd irgendwie. Besser, wenn sie ihre Probleme in Zukunft allein anging. Sie zwang sich zu lächeln und sah in sein Pokerface.
Fühlte sich so Erwachsenwerden an?

Posted: Oktober 3rd, 2011
Categories: Neptunplatz, Rudi
Tags:
Comments: No Comments.