04. MEISTER PROPER-ALARM

Scheiße.
Mit einem Ruck setzte Rudi sich auf. Obwohl es stockdunkel in ihrem Zimmer war, wusste sie, dass sie mal wieder verpennt hatte. Rudi tastete nach dem Wecker – und richtig: Das verdammte Ding war stehen geblieben. Die Leuchtzeiger deuteten auf halb fünf, was in etwa die Zeit gewesen sein musste, zu der sie vorhin ins Bett gefallen war. Ein Blick auf ihre Handyuhr bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen: Es war schon kurz nach elf. Damit hatte sie nicht nur die Chance verpasst, vor ihren zwei verschlampten Mitbewohnern das Bad zu besetzen – es war auch definitiv zu spät für die Uni. Shit. Der Tag war jetzt schon gelaufen, dabei hatte er noch nicht mal richtig angefangen.
Genervt strampelte Rudi die Bettdecke zur Seite und setzte sich auf. Es musste sich was ändern. Der Job in der Kneipe brachte zwar das dringend benötigte Geld, aber die Uni schaffte sie so nie.
Rudi tastete sich zum Fenster und zog das Rollo hoch, der einzige Gegenstand, der in dieser Chaos-WG seinen Zweck zu einhundert Prozent erfüllte. Eigentlich hasste sie es, in totaler Dunkelheit zu schlafen, doch das rot pulsierende Licht der Falaffel-Leuchtreklame neben ihrem Fenster hatte ihr in den ersten WG-Nächten Alpträume in Clockwork-Orange-Qualität beschert.
Draußen auf der Straße war es grau und ungemütlich. Zwei zähe Schlangen hupender Autos rollten aneinander vorbei, eskortiert von verzweifelten Radfahrern, deren hektisches Geklingel nicht einmal die verfetteten Tauben aufschrecken konnte, die in Massen die Bürgersteige bevölkerten. Rudi schüttelte sich. Sie liebte Tiere. Aber Tauben …
Im Gegensatz zum Trubel auf der Straße war es in der WG totenstill. Ihre Mitbewohner schienen ausgeflogen zu sein. Vermutlich unterwegs, um neues Dope zu besorgen. Was für Honks. Wenn die so weiterkifften, würden sie bald Schablonen für ihre eigene Unterschrift brauchen.
Rudi wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den einzigen Lichtblick in ihrem schuhkartongroßen Zimmer: ein Poster von Worf, dem stolzen Klingonen des Star-Trek-Universums. Er war der Held ihrer Kindheit, denn er war schwarz wie Rudi und dazu so mutig und stark, wie sie immer hatte sein wollen. Hannes, ihr großer Bruder, hatte ihr das Poster geschenkt, bevor er in diesen verdammten Afghanistan-Krieg gezogen war.
Rudi warf sich ihren Bademantel über und huschte ins Bad. Die Holzdielen im Flur klebten unter ihren nackten braunen Füßen und erinnerten sie daran, dass es mal wieder Zeit für einen WG-Putz war.
Im Bad herrschte das übliche Chaos. Die Klobrille war hochgeklappt, die Jungs pinkelten also immer noch nicht im Sitzen. Wäre auch zu schön gewesen. In der Badewanne, die gleichzeitig als Dusche fungierte, lag ein rotblonder Teppich aus abrasierten Bartstoppeln. Der Duschvorhang hing inzwischen nur noch an einem Haken und war damit praktisch so nutzlos wie Rudis alltägliche Versuche, wenigstens das Waschbecken sauber zu halten. Wie immer war es übersät mit betonharten Zahnpasta-Spritzern und den langen, farblosen Kopfhaaren ihrer Mitbewohner. Aber sich darüber aufzuregen war zwecklos. Die zwei waren Jungs, dazu Studenten und Singles. Also gleich dreimal nicht in der Lage, Rudis Ansprüche in Sachen Sauberkeit und Ordnung zu erfüllen.
Routiniert schloss sie die Tür ab, hängte ihren Bademantel hinter die Türklinke und griff, jetzt nur noch in ihr altes Schlaf-Shirt mit dem Konterfei von Prince gehüllt, zu Eimer, Schwamm, Putzhandschuhen und Zitronenreiniger. Gut eine halbe Stunde später war das Bad so sauber, dass Meister Proper sich vor Ehrfurcht verbeugt hätte und Rudi beruhigt unter die Dusche springen konnte.
Zehn Minuten, eine Haarkur und eine penible Achselrasur später riss der Zapfenstreich sie abrupt aus der inneren Versenkung. Der militärische Klingelton meldete eine SMS von ihrem Vater, den sie und Hannes seit jeher nur „den Major“ nannten.
„Hannes in Deutschland eingetroffen. Quelle inoffiziell, bewahre  vorerst Stillschweigen. Dein Vater.“
Oh Gott, bitte nicht.
Von jetzt auf gleich wurde Rudi kotzübel. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und der Boden zog ihren zitternden Körper bleischwer in die Tiefe. Was bedeutete das? War Hannes verwundet? Hatte es einen weiteren Terror-Anschlag auf Deutsche Soldaten gegeben? War er … tot? Nein. Das konnte nicht sein. Dann hätte der Major sofort angerufen. Aber vielleicht war Hannes schwer verletzt und musste in ein deutsches Spezialkrankenhaus transportiert werden. Sollte sie den Major anrufen, um mehr zu erfahren? Besser nicht. Er hatte ja Stillschweigen angeordnet. Sie würde warten müssen. Warten und hoffen, dass Hannes nichts Schlimmes passiert war …

06. BUNDESWEHR-PR

Ihre Ängste und Sorgen wegen der SMS des Majors hatte Rudi in den letzten zwei Stunden im Bree-Van-De-Kamp-Modus weggeputzt, weggesaugt und poliert. Bad, Küche und Flur waren jetzt blitzblank, sogar die Fenster hatte sie geputzt. Okay, die Fenster der Jungs hatte sie ausgespart, aber dafür hatte sie sich das Wohnzimmer vorgenommen – in dem neuerdings das Sofa fehlte, seit irgendeine Tussi es mit einem THC-beschleunigten Trampolinsprung in Dutzende Kleinteile zerlegt hatte.
Geschafft saß Rudi in der erstaunlich gemütlichen Küche auf einem erstaunlich stabilen Stuhl und beobachtete den dampfenden Wasserkocher. Sie hatte gute Arbeit geleistet, die Wohnung konnte sich sehen lassen. Selbst der Major wäre zufrieden. Der Kocher begann zu brodeln, und wie durch Zauberhand floss durch ein unsichtbares Loch in der Nähe des Griffs ein Rinnsal kochend heißes Wasser. Rudi stand auf, hob den Kocher vorsichtig an und goss einen Schwall Wasser über den Beutel Schwarztee in ihrer Worf-Tasse. Die hatte Hannes ihr vor Jahren aus New York mitgebracht.
Hannes.
Oh Gott.
Hoffentlich war er unverletzt.
Ohne lange nachzudenken, griff Rudi zum Handy.
„Rudi-Schatz!“
„Hi, Mama.“
„Dass du dich mal meldest!“
Rudi atmete erleichtert auf. Ihre Mutter klang völlig normal, im Hintergrund summte der Staubsauger, es konnte also nichts Schlimmes mit Hannes passiert sein.
„Stör ich?“
„Ich saug grad. Was gibt es denn?“
„Ich ruf an wegen Hannes.“ Rudi tunkte einen Löffel in das Glas Thymianhonig, das neben ihrer Tasse auf dem Tisch stand. Am anderen Ende verstummte der Staubsauger.
„Weißt du schon, wann er ankommt? Dass er bei dir übernachten kann, hat deinen Vater einige Mühe gekostet. Gut, dass er seine Kontakte ins Ministerium …“
„Hä?“ Rudi pfefferte den Löffel mit Honig unsanft in ihre Tasse.„Hannes kommt? Zu mir? Ich dachte, ihm ist was passiert!“
„Nein, Schatz“, flötete ihre Mutter besänftigend, „Hannes geht es gut!“
„Und woher soll ich das wissen? Kannst du mich mal aufklären?“
„Ach Kind … die Bundeswehr dreht einen Image-Film. Mit Soldaten, die im Auslandseinsatz sind. Und dein Bruder spielt mit! Ist das nicht toll?“
Abgesehen davon, dass die Bundeswehr und Werbung für die Bundeswehr ganz und gar nicht toll waren, störte Rudi etwas anderes.
„Und wieso Hannes?“
„Sie wollen zeigen, dass die Truppe auch Ausländer nimmt, wenn sie die Deutschen Werte verinnerlicht haben. Und weil dein Bruder nun mal nicht typisch Deutsch aussieht …“
„Typisch Deutsch?“ Wütend rührte Rudi ihren Löffel durch den Tee. „Wie muss man denn so aussehen als typisch Deutscher? Blond und blauäugig, mit SS-Runen am Hals?“
„Gertrud Hansen“, schimpfte ihre Mutter, „du redest Unsinn.“
„Tu ich nicht, Mama! Überleg doch mal: Dass ein Schwarzer ganz normal Deutsch sein kann, geht in die Köpfe der Leute nicht rein. Und Hannes sorgt auch noch dafür, dass das so bleibt, wenn er den Quoten-Exoten spielt.“
„Kind,“ jetzt klang auch ihre Mutter verärgert, „ich frag mich, was du in letzter Zeit hast. Du bist so aggressiv.“
„Bin ich nicht! Ich hab nur keinen Bock mehr, den Mund zu halten, wenn mir was nicht passt.“ Rudi stoppte den Löffel und beobachtete den Wirbel, der sich um den Stiel herumdrehte.
„Schatz“, probierte ihre Mutter es in einem versöhnlichen Tonfall, „freu dich doch, dass du Hannes endlich wieder siehst! Ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele.“
Rudi zog den Löffel aus der Tasse und hob sie auf Augenhöhe. Worf sah ihr mit seinem unbestechlichen Blick direkt ins Herz.
Irgendwie hatte ihre Mutter ja recht. Hannes kam. Gesund.
Vielleicht war das wirklich das einzige, was zählte.

 

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12. DATE MIT JOAQUIN

Rudi griff in die riesige Tüte, die zwischen ihren Knien klemmte, und warf sich eine Handvoll salziges Popcorn in den Mund. Weiter links von ihr knutschte ein älteres Paar, und zwei Reihen vor ihr versuchte eine Horde balzender Teenie-Jungs, eine Gruppe Mädels zu beeindrucken. So, wie es aussah, mit Erfolg.
Rudi kuschelte sich tiefer in den lädierten Kinosessel und grinste innerlich. Ihr stand ein Film mit Joaquin Phoenix bevor und danach ein Wiedersehen mit ihrem großen Bruder, den sie seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Abgesehen von den paar Skype-Dates, aber die zählten nicht. Dabei hatte sie Hannes zwar sehen können, aber gefühlsmäßig waren sie Galaxien voneinander entfernt geblieben.
Der Saal wurde dunkel, und der rote, mottenzerfressene Vorhang öffnete sich. Hier gab es keine Werbung, der Film würde sofort beginnen – dem 1-Euro-Kino sei Dank!
„Hier ist doch bestimmt noch frei, oder??“
Rechts neben Rudi stand ein Typ und deutete auf den Platz neben ihr. Auf den sie extra ihre Jacke gelegt hatte.
Der Typ war allein, da stand keine Gruppe von Menschen hinter ihm, für die Rudi hätte einen Platz weiter rücken können. Der wollte doch nicht wirklich direkt neben ihr sitzen? Bei schätzungsweise zwanzig freien Plätzen im Raum?
„Kommt noch jemand. Sorry“, log Rudi.
„Oh, okay. Nehm ich halt den daneben. Dann können wir deine Begleitung von zwei Seiten wärmen.“
Der Typ ließ den Platz neben Rudi frei und setzte sich. Er trug Stetson-Hut und Hornbrille und einen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen FDP und CDU. Rudi fischte nach der Flasche Kölsch, die sie unter ihrem Sitz geparkt hatte. Na toll. Für ihren Geschmack hätte er sich ruhig ein paar Reihen weiter weg setzen können.
„Salute“, prostete er und hielt ihr sein Tuborg entgegen. „Mal sehen, ob Signs uns heute überzeugen kann!“
Rudi rang sich ein nicht zu freundliches Lächeln ab und prostete zurück. Dänisches Bier. Wer trank denn sowas? Sie tippte auf Filmstudent. Einer von der Sorte, die jeden Film hassten, der nicht von einem Regisseur stammte, der entweder mit Minderjährigen schlief oder seine Frau für seine Adoptivtochter verließ.
Plötzlich blinkte auf ihrer Jacke das lautlos gestellte Handy.
Eine SMS von Hannes: „Hey Sis, 10 klappt auch nicht. Wird eher 12. Freu mich auf später. Pommes & Döner? Oder Bier & Chips?“
Rudi starrte auf das Display. Das war jetzt schon die dritte SMS in Folge, in der Hannes die Uhrzeit nach hinten schob. Was machte er bloß? Der Bundeswehr-Dreh musste doch längst beendet sein.
„Freu mich auch. Ruf an, falls es früher klappt. Bin noch in der Stadt. Kölsch & Salzbretzeln!“, tippte sie und drückte auf Senden. So langsam kamen ihr Zweifel, ob sie Hannes tatsächlich zu Gesicht kriegen würde.
Sie warf sich eine neue Ladung Popcorn in den Mund und spülte mit Kölsch nach. Endlich begann der Film.
„Du kennst den Streifen auch schon, oder?“, fragte der peinliche Stetson von der Seite und stippte dabei seinen Hut aus der Stirn. Als hätte er seinen Abschluss am Clint-Eastwood-Kolleg gemacht.
„Hmmm“, murmelte Rudi. Bloß nicht zu freundlich sein, sonst fühlte er sich noch aufgefordert, weiter zu texten.
„Kein Hollywood-Highlight, oder?“, dozierte er. „Ziemlich vorhersehbare Story. Und der Twist im dritten Akt – gute Güte! Viel zu platt.“ Er lachte plötzlich. „Sorry, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin der Bernd.“
Rudi hob wortlos die Flasche. „Der-Bernd“ war ja wohl völlig schmerzfrei. Warum setzte ein Mann einen männlichen Artikel vor seinen Namen? Aus Angst, dass man ihn sonst für ein Mädchen hielt?
„Und hast du auch einen Namen? Oder soll ich einfach Prinzessin sagen?“
„Sorry, der-Bernd“, flüsterte Rudi, drückte sich dabei tief in ihren Sessel und nickte auch für Hörgeschädigte verständlich Richtung Leinwand, „ich hab ein Date mit Joaquin Phoenix.“
Das schien gesessen zu haben. Er lehnte sich wortlos zurück und zog seinen Hut tief über die Augen. Es sah nicht wirklich so aus, als ob er überhaupt noch etwas von der Leinwand sehen konnte, aber darüber konnte und wollte Rudi sich keine Gedanken machen.
Jetzt war Joaquin-Phoenix-Zeit, und dieses Date ließ sie sich von niemandem versauen.

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15. TRESENTALK

Der-Bernd hatte den Film über kein Sterbenswörtchen mehr gesagt. Als das Licht den Kinosaal erhellte und die wenigen Besucher sich von ihren Sitzen erhoben, war sein Platz gottseidank verwaist.
Rudi blieb sitzen und las den Abspann. Irgendwann würde auch ihr Name auf einer Leinwand zu lesen sein. Sie verließ den Saal als letzte. Draußen vor dem Kino herrschte geschäftiges Treiben. Kein Vergleich mit Bielefeld, wo um diese Uhrzeit schon großflächig die Bürgersteige hochgeklappt wurden. Rudi sah auf ihr Handy. Keine neue Nachricht von Hannes. Also genug Zeit für einen Absacker. Vielleicht würde sie ein paar Unileute treffen. Mit denen hatte sie bisher nicht viel Kontakt. An den Wochenenden fuhr sie immer noch viel zu oft nach Hause, und unter der Woche verbrachte sie ihre Zeit entweder in der Unibibliothek oder im Kino.
Noch geflasht von Joaquin Phoenix‘ Optik und Performance, fuhr Rudi auf ihrem Rad Richtung Belgisches Viertel, direkt ins Hallmackenreuther.
Der Laden war gut gefüllt mit den üblichen Verdächtigen: Kreative, die gebannt in ihre Laptops starrten, frisch Verliebte, die einander zum Glück unverständliche Liebeserklärungen zuraunten, und Styler, die auf geübt nebensächliche Art ihre Blicke schweifen ließen. Hier wurde gelacht, da diskutiert und dort sogar gestritten.
Rudi ging einmal ganz durch den Laden und sog die Atmosphäre in sich auf. Leider entdeckte sie dabei kein bekanntes Gesicht. Aber deswegen würde sie nicht unterkriegen lassen. Jetzt, wo sie einmal hier war, wollte sie auch bleiben.
„Na, wenn das kein Zufall ist.“
Der-Bernd. Der Stetson-Behütete aus dem Kino. Er stand vor ihr, lässig an den Tresen gelehnt. Heute war irgendwie der Wurm drin.
„Auch ein Kölsch?“, fragte er und hob zwei Finger in die Luft. Prompt bekam er zwei Gläser in die Hand gedrückt. „Hier.“ Er hielt Rudi ein Glas hin. „Und jetzt verrätst du mir hoffentlich deinen Namen.“
„Rudi.“ Irgendwas in seinem Gesicht stimmte nicht.
„Rudi? Wie Rudolf?“
„Wie Gertrud.“
Plötzlich wusste sie, was sie schon die ganze Zeit irritiert hatte: Der-Bernd hatte entweder keinen Bartwuchs, oder er epilierte sich sein Gesicht. Seine Haut war glatt wie ein Babypopo. Und der ganze Typ sowieso absolut nicht ihr Fall.
„Ah. Na dann Prost, Rudi.“
„Prost, der-Bernd.“ Rudi nahm einen Schluck und überlegte, wie lange er wohl an seinem Outfit herumgebastelt hatte. Zu Hut und Hornbrille trug er einen schwarzen, knielangen Ledermantel. Darunter blitzen Jeans und ein rosafarbenes Hemd hervor.
„Jetzt mal im Ernst“, fragte der-Bernd mit gespielter Entrüstung, „warum hast du dir bloß Signs angesehen? Du studierst Film, oder? Bei mir an der KHM? Du kommst mir bekannt vor.“
„Nee, ich studier Medienwissenschaft. An der Uni.“
„Oh Gott. Wirklich? Dann kennst du bestimmt Katinka. Obwohl – die bricht gerade ab und geht nach München. Hat Blut geleckt in meinem Abschlussfilm. Großes Schauspieltalent.“
Rudi schüttelte wortlos den Kopf und nuckelte an ihrer Flasche. Der-Bernd schien sich ziemlich geil zu finden. Hinterm Tresen warf ihr ein großer, schlanker Typ einen aufmunternden Blick zu. Vermutlich sah er ihr an, wie sehr sie sich gerade langweilte.
„Aber noch mal zurück zum Film“, schob sich der-Bernd wieder in ihren Fokus, „den kannst du nicht ernsthaft gut finden. Hast du dir dieses CGI-Monster am Schluss mal genauer angesehen? Wie im Legoland! Und diese inszenierte Langeweile! Jeder Rosamunde-Pilcher-Sonntag hat mehr Pep!“
„Seh ich total anders,“ trotzte Rudi. Sie hatte zwar noch keinen Schimmer von Film-Theorie. Aber von so einem Stetson-Poser würde sie sich Joaquins zweitbesten Film nicht kaputtreden lassen.
„Ich finde Signs spielt mit der Isolation und der Bedrohung, die von außen einbricht. Das ist ein brandaktuelles Thema, kuck dir nur Japan an. Und ob ein Alien echt aussieht, soll meinetwegen Erich von Däniken entscheiden, da halte ich mich raus.“
Der-Bernd musterte Rudi, als hätte sie ihm soeben ins Gesicht gerotzt. „Schätze, du studierst noch nicht so lang“, presste er herablassend hervor. Dann exte er sein Kölsch und knallte es eine Spur zu laut auf den Tresen. „Ich muss mal weiter. War nett, mit dir zu diskutieren, kleine Rudi.“
„Gleichfalls, der-Bernd“, gab Rudi lächelnd zurück.
Der-Bernd tippte sich an seinen Hut und suchte das Weite.
Zurück blieb Rudi. Mit dem Gefühl, eine große Schlacht gegen einen übertrieben selbstbewussten Goliath gewonnen zu haben.

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21. DAS NACKTE GRAUEN

Rudi lag in ihrem Bett und starrte in die Dunkelheit. Sie hatte mörderschlecht geschlafen. Schuld daran war Hannes. Sie tastete nach ihrem Handy und rief seine letzte SMS auf: „Sorry Schwesterchen, klappt heute doch nicht mehr. Sei nicht böse, hol dich zum Frühstück ab. Drück dich, H.“
Sie hatte gestern nicht darauf geantwortet, dafür war sie zu enttäuscht gewesen. Auch jetzt, nachdem sie die letzten Stunden darüber gegrübelt hatte, wusste sie noch nicht, wie sie Hannes begegnen sollte. Sie freute sich, ihn wiederzusehen, klar. Aber sie war auch stinkwütend. Er hatte sie den ganzen Abend warten lassen, nur um ihr dann in einer läppischen SMS abzusagen. Was bildete der sich eigentlich ein?!
Draußen auf dem Flur schepperte es, gleich darauf jaulte ein Hund. Na toll. Vermutlich der nervige Terrier der Trampolin-Tussi. Es klopfte an ihrer Tür.
„Was?“ Rudi setzte sich auf und gähnte. Dabei riss sie ihren Mund so weit auf, dass sie sich fast den Kiefer ausrenkte. Die Zimmertür öffnete sich einen kleinen Spalt, und zusammen mit etwas Flurlicht schob sich der kurz geschorene, wasserstoffblonde Haarschopf der Trampolin-Tussi in den Raum.
„Morgen Rudi“, flötete sie, „sag mal, ich und die Jungs wollen ins Agrippabad zum Frühschwimmen. Kannst du auf den Hund aufpassen?“
„Ich?“ Soweit kam es ja wohl noch. Rudi mochte Hunde. Aber diese Töle? „Nee, sorry. Bin verabredet.“ Und das war nicht mal gelogen.
„Kannst du ihn nicht trotzdem nehmen?“
Was für eine Frage. Natürlich nicht, sonst hätte sie ja nicht „nein“ gesagt. Plötzlich wurde es glühbirnenhell. Über den Kopf der Trampolin-Tussi schob sich ein zweiter durch den Türspalt. Er gehörte dem größeren von Rudis Mitbewohnern, der – ebenso wie der Kleinere – Jürgen hieß.
„Hey Rrrrudiiii!“
Zum ersten Mal, seit sie in der WG wohnte, fiel Rudi auf, dass Jürgen und Jürgen sie an Cheech & Chong erinnerten, zwei Kiffer aus einer Kinokomödie, die sie mal gesehen hatte. Bis auf die Haarfarbe ähnelten die vier einander sehr: Alle waren dauerbreit, schwer von Begriff und für Rudis Geschmack im Gesicht viel zu behaart. Der größere Jürgen zum Beispiel trug zur Zeit einen buschigen Schnurrbart im 70er-Jahre-Porno-Style.
„Licht aus“, maulte Rudi blinzelnd.
„Jawoll, Prinzessin“, brüllte Jürgen, alias Cheech, und prompt ging das Licht wieder aus. „Und? Nimmste den Hund?“
„Nee, sie hat was vor“, antwortete die Trampolin-Tussi in einem Tonfall, der verriet, dass sie Rudi kein Wort glaubte.
„Wenn sie was vor hat, hat sie was vor. Dann nehmen wir den Hund halt mit“, entschied Cheech gönnerhaft.
„Ins Schwimmbad?“, zweifelte die Trampolin-Tussi.
„Klar, warum nicht? Hunde lieben Wasser“, antwortete Cheech so überzeugt wie ahnungslos.
„Könnt ihr das vielleicht draußen besprechen“, gähnte Rudi ein zweites Mal. Diesmal achtete sie allerdings darauf, ihren Kiefer nicht allzu weit auseinanderzureißen.

Etwa zehn Minuten später fiel die Wohnungstür ins Schloss, Stille kehrte ein. Rudi wusste nicht, wann Hannes sie zum Frühstücken abholen würde, aber wie sie ihn kannte, würde das bald sein.
Sie öffnete die Badezimmertür – und brauchte eine Weile, um das Grauen einzuordnen, das sich ihr da offenbarte. Vor ihr stand Jürgen Nummer zwei, also Chong. Vollkommen nackt  – bis auf die Socken. Leider war das nicht alles. Er putzte sich die Zähne, was zugegeben nicht schlimm, sondern sogar völlig in Ordnung war. NICHT in Ordnung war allerdings, dass er dafür Rudis elektrische Zahnbürste benutzte!
„Bis du wahnsinnig?! Das ist meine!“
„Deine was?“
„Zahnbürste, du Honk!“
„Ach so. Ja. Aber meine ist irgendwie weg.“ Chong sah sich im Bad um und zuckte hilflos mit den Schultern. Diese körperliche Erschütterung brachte sein bestes Stück bedrohlich ins Schlenkern. Rudi kniff entsetzt die Augen zu. Hoffentlich bekam sie den Anblick jemals wieder von ihrer Netzhaut gelöscht.
Ihr Blick fiel wieder auf ihre Zahnbürste, die immer noch in Chongs Mund herumbrummte. In der Tiefe ihrer Lippen brodelte schon der Herpes …

 

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24. SCHWESTERHERZSCHMERZ

Rudi saß in der Filmdose und klammerte sich an ihren heißen Orangensaft mit Ingwer. Hannes lächelte sie schuldbewusst an. Seine Augen waren gerötet.
„Ich versteh ja, dass du sauer bist, Rudi. Sorry. Ich war noch bei …“, er suchte nach Worten, fand offensichtlich keine und löffelte stattdessen stumm Zucker in seinen Milchkaffee.
Rudi nickte, ebenfalls wortlos. Sie hatte keine Lust, sich mit Hannes zu streiten. Er würde eh nicht verstehen, was ihr Problem war. Und auf einmal wusste sie, bei wem er die Nacht verbracht hatte. Die Erkenntnis stach ihr wie ein Stachel ins Herz.
„Du warst bei Lale, stimmt‘s?“
Hannes hob den Blick. Seine schwarzen Augen wirkten kühl, distanziert. Der Einsatz in Afghanistan hatte ihn verändert.
„Ich hab‘s lang nicht wahrhaben wollen“, nickte er nach einer Weile, „aber heute weiß ich, Lale hat zu Recht Schluss gemacht. Das musste ich ihr sagen.“
„Und dafür hast du den ganzen Abend und die ganze Nacht gebraucht?“ Rudi ballte eifersüchtig die Fäuste in ihrem Schoß. Wie konnte ihm seine Ex wichtiger sein als seine Schwester?
„Wir … ich …“, stotterte er. „Weißt du, als ich Lale …“
„Schon gut“, winkte Rudi ab. „Ich kann‘s mir denken: Revival-Sex mit der Ex. Übertrieben überflüssig, wenn du mich fragst.“
„Hast ja recht“, gab er zu. „Jetzt weiß ich das auch.“ Er hob seine Tasse hoch und pustete hinein. „Wir hatten Riesenzoff heute Morgen.“
Der Kellner, ein Glatzkopf mit zwei verschiedenfarbigen Augen, den Rudi flüchtig aus der Uni kannte, brachte das Frühstück.
„Und wie seid ihr jetzt auseinandergegangen?“, fragte sie so beiläufig wie möglich, während sie etwas von ihrem Rührei auf eine Scheibe Schwarzbrot schaufelte. Hannes sollte bloß nicht merken, dass sie ihn am liebsten in der Luft zerfetzt hätte.
„Keine Ahnung“, schüttelte er den Kopf. „Eigentlich dachte ich, Lale wär cool mit der Trennung. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.“
Rudi zwang sich, ruhig zu bleiben. Hannes kapierte anscheinend immer noch nicht, wie sehr Lale ihn geliebt hatte. Und vermutlich hatte sich daran bis heute nichts geändert. Aber das war nicht mehr Rudis Problem. Sie hielt sich da besser raus.
„Warum habt ihr zwei eigentlich keinen Kontakt mehr?“ Hannes biss in sein Honig-Brötchen. „Ihr wart doch die besten Freundinnen.“
„Als sie sich von dir getrennt hat, hat sie mich gleich mit abserviert.“
„Das tut mir leid, Schwesterherz.“
Rudi schüttelte den Kopf und nippte an ihrem Orangensaft, der inzwischen leider lauwarm war.
„Vergiss es. Lass uns nicht von Lale reden. Wie ist es in Afghanistan? Und was für einen Film hast du in Bonn gedreht?“
Jetzt war es Hannes, der abwinkte.
„Ne Image-Geschichte. Die Bundeswehr braucht Soldaten für Auslandseinsätze. Bevorzugt Migranten, die sich vor Ort mit der einheimischen Bevölkerung verständigen können. Das soll zu mehr Akzeptanz und Sicherheit führen.“
„Und wofür brauchten die dich?“
„Ich bin der einzige aus meiner Einheit, der nicht wie ein Deutscher aussieht“, antwortete Hannes und biss seelenruhig in sein Brötchen. Rudi leerte ihr Glas und kaute missmutig auf einer Ingwerscheibe herum.
„Find ich total scheiße“, sagte sie dann. „Die machen dich zur Kokosnuss. Wir sind Schwarze Deutsche, das ist auch unser Land. Aber die Leute kapieren das nie, wenn du ihnen den Ausländer vorspielst.“
Hannes nickte abwesend und sah auf seine Uhr. Grundsatzgespräche über derartige Themen verabscheute er wie Gremlins das Wasser.
„Ich weiß. Aber lass uns jetzt nicht darüber streiten. Ich hab nicht mehr viel Zeit, und ich weiß noch gar nichts von dir. Wie geht‘s dir denn hier in Köln?“
„Alles bestens“, log Rudi. Was sollte sie ihm auch erzählen? Rührseliges aus ihrem tristen Single-Leben? Die neuesten Stories aus ihrer Horror-WG? Oder dass sie den Job in der Kneipe würde kündigen müssen, weil er sie von guten Leistungen in der Uni abhielt? Hannes war ihr großer Bruder, sie liebte ihn über alles. Aber etwas zwischen ihnen hatte sich verändert. Er war so distanziert. Total fremd irgendwie. Besser, wenn sie ihre Probleme in Zukunft allein anging. Sie zwang sich zu lächeln und sah in sein Pokerface.
Fühlte sich so Erwachsenwerden an?

Posted: Oktober 3rd, 2011
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RUDI

Gertrud „Rudi“ Hansen (22) ist Single, Schwarze Deutsche, idealistisch, neugierig, auf der Suche nach der großen Liebe. Das Studium der Medienwissenschaft hat sie aus Bielefeld nach Köln verschlagen. Sie liebt Star-Trek, Wärmflaschen, rasierte Radfahrerbeine und Kartoffeln in jedem Zustand, sie hasst ungeduldige Rentner in Supermarktschlangen und Alltagsrassisten und würde niemals zugeben, dass sie noch Jungfrau ist.

Posted: September 28th, 2011
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